Malaysischer Pastor seit 200 Tagen verschwunden

Christen beim Gebet. Sie leben gefährlich in Malaysia.

Foto: Polaris/laif/Richard Humphries

Christen beim Gebet. Sie leben gefährlich in Malaysia.

Deutschland spricht 2019
Malaysischer Pastor seit 200 Tagen verschwunden
Verschwindenlassen als politisches Verbrechen
Zum "Internationale Tag der Verschwundenen" blickt der Journalist Michael Lenz nach Malaysia, wo Christen gefährlich leben und manchmal auch verschwinden. Zurück bleiben verzweifelte Hinterbliebene allein mit ihrer Trauer. Wer Licht ins Dunkel bringen will, wird bedroht.

"Lasst uns nicht vergessen, dass sie immer noch vermisst werden" – mit dieser Mahnung rufen in Malaysia Kirchen und das Netzwerk "Besorgte Bürger" für den 30. August 2017 zu Mahnwachen mit Gebeten und Kerzen für Pastor Raymond Koh, das Pastorenehepaar Joshua und Ruth Hilmi sowie den muslimischen Bürgerrechtler Amri Che Mat auf. Der protestantische Pastor Koh wird seit 200 Tagen vermisst. Der Geistliche wurde am 13. Februar 2017 in Petaling Jaya auf offener Straße entführt und ist seitdem spurlos verschwunden. Von Joshua und Ruth Hilmi sowie Amri Che Mat fehlt schon seit dem Herbst 2016 jede Spur.

Die Sicherheitsorgane Malaysias haben sich bislang als unfähig erwiesen, den Entführern Kohs auf die Spur zu kommen oder wenigstens Hinweise auf die möglichen Motive der Kidnapper zu finden.

Beobachter in Kuala Lumpur gehen inzwischen davon aus, dass die mächtigen staatlichen Islambehörden in dem Fall eine Rolle spielen könnten, die seit langem zusammen mit islamisch-nationalistischen Gruppierungen dem Pastor vorwarfen, unter dem Deckmantel seiner Stiftung Harapan Komuniti, die sich der sozialen Hilfe für HIV-Positive, ledige Mütter und drogenabhängige Muslime verschrieben hat, Menschen zum Christentum zu bekehren.

Pastor Raymond Koh.

Der 200. Tag der Entführung von Pastor Koh fällt zusammen mit dem 60. Merdeka-Tag, dem Tag der Unabhängigkeit Malaysias, am 31. August. "Wir rufen alle friedliebenden Malaysier auf, in ihren Gedanken und Gebeten Raymond, Amri, Joshua und Ruth zu gedenken und dass ihre 'Merdeka' oder Freiheit bald erfolgen wird", sagte Erzbischof Ng Moon Hing in einer Erklärung der Synode der anglikanischen Diözese von Westmalaysia.

Susanna Liew, Ehefrau von Pastor Raymond Koh.

Die "Menschenrechtskommission von Malaysia" hat inzwischen eigene Ermittlungen in den Fällen von Koh, dem Ehepaar Hilmi und Amri Che Mat eingeleitet. Die Familie von Koh hatte zudem bereits im Mai dieses Jahres die "Arbeitsgruppe zu erzwungenem oder unfreiwilligen Verschwinden" der Vereinten Nationen eingeschaltet. Sie habe sich zu diesem Schritt entschlossen, weil die Ermittlungen der Polizei seit der Entführung "ergebnislos" und "undurchsichtig" verlaufen seien, sagte Susanna Liew, die Ehefrau von Koh.

Shui Meng Ng, Aktivistin gegen das spurlose Verschwinden.

Im internationalen Recht spricht man von "erzwungenem oder unfreiwilligen Verschwinden", wenn staatliche Stellen darin verwickelt sind. Amnesty International definiert "Erzwungenes Verschwinden" als "Strategie" zur "Terrorisierung" einer Gesellschaft, die früher hauptsächlich von Militärdiktaturen, inzwischen aber global bei innenpolitischen Konflikten und inzwischen aber global bei innenpolitischen Konflikten und zur Unterdrückung politischer Gegner benutzt werde. Bei der "Arbeitsgruppe zu erzwungenem oder unfreiwilligen Verschwinden" der Vereinten Nationen sind Tausende solcher Fälle registriert.

Fälle von erzwungenem Verschwinden schaffen es selten in die internationalen Medien. Shui Meng Ng klagt: "Es gibt dafür nicht genug Öffentlichkeit, weil die Menschen nicht verstehen, wie es das Leben der Familien und Freunde beeinträchtigt." Die streitbare Laotin weiß genau, wovon sie spricht. Ihr Mann Sombath Somphone ist seit seiner Festnahme am 15. Dezember 2012 in Vientiane spurlos verschwunden. Vergeblich fordern die EU, die USA und die Vereinten Nationen seit Jahren von Laos Auskunft über das Schicksal Somphones. Das kommunistische Regime in Vientiane aber schweigt, wiegelt ab oder leugnet.

Verschwundener Sombath Somphone.

