Kirchenpräsident Jung: Durch Flüchtlinge wird sich Kirche verändern

Kirchenpräsident Jung: Durch Flüchtlinge wird sich Kirche verändern
"Sorgt euch nicht um euch selbst, sondern um die Welt": Auf diesen Kurs könnte die Begegnung mit geflüchteten Menschen die Kirche zurückbringen, meint der hessisch-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung.
Deutschland spricht 2019

Der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Volker Jung, sieht in der Flüchtlingszuwanderung die Chance für eine wichtige Kurskorrektur der Kirche. Durch die Arbeit mit Geflüchteten hätten sich viele Gemeinden schon längst verändert, sagte Jung am Samstag auf dem evangelischen Kirchentag in Berlin auf einem Podium zum Thema "Visionen für eine Kirche mit Geflüchteten". Dass Kirche Flüchtlingen offen begegnen muss, hält Jung dabei für selbstverständlich: "Hier sind wir im Kern, in unserem Christsein gefragt."

Zu der Offenheit gehöre, nicht nur von diesen Menschen zu erwarten, dass sie sich anpassen, sondern selbst zu hören und den Blick dafür zu öffnen, was sie brauchen, sagte Jung weiter. Bei einem Besuch einer Partnerkirche aus dem globalen Süden hätten deren Vertreter festgestellt: "Ihr seid so furchtbar mit euch selbst beschäftigt, in den Sorgen verkrümmt, vertraut doch der Botschaft, über die ihr redet", berichtete Jung. Das habe ihm zu denken gegeben.

Pfarrerin Dorothea Schulz-Ngomane von der Berliner Flüchtlingskirche appellierte, Kirche und Gesellschaft müssten offener und flexibler für das werden, was alles passieren kann. "Wir müssen versuchen, uns darauf einzustellen, dass ganz viele Menschen hierherkommen werden oder dass unsere Freiheit bedrohter sein wird", sagte Schulz-Ngomane.

Kirche und Gemeinden müssten raus aus dem Sorgenvollen hin zum Handeln, zurück zu einer Theologie der Offenheit und des Mutes, forderte Schulz-Ngomane. Umgekehrt dürfe von den Zuwanderern Offenheit gegenüber anderen Kulturen erwartet werden und die Bereitschaft, mit Freiheit umgehen zu lernen.

Kirchenpräsident Jung plädierte, sich dabei "dialogoffen" zu begegnen, "ohne den Anspruch auf die wahre Religion". Es gebe immer wieder Kirchenmitglieder mit Kreuzzug-Rhetorik, die im Islam eine Bedrohung sehen und eine Kurskorrektur der Kirchen fordern. Bei anderen habe sich wegen der Flüchtlingsarbeit bereits etwas Grundsätzliches verändert, viele hätten ihr "diakonisches Herz" wiederentdeckt. "Sorgt euch nicht um euch selbst, sondern um die Welt - diesen Kurs wieder hinzubekommen, das wäre die neue Reformation", fügte der Kirchenpräsident hinzu.