TV-Tipp: "Abi ’97 – gefühlt wie damals" (Sat.1)

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TV-Tipp: "Abi ’97 – gefühlt wie damals" (Sat.1)
19.9., Sat.1, 20.15 Uhr: "Abi ’97 – gefühlt wie damals"
Der Titel klingt eher nach Spielshow als nach Fernsehfilm, aber amüsant ist "Abi ’97 - Gefühlt wie damals" trotzdem: Aufgrund eines Formfehlers wird dem kompletten 97er-Jahrgang eines Münchener Gymnasiums das Abitur aberkannt. Ob das juristisch alles mit rechten Dingen zugeht, zumal die Schüler völlig unschuldig sind, sei dahingestellt. Tatsache ist jedenfalls, dass auf diese Weise eine alte Clique wieder zusammenfindet, die sich im Lauf der Jahre aus den Augen verloren hat; gerade die Akademiker aus der Gruppe kommen nicht drumherum, die Reifeprüfung nachzuholen. Prompt fallen vor allem die Männer in gewohnte postpubertäre Verhaltensweisen zurück; aber auch eine unerfüllte alte Liebe findet endlich ihre Bestimmung.

Schon allein die Besetzung des Quintetts kann sich sehen lassen. Tom Beck fungiert zwar als Erzähler, aber alle fünf sind gleichberechtigt, "Abi ’97" ist ein echter Ensemblefilm. Sehenswert ist die Komödie, weil sich die fünf Hauptfiguren zum Zeitpunkt der Handlung alle an einer potenziellen Gabelung ihres Lebenswegs befinden, auch Neuropsychologe Christian (Beck), der davon zunächst allerdings keine Ahnung hat: Er genießt sein Dasein an der Seite seiner attraktiven Freundin Simone (Christine Eixenberger) und fällt aus allen Wolken, als sie schwanger wird. Während Christian die Abiturprüfungen als schlimmsten Albtraum seines Lebens in Erinnerung hat, ist Jochen (Axel Stein) der einzige aus der Runde, der sich auf die Wiederholung freut; er fand Schule immer toll. Heute läuft es nicht mehr so gut für ihn: Nach dem Scheitern seiner Ehe ist er zurück zu seinen nur bedingt begeisterten Eltern gezogen und schläft nun wieder in dem Etagenbett, das er sich einst mit seinem Bruder geteilt hat. Radiomoderator Piet (Rick Kavanian) hat Angst, sich zu binden, und erfindet deshalb gegenüber seiner Freundin Claudia (Kristina Dörfer) eine Familie. Die begnadete Köchin Maria (Jana Pallaske) führt ein eigenes Restaurant, ist jedoch sexsüchtig, weshalb sie ihrem sympathischen Kellner (Jerry Hoffmann) immer wieder einen Korb gibt; sie mag ihn auch, fürchtet aber, dass nach einer flüchtigen Nacht alles vorbei sein könnte. Bleibt noch die etwas chaotische alleinerziehende Anwältin Lisa (Diana Amft). Sie ist im Grunde die einzige, die mit ihrem Leben rundum zufrieden ist. Ein Mann würde ihr Glück vervollkommnen, und da sie schon zu Schulzeiten ein Auge auf Jochen geworfen hat, kommt das Wiedersehen zur rechten Zeit; aber Jochen traut sich nicht.

Lisa und Jochen sind die einzigen, bei denen der Film einen echten Bezug zum Jahr 1997 herstellt, schließlich waren die beiden schon damals ineinander verliebt, selbst wenn sie sich das nie eingestanden haben. Christians Verhalten ist zumindest nachvollziehbar: Er fürchtet, ein Kind werde die traute Zweisamkeit beenden (eine ganz ähnliche Rolle hat Beck schon in der Kinokomödie "StadtLandLiebe" gespielt). Die Bindungsängste von Piet und die Sexsucht von Maria wirken dagegen wie Drehbucheinfälle, die die Figuren interessanter machen sollen. Deshalb beschränken sich Marias diverse Auftritte in ihrer Therapiegruppe auch auf die reine Verkündung, wie viele Tage sie schon keinen Sex mehr gehabt habe. Es gibt zwar durchaus nachdenkliche Momente, aber letztlich geht der Film doch recht oberflächlich mit den Problemen um.

Dass "Abi ’97" trotzdem sehenswert ist, liegt vor allem an den witzigen Einfällen, etwa wenn Piet in seinem Auto Reste von Süßigkeiten verstreut, damit die Geschichte vom kleinen Sohn noch glaubwürdiger wirkt. Diese und andere Gags hat Regisseur Granz Henman, der zuletzt für Sat.1 ebenfalls mit Axel Stein die amüsante Fußballromanze "Volltreffer" gedreht hat, sympathisch unangestrengt inszeniert. Das Drehbuch basiert auf der italienischen Komödie "Immaturi"; "Die Unreifen" lautete auch der doppeldeutige Arbeitstitel der deutschen Version. Die Übertragung ins Deutsche stammt von Joren Sorel, ein Pseudonym, hinter dem sich ein etablierter Autor und Regisseur verbirgt.

Becks Kommentare aus dem Off sind zwar überflüssig, und die Zwillingsdarstellerinnen von Lisas altkluger Tochter sind mit ihren anspruchsvollen Dialoge etwas überfordert, aber das sind Mäkeleien, über die man auch gut hinweghören kann. Wer Filme dieser Art mag, wird "Abi ’97" als amüsante Geschichte über fünf Menschen betrachten, die die Chance bekommen, mit vierzig endlich ihre Reifeprüfung ablegen; und das in jeder Hinsicht.