Medizinversuche: Land will Aufklärung

Die niedersächsische Landesregierung will die mutmaßlichen Arzneimitteltests und Medizinversuche an Kindern in Heimen und Psychiatrien zwischen 1945 und 1976 aufklären. Das Land werde dann auch mögliche Entschädigungszahlungen und staatsanwaltschaftliche Ermittlungen prüfen.

Mit ersten Ergebnissen aus einem entsprechenden Forschungsauftrag sei nicht vor Mitte des Jahres zu rechnen, sagte Sozialministerin Carola Reimann (SPD) am Donnerstag im Landtag. Der Abschlussbericht werde erst Ende 2018 vorliegen.

Erst dann könne geklärt werden, inwieweit das Ministerium von den Vorkommnissen etwa im ehemaligen Landeskrankenhaus in Wunstorf gewusst habe. Untersucht werden solle auch, ob Pharmaunternehmen und noch lebende Ärzte sich nach damaliger Gesetzeslage strafbar gemacht oder gegen ethisch-medizinische Standards verstoßen hätten, sagte Reimann in einer Antwort auf eine dringliche Anfrage der AfD. Dass es Medizinversuche und Impfstudien ohne Einwilligung der Betroffenen oder deren Sorgeberechtigten gegeben habe und Kindern damit Leid und Unrecht angetan wurde, sei unstrittig. Nach den heutigen Gesetzen seien solche Tests nicht mehr möglich.



Die Untersuchung wird vorgenommen vom Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart. Die Landesregierung hat dafür nach Angaben der Ministerin 150.000 Euro zur Verfügung gestellt. Sie habe den Auftrag nach außerhalb vergeben, weil die Landesregierung damals Dienstherrin der Klinik in Wunstorf gewesen sei. Das Stuttgarter Institut sei gewählt worden, weil es weder Drittmittel aus der Pharmaindustrie erhalte noch eine Nähe zu einer Universität habe. Denn möglicherweise sei auch die Universitätsmedizin an den Versuchen beteiligt gewesen.

Opfer könnten sich schon jetzt an die Stiftung "Anerkennung und Hilfe" wenden, sagte Reimann. Die Stiftung kümmere sich um Menschen, die Leid und Unrecht in Einrichtungen der Behindertenhilfe oder der Psychiatrie erlebt haben. Archive, etwa auch von Pharmaunternehmen, die für den Forschungsauftrag relevant sein könnten, seien gesichert worden, damit nicht Beweismaterial vernichtet werden könne.   

Hintergrund ist eine im Herbst 2016 erstmals veröffentlichte Studie der Pharmakologin Sylvia Wagner. Darin sind die inzwischen gestorbenen Ärzte Hans Heinze senior und sein Sohn Hans Heinze junior aus Wunstorf genannt und der ebenfalls gestorbene Gerhard Joppich von der Uni Göttingen. Heinze junior hat von 1974 bis 1989 als Psychiatriereferent im Ministerium gearbeitet. Zu den beteiligten Pharmaunternehmen gehörte den Angaben zufolge unter anderem die Firma Behringer.