Prominente Theologen üben scharfe Kritik an Reformationsjubiläum

Der Abschlussgottesdienst des Kirchentags 2017 auf den Elbwiesen nahe Wittenberg.

Foto: Lilith Becker, evangelisch.de

"Ein Mammutprogramm übergestülpt". War alles eine Nummer zu groß geplant? Wurde das Wesentliche vergessen?

Knapp zwei Monate vor Abschluss der Feiern zum 500. Reformationsjubiläum ziehen die ostdeutschen Theologen Friedrich Schorlemmer und Christian Wolff eine negative Bilanz des Gedenkjahres.

Vor allem die "Kirchentage auf dem Weg" seien "zum Fanal einer grandiosen Selbsttäuschung" geworden, heißt es in dem am Dienstag veröffentlichten Memorandum "Reformation in der Krise - Wider die Selbsttäuschung", über das zuerst die "Leipziger Volkszeitung" berichtet hatte. Es sei versäumt worden, im Reformationsjahr die "Krise der Kirche in der säkularen Gesellschaft offen anzusprechen" und neue Visionen zu entwickeln.

Ein Sprecher der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wies die Argumentation der beiden prominenten Protestanten zurück. Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, hob die positiven Erfahrungen hervor, die bei den regionalen Kirchentagen gemacht worden seien. Der Kirchentag reagierte gelassen auf die Kritik.

Sechs regionale "Kirchentage auf dem Weg" hatte Ende Mai aus Anlass des Jubiläums den zentralen Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin begleitet. Der Kirchentagsapparat habe den acht mitteldeutschen Austragungsstädten ein "Mammutprogramm übergestülpt", kritisierten der langjährige Leipziger Thomaskirchen-Pfarrer Wolff und Schorlemmer, der als ehemaliger Leiter der Evangelischen Akademie in Wittenberg und Ex-DDR-Bürgerrechtler in das Jubiläumsprogramm in der Lutherstadt eingebunden war. Insgesamt kamen zu den dreitägigen Regional-Kirchentagen etwa 50.000 Besucher. Insbesondere die Besucherzahl von 15.000 in Leipzig blieb hinter den Erwartungen zurück.

Der Deutsche Evangelische Kirchentag erklärte auf Anfrage, Schorlemmer sei seit vielen Jahren geschätzter Gast auf Kirchentagsveranstaltungen: "Wir nehmen die Kritik von ihm und Christian Wolff zur Kenntnis." Von Vertretern aus Gemeinden und Kirchen in den Regionen, in denen Kirchentage auf dem Weg stattfanden, "haben wir vielfach andere und differenzierte Rückmeldungen erhalten", sagte Sprecherin Sirkka Jendis. Die "Kirchentage auf dem Weg" hätten mit viel Engagement vor Ort große Energien freigesetzt.

Der Bedeutungsverlust der Kirchen schreite mit wachsender Intensität voran, heißt es in dem Memorandum weiter. Kritik üben die Autoren auch an dem 2006 initiierten Reformprozess der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Dieser sei mehr oder weniger im Sande verlaufen: "Was damals 'Leuchtfeuer' entfachen sollte, ist mehr oder weniger erloschen. Feuer kann eben nicht kirchenamtlich 'von Oben' verordnet werden."

Schorlemmer und Wolff beobachten zudem einen "dramatischen Traditionsabbruch" in den Gemeinden vor Ort. Dadurch gingen wesentliche Inhalte des Glaubens verloren und seien kaum mehr abrufbar. "Glaube und Bildung, durch die Reformation miteinander verbunden, fallen heute auseinander", beklagen die Theologen weiter: "Wenn wir dem faktischen biblischen Analphabetismus und dem Traditionsabbruch innerhalb der Kirchen nicht offensiv begegnen, wird sich die Kirche weiter marginalisieren."

EKD-Sprecher weist Argumentation zurück

Ein EKD-Sprecher sagte dem Evangelischen Pressedienst (epd), die Schrift knüpfe an eine Diskussion an, die seit langem intensiv geführt werde. "Dazu haben auch die deutschlandweit vielen tausend Veranstaltungen des Reformationsjubiläums beigetragen, die allesamt Höhepunkte eines Beteiligungsjubiläums waren, das weit über die Kirchentage im Mai hinausgeht", sagte der Sprecher. "Diskussionsbeiträge, die neue Impulse für die Umsetzung der in dem Memorandum beschriebenen und in hohem Maße konsensfähigen Ziele geben könnten, sind willkommen. Das Memorandum selbst stößt noch nicht zu diesem Punkt durch."

Die mitteldeutsche Landesbischöfin Junkermann räumte ein, mit Blick auf rein zahlenorientierte Erwartungen könne sie die Enttäuschung verstehen. Dass aber beispielsweise bei den "Kirchentagen auf dem Weg" sehr viele Menschen an offenen und gastfreundlich gedeckten Tischen miteinander sehr intensiv über Glaubens- und Alltagsfragen ins Gespräch gekommen seien, stimme sie hoffnungsvoll. Zwar hätten viele groß geplante Diskussionsformate oft nur eine kleinere Gruppen von Menschen angezogen, aber diese hätten gerade das intensive Gespräch auf Augenhöhe besonders geschätzt.

Die evangelische Kirche feiert noch bis Ende Oktober 500 Jahre Reformation. 1517 hatte Martin Luther (1483-1546) seine 95 Thesen gegen die Missstände der Kirche seiner Zeit veröffentlicht, die er der Überlieferung nach am 31. Oktober an die Tür der Wittenberger Schlosskirche nagelte. Der Thesenanschlag gilt als Ausgangspunkt der weltweiten Reformation, die die Spaltung in evangelische und katholische Kirche zur Folge hatte.