"Immer häufiger wird meine Hoffnung auf seine Rückkehr von der Furcht und Verzweifelung überwältigt, dass er niemals wiederkommen wird", sagt die 71 Jahre alte Shui Meng Ng traurig. "Aber jedes Mal, wenn solche Gedanken aufkommen, wische ich sie beiseite und sage mir, dass ich die Hoffnung nicht aufgeben darf, denn Hoffnung ist das einzige, was mir geblieben ist."

Shui Meng Ng ist eine inzwischen weltweit bekannte Aktivistin gegen das spurlose Verschwinden. Kraft und Trost schöpft die Buddhistin durch den Kontakt mit Schicksalsgenossinnen in aller Welt wie Angkhana Neelapaijit aus Thailand, Edith Burgos auf den Philippinen oder Amina Masood Janjua aus Pakistan. "Mit anderen Frauen in Kontakt zu bleiben, deren Angehörige auch verschwunden sind, ist für mich ein Weg mit meiner Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit zurecht zu kommen", sagt Shui Meng Ng. "Diese Frauen leben auch in einem Alptraum, weil ihre Ehemänner oder Söhne aus ihren Leben gerissen wurden. Diese mutigen Frauen geben aber trotz der Leugnungen ihrer Regierungen und der Behinderungen durch die Justiz nicht die Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit auf."

12. März 2004. An diesem Tag wurde mitten in Bangkok der Muslim Somchai Neelaphaijit in Bangkok von fünf Polizisten aus dem Auto gezerrt und ist seitdem spurlos verschwunden. Alle Regierungen seitdem – die gewählten wie die Militärregime – hüllen sich in Schweigen über Somchais Schicksal. Der Menschenrechtsanwalt hatte seinerzeit der Armee und der Polizei Thailands vorgeworfen, im vornehmlich muslimischen Süden Thailands muslimische Bürgerrechtler willkürlich zu verhaften und zu foltern.

Angkhana Neelapaijit, Ehefrau von Sombath Somphone.

Somchais Ehefrau Angkhana Neelapaijit wurde durch das Schicksal ihres Mannes zur Menschenrechtsaktivistin und ist heute Mitglied der Nationalen Menschenrechtskommission Thailands. Wie Shui Meng Ng sucht auch sie ihren Mann, will die Wahrheit über sein Verschwinden, die Entführer und deren Hintermänner aufdecken.

"Die Familie meines Mannes hat mich damals gefragt, ob ich es wirklich mit der Polizei und der Regierung aufnehmen will", erzählt Angkhana, 60, in dem Gespräch am Rande einer Veranstaltung über die Rechte von Schwulen, Lesben, Trans- und Bisexuellen in Bangkok. "Meine Antwort lautete: 'Ja, denn ich tue nichts Unrechtes'", betont die Muslima mit dem schwarzen Kopftuch und fügt hinzu: "Mein Leben wurde dadurch total auf den Kopf gestellt." Sie habe Morddrohungen erhalten und lebe in einem Zeugenschutzprogramm. Trotzdem gibt die fünffache Mutter nicht klein bei. "Meine Familie und meine Religion geben mir die Kraft", sagt sie leise. Das ist der einzige Augenblick in dem Gespräch, in dem für einen Moment ihre Traurigkeit einer gewissen Heiterkeit weicht.

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Am 60. Merdeka-Tag am 31. August steht das mehrheitlich islamische Malaysia an einem Wendepunkt. Die seit der Unabhängigkeit regierende United Malays National Organization (UMNO), die Partei der muslimischen Malaien, steckt bis zur Oberkante Unterlippe im Korruptionssumpf. Bei der nächsten Wahl, die spätestens in der ersten Hälfte 2018 stattfinden wird, ist ein Machtverlust nicht ausgeschlossen. Im Kampf um die Macht instrumentalisiert Premierminister Najib Razak den Islam als politische Waffe. So unterstützt Najib die Gesetzesinitiative der islamistischen Oppositionspartei PAS zur Einführung des islamischen Strafrechts in Malaysias. Gleichzeitig warnt seit vielen Jahren die staatliche Propaganda zusammen mit islamistischen Organisationen vor einer angeblichen christlichen Verschwörung gegen den Islam in Malaysia. Religionen würden aus politischen Motiven gegeneinander ausgespielt, wobei die Christen zum sprichwörtlichen Buhmann gemacht werden, hieß es in dieser Woche in einer Merdeka-Erklärung der "Christian Federation of Malaysia", dem Dachverband der katholischen und evangelischen Kirchen.

Wie es der Zufall will, ist der malaysische Merdeka-Tag am 31. August auch der "Internationale Tag der Opfer des erzwungenen Verschwindens" der Vereinten Nationen. "Es ist nicht zu akzeptieren, dass  2017 immer noch erzwungenes Verschwinden passiert", heißt es in einer Erklärung der UN-Arbeitsgruppe UN-"Arbeitsgruppe zu erzwungenem oder unfreiwilligen Verschwinden". Gleichermaßen unakzeptabel seien "Einschüchterungen, Bedrohungen, Stigmatisierungen und Repressalien" gegen jene, "die daran arbeiten, Licht in die Fälle erzwungenen Verschwindens zu bringen", klagt Houria Es-Slami, Vorsitzende der Arbeitsgruppe. "Man sollte sie unterstützen und schützen, statt sie zu bedrohen."