TV-Tipp: "Zuckersand" (ARD)

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TV-Tipp: "Zuckersand" (ARD)
11.10., ARD, 20.15 Uhr: "Zuckersand"
ARD und ZDF zeigen außerhalb des Kika nur noch selten Filme, in denen Kinder nicht nur die Hauptfiguren sind, sondern auch als Identifikationsfiguren dienen; meist gibt es einen Erwachsenen, der durch die Handlung führt. Schon allein deshalb ist "Zuckersand" ein ungewöhnlicher Stoff, der für ein junges Publikum ohne historisches Vorwissen über die DDR womöglich ohnehin zu komplex wäre.

Es gibt ein richtiges Leben im falschen: wenn man Kind ist. Dirk Kummer erzählt mit "Zuckersand" die Geschichte einer fast unbeschwerten Kindheit im Jahr 1979, irgendwo an der brandenburgischen Grenze zur Bundesrepublik. Fred und Jonas sind zwei unzertrennliche Zehnjährige, die sich in ihrer Freundschaft nicht beirren lassen, auch nicht von Freds Vater (Christian Friedel); dem linientreuen Grenzbeamten ist Jonas’ gläubige Mutter Olivia (Deborah Kaufmann) suspekt. Eines Tages bekommt Fred vom Nachbarn Kaczmareck (Hermann Beyer), der für ihn eine Art Opa-Ersatz ist, einen Bumerang geschenkt. Der Alte erzählt ihm, wenn man nur lange genug graben würde, käme man in Australien wieder raus. Das lässt sich Fred nicht zweimal sagen; gemeinsam mit Jonas beginnt er, in einer leerstehenden Fabrik ein Loch zu buddeln, das schon bald die Größe eines Bombenkraters annimmt. Die kindliche Idylle endet, als Olivias Ausreiseantrag bewilligt wird. Die Jungs besiegeln ihre Blutsbrüderschaft und vereinbaren, dass Jonas in Australien graben soll, damit sich die beiden schließlich in der Mitte treffen; aber dazu wird es nie kommen.

Zwei Drittel lang ist "Zuckersand" ein Film, der dank vieler komischer Momente auch im Familienprogramm laufen könnte. Kummer, der das Drehbuch gemeinsam mit Bert Koß geschrieben hat, schildert die Ereignisse über weite Strecken konsequent aus Sicht der beiden Jungs und trifft mit seiner Mischung aus kindlichem Ernst und der Freude am Abenteuer jenen Tonfall, der auch Ron Howards Stephen-King-Verfilmung "Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers" (1986) auszeichnet. Die Erwachsenen sind zunächst nur Nebenfiguren, wichtig für die Geschichte zwar, zumal sie den Rahmen abstecken, in dem sich Fred und Jonas bewegen dürfen; aber die Kinder treiben die Handlung voran. Das ändert sich erst, als sich die Rahmenbedingungen wandeln: Eines Tages ist Jonas weg, und Fred, dessen läuferisches Talent entdeckt worden ist, kommt auf eine Kaderschmiede für zukünftige Olympiateilnehmer.

ARD und ZDF zeigen außerhalb des Kika nur noch selten Filme, in denen Kinder nicht nur die Hauptfiguren sind, sondern auch als Identifikationsfiguren dienen; meist gibt es einen Erwachsenen, der durch die Handlung führt. Schon allein deshalb ist "Zuckersand" ein ungewöhnlicher Stoff, der für ein junges Publikum ohne historisches Vorwissen über die DDR womöglich ohnehin zu komplex wäre. Andererseits verstehen Fred und Jonas auch nur bedingt, wie ihnen geschieht, als sie den über die Grenze fliegenden Bumerang mit dem Fernglas beobachten und sich anschließend verhören lassen müssen. Zum reinen Drama wird die Geschichte nach Jonas’ vermeintlicher Ausreise. Nun rücken Freds Eltern (Katharina Maria Schubert spielt seine Mutter) sowie der sarkastische Kaczmareck, der sich die Freiheit der Gedanken nicht nehmen lässt, ins Zentrum der Aufmerksamkeit, weil die Staatssicherheit sie ins Visier nimmt.

Herausragend ist "Zuckersand" – der Titel bezieht sich auf die spezielle feinkörnige Brandenburger Sandsorte, mit der es Fred und Jonas bei ihrem Loch zu tun haben – auch wegen Kummers Arbeit mit den Schauspielern. Der Film ist in Tschechien entstanden, einige einheimische Nebendarsteller sind etwas übereifrig und auch nicht gut synchronisiert, aber gerade die beiden Jungs sind vorzüglich geführt. Tilman Döbler, der als unternehmungslustiger und weltoffener Fred die größere Rolle hat, scheint ein echtes Naturtalent zu sein, doch auch Valentin Wessely macht seine Sache ausgezeichnet; die beiden wirken nie, als ob sie spielten. Ganz sicher hat Kummer (Jahrgang 1966) auch eigene Erinnerungen ins Drehbuch einfließen lassen: Der Regisseur, der nur alle Jubeljahre mal einen Film dreht (zuletzt "Keiner geht verloren", 2010), ist wie seine Helden im brandenburgischen Landkreis Oberhavel aufgewachsen. Für zusätzliche Authentizität sorgen kleine Szenen am Rande, etwa die Petzereien von Mitschülerin Carola, die sich wie eine kleine Stasizicke benimmt, oder die Gespräche der beiden Jungs, die sich fragen, was Politparolen wie "vom Joch der Unterdrückung befreien" eigentlich heißen sollen. Die Dialoge gerade von Fred sind Kummer und Koß ohnehin prima gelungen, zumal sich sie auf diese Weise unbefangen große Fragen stellen lassen. Für den Zauber der Kindheit steht unter anderem ein leuchtender Globus, der nachts durch Freds Zimmer schwebt. "Zuckersand" ist auf dem Filmfest München mit dem Bernd Burgemeister Fernsehpreis ausgezeichnet worden.