Die Geschichte, die sich Elke Rössler ausgedacht hat, ist nicht uninteressant, auch wenn sie über weite Strecken mehr Drama als Krimi ist, weil die verschiedenen Beziehungsfragen mindestens so wichtig werden wie die Suche nach der Wahrheit. Angeblich ist der kleine Leon das Ergebnis einer Affäre, die Robert Hallmann (Tobias Oertel) mit der Polin Anna Kowalska (Agnieszka Grochowska) hatte; jedenfalls kann er einen entsprechenden Vaterschaftstests vorlegen. Tatsächlich stellt sich raus, dass die Hallmanns das Baby offenbar gekauft haben. Allerdings ist auch Annas Ehemann Bartosz (Piotr Stramowski) nicht der Erzeuger, und jetzt wird die Sache kompliziert. Leider bleibt bei den vielen potenziellen Vätern nicht nur irgendwann die Plausibilität auf der Strecke, sondern auch eine ganz entscheidende Frage offen. Die Ermittler wissen am Ende zwar, wer den Entführer auf dem Gewissen hat, aber Rössler und Regisseur Jakob Ziemnicki, der das Drehbuch bearbeitet hat, haben ein nicht ganz unwichtiges Detail vergessen: Zu jedem Mord gehört auch ein Motiv; jedenfalls im Sonntagskrimi.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Als Kapiteltrenner fungieren regelmäßige Kreisverkehreinstellungen aus der Vogelperspektive. Vermutlich sollen sie verdeutlichen, dass sich diese Geschichte in alle möglichen Richtungen entwickeln kann, auch geografisch: Das Finale führt fast alle Beteiligten nach Masuren. Dorthin ist Anna geflüchtet, womöglich, um sich und den Kindern etwas anzutun, was Lenski und Raczek natürlich verhindern wollen; aber selbst diesen Wettlauf gegen die Zeit hat Ziemnicki nicht sonderlich spannend inszeniert. Gleichermaßen prätentiös wie nichtssagend ist schließlich der Schlussdialog, der tatsächlich nur aus Redensarten besteht. Lenski: "Es gibt kein richtiges Leben im Falschen." Raczek: "Menschen machen Fehler." Lenski: "Man hat immer eine Wahl."

