TV-Tipp: "Wilsberg: Morderney" (ZDF)

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TV-Tipp: "Wilsberg: Morderney" (ZDF)
6.1., ZDF, 20.15 Uhr
Wie gut gerade einer ehrwürdigen Reihe wie "Wilsberg" hin und wieder eine kleine Auffrischung tut, hat sich zu Beginn des letzten Jahres gezeigt, als sich Kommissarin Springer (Rita Russek) in der Folge "Der Betreuer" vorübergehend um ihre minderjährige Nichte Merle kümmern musste. Sowohl die Figur wie auch ihre Darstellerin Janina Fautz brachten derart viel Leben in die ansonsten eher durchschnittliche Episode, dass die Verantwortlichen die richtige Lehre daraus gezogen haben; seither hält Merle die alten Herrschaften regelmäßig auf Trab. Manchmal genügt es ja in der Tat, ein entscheidendes Detail zu verändern, um einen kleinen Paradigmenwechsel herbeizuführen.

Für die 58. Folge, "Morderney", haben sich der Sender, das Produzententeam und Autor Stefan Rogall ein Szenario ausgedacht, das gleich zwei weitere einschneidende Änderungen mit sich bringt: Der Münsteraner Privatdetektiv Wilsberg (Leonard Lansink) verlässt erstmals sein heimisches Westfalen. Er begleitet Anna Springer und ihre Nichte nach Norderney, wo das Trio 14 Tage Urlaub machen will. Ein Ortswechsel ist immer ein probates Mittel für neue Impulse, aber die "Morderney"-Schöpfer setzen noch eins drauf, und das ist wirklich mal eine Überraschung: Am Strand der friesischen Insel wird die Leiche eines erschlagenen Mannes gefunden. Der Mord fällt in die Zuständigkeit eines Hauptkommissars aus Leer, und der ist niemand anders als Jan Brockhorst (Felix Vörtler) aus der ZDF-Krimireihe "Friesland"; kurz drauf taucht auch die selbsternannte Forenskerin Insa Scherzinger (Theresa Underberg) auf. Diese "Crossover"-Idee ist so verblüffend, dass die eigentliche Handlung fast zur Nebensache wird, zumal das Thema für Inselkrimis nicht untypisch ist: Der gierige Unternehmer Tiedemann (Bernhard Schütz) will in einem Naturschutzgebiet eine Hotelanlage errichten.

Allerdings scheint sich selbst Stefan Rogall, von dem neben einigen gelungenen Büchern für die Reihe zuletzt auch die verunglückte Weihnachtsfolge "Alle Jahre wieder" stammt, nicht sonderlich für die Krimiebene interessiert zu haben, zumal die Geschichte ohnehin eher schlicht ist. Viel interessanter ist der Zusammenprall der Kulturen: hier die eigensinnigen Westfalen, dort die nicht minder sturen Friesen; gerade die Insulaner machen keinen Hehl daraus, dass sie für Besserwisser vom Festland nicht viel übrig haben. Weil Merle angesichts der etwas überfordert wirkenden Inselpolizistin (Nadine Wrietz) Springers Mitarbeiter Overbeck (Roland Jankowsky) nach Norderney bestellt hat, ist das "Wilsberg"-Ensemble fast komplett; die Mitwirkung von Oliver Korittke und Ina Paule Klink beschränkt sich diesmal auf Pro- und Epilog. Dank der Durchmischung der beiden Teams ergeben sich äußerst reizvolle Konstellationen: Während Brockhorst großen Gefallen an der Kollegin aus Münster findet und damit prompt Wilsbergs Unmut weckt, wirft sich Overbeck mächtig ins Zeug, um Apothekerin Insa zu beeindrucken. Die Ermittlungen sind im Grunde nur Mittel zum Zweck, weshalb sich beispielsweise Rike Schmid gar nicht recht entfalten kann: Sie spielt die kühle Inselschönheit Saskia, die einst sogar Miss Norderney war und heute von Tiedemann wie eine lebende Trophäe im goldenen Käfig gehalten wird. Wer noch nie einen Krimi gesehen hat, wird womöglich tatsächlich überrascht sein, dass der Tote vom Strand Opfer einer Beziehungstat geworden ist. Später gibt es eine zweite Leiche, und jetzt wird der Hintergrund ziemlich widerlich. Auch das aber bleibt bloß ein Geplänkel am Rande, zumal die entsprechenden Umstände nur durch eine nebulöse Rückblende illustriert werden; die Familientauglichkeit dieses Samstagskrimis wird nicht weiter beeinträchtigt. Viel maßgeblicher für die Qualität des Films sind die Dialoge. Die besten Einzeiler hat wieder mal Janina Fautz, weil Merle fröhlich mit Giftpfeilen um sich schießen darf ("Kinderurlaub mit zwei Scheintoten"). Den Fall hat die Nachwuchsdetektivin ohnehin schon gelöst, als die anderen noch nicht mal ahnen, dass es überhaupt einen gibt. Weil sie unter anderem die uneingestandene Liebesbeziehung zwischen Wilsberg und Springer treffend analysiert, wird ihr wiederholt empfohlen, sie solle doch Psychologin werden; das muss man als Nachwuchsschauspielerin erst mal glaubwürdig hinbekommen.

Anders als die ebenfalls von Dominic Müller inszenierte und zum Teil nur krampfhaft komische Komödie "Alle Jahre wieder" ist "Morderney" größtenteils recht gelungen, zumal Buch und Regie für einige wirklich pfiffige Momente sorgen; auch davon profitiert zumeist die junge Janina, deren Merle der geheimnistuerischen Inselpolizistin Sigrid Vierboom mit einem lockeren "Top Sigrid" die Luft rauslässt. Rogall traut sich sogar einen politisch inkorrekten Scherz, als Brockhorst die querschnittsgelähmte Merle als Enkelin von Robert T. Ironside bezeichnet (die gleichnamige Hauptfigur der US-Krimiserie "Der Chef", 1967 bis 1975, saß ebenfalls im Rollstuhl). Für den Running Gag der Reihe Gag darf dafür Sigrid sorgen, die nicht etwa Münster, sondern Bielefeld für die schönste Stadt Westfalens hält. "Wilsberg"-Redakteur Martin R. Neumann schließt einen Gegenbesuch der Friesländer in Münster übrigens nicht aus, aber damit ist das Crossover-Potenzial der Samstagskrimis ja noch lange nicht erschöpft; die Kollegen aus Berlin ("Ein starkes Team") und München ("München Mord") würden sich bestimmt ebenfalls über einen Besuch freuen.

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