Ein zweites Mal geboren

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Foto: Thomas Walbröhl

Schon in Syrien hat Maher Alsedda im humanitären Bereich bei der DRK-Partnerorganisation Roter Halbmond gearbeitet. Jetzt hilft er als Übersetzer und "Mädchen für alles" in einer Bremer Flüchtlingsunterkunft.

Ein zweites Mal geboren
Maher Alsedda floh aus Syrien und hilft jetzt Menschen beim Ankommen in Deutschland
Maher Alsedda hat Wirtschaftswissenschaften studiert, die Flucht aus Syrien überlebt und kümmert sich in Deutschland jetzt um andere Geflüchtete. Er wehrt sich gegen eine Negativhaltung, bequemes Halbwissen und überzogene Ansprüche.

Kaltes, grünes Licht legt sich auf die weißen Wände der Unterkunft. Die indirekte Beleuchtung taucht den Flur vor dem Speisesaal am Vormittag in ein unwirkliches Licht. Es riecht nach Holz, vermutlich vom Boden, der in der ehemaligen Druckerei verlegt wurde, damit hier Menschen wohnen können. Maher Alsedda kennt die meisten hier, zumindest vom Sehen. Er wurde in Damaskus geboren und hat dort gearbeitet, bis er mit 33 Jahren das Land verließ. Mitgebracht hat er sein Arabisch, sein Englisch und den Willen, etwas zu bewegen. Am 1. September kam er nach Bremen. "Mein Trip dauerte etwa einen Monat, über Griechenland, Mazedonien, Serbien, Wien, Rügen und eine andere Station in Mecklenburg-Vorpommern."

Autor*in
Thomas Walbröhl

Thomas Walbröhl (@twalbroehl) ist freier Journalist aus Bremen.

Es muss ein Freudenfeuer gewesen sein, das Maher Alsedda und die anderen 44 hinter sich ließen, als sie Anfang 2015 auf der griechischen Insel Lesbos angelegt und ihr Holzboot angezündet hatten. "Es war eine Atmosphäre wie bei einer Party", berichtet der 34-Jährige mit den klaren Augen und dem breiten Grinsen, das den Blick auf seine Zähne zulässt. "Es war unser zweiter Versuch. Beim ersten Mal ging der Motor kaputt, und wir mussten sechs Stunden auf der Polizeiwache in Ismir verbringen. Das war am Strand für kurze Zeit vergessen. Der Moment war da. Wir hatten es geschafft, waren dem Meer entkommen. Endlich Europa."

Ein Zuhause auf Zeit

Eine Treppe zum Speiseraum, eine Tür zu den Wohnparzellen, eine schwerere Tür zum Hinterausgang. Die Unterkunft, die zu Spitzenzeiten rund 140 Menschen beherbergte, ist in wenigen Minuten durchquert. Gelegentlich schleichen Männer oder Jungs über den Gang, in Jogginghosen und Schlappen. Sie sind hier zu Hause - fürs Erste. Eine Frau mit Kind geht schweigend in Richtung Hinterausgang, wo draußen die blauen Sanitärcontainer stehen. Alsedda grüßt freundlich und laut. Sie lächelt, nickt und grüßt zurück.

Alsedda führt durch die Notunterkunft des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) im Kirchweg. Hier ist sein Arbeitsplatz, seit er sich als ehrenamtlicher Helfer für die Flüchtlinge beim DRK einsetzt, als Übersetzer und Mädchen für alles. Sein Deutsch ist verständlich, aber mit seinem Englisch geht es schneller. "Ich habe Deutschkurse und gehe zusätzlich drei Tage in der Woche zu Einsätzen im Fahrdienst in Hastedt. Von dort aus bringe ich Post zu verschiedenen DRK-Einrichtungen. Dienstags und freitags fahre ich zum Kirchweg und helfe in der Unterkunft, am Wochenende habe ich frei. Ich weiß meistens morgens nicht, was ansteht", sagt Alsedda. "Das ist abwechslungsreich." Gerade hat er etwas Leerlauf. Zeit für eine Zigarette vor dem Eingang.

Maher Alsedda holt Kaffee für seinen Besuch. Heiß ist die schwarze Instantbrühe, die in den Plastikbechern schwappt. Süßlich schmeckt sie und ein wenig bitter. Aus einem Blechetui zieht er selbstgestopfte Zigaretten und bietet sie an. Heute Vormittag ist nicht viel Betrieb, Kinder sind in der Schule, Erwachsene bei den Deutschkursen oder noch nicht aufgestanden. Nach Angaben des DRK-Bereichsleiters Flüchtlingshilfe, Peter Zeugträger, sind von den etwa 136 Betten in der Unterkunft nur rund die Hälfte belegt. Die anderen Bewohner seien bereits in Übergangswohnheimen oder eigenen Wohnungen untergebracht, sagt Zeugträger.

"Ich will erfahren, wie es hier in Deutschland läuft"

Er berichtet, wie froh man sei, dass Maher Alsedda unterstütze und dass man gerne länger mit ihm zusammenarbeiten würde. "Wir müssen dafür sorgen, dass wir mit unserem Teamgeist und dem Spaß im Umgang miteinander überzeugen. Wir müssen unseren Ehrenamtlichen ein Wohlfühlklima bieten. Mit Weiterbildungen können wir eine Perspektive bieten." In Einzelfällen könne auf eine ehrenamtliche Tätigkeit auch mal eine hauptamtliche Tätigkeit folgen. "Aber das kann nur ein positiver Zufall sein. Mehr zu versprechen, wäre Bauernfängerei", sagt Zeugträger.

Maher Alsedda hilft als Übersetzer und "Mädchen für alles" in einer DRK-Unterkunft in Bremen.

Im schmalen Foyer sitzen zwei Sicherheitsleute hinter grauen Tischen. Darauf liegen zwei Ringbuchordner. Bilder von Überwachungskameras flimmern über einen Monitor. Davor haben sich ein halbes Dutzend Männer versammelt, sie warten. "Zwischen halb elf und halb zwölf kommt täglich die Post", erläutert Alsedda. Dann trage er in eine Liste ein, wer einen Brief bekommen habe und ob er von einer Behörde war. "Wir öffnen die Briefe nicht. Aber die Leute kommen meistens ohnehin zu mir, um zu erfahren, was drin steht. Ich kann mich in die Lage der Leute versetzen, verstehe Sprache und Kultur. Aber ich bleibe auch immer professionell und neutral. Wenn ich arbeite, bin ich wie jemand vom Mond", sagt er und lacht. "Die Kommunikation macht mir Spaß. Ich will erfahren, wie es hier in Deutschland läuft. Wie der Workflow ist."

Im humanitären Bereich war Alsedda auch in Syrien schon tätig, bei der DRK-Partnerorganisation Roter Halbmond. Dort war er nach seinem Business Administration Studium als Projektleiter angestellt. "Wir haben an Projekten zur Existenzsicherung der Bevölkerung gearbeitet und Geflüchtete mit humanitären Hilfsgütern versorgt." Er zeigt Bilder davon, wie er Betroffenen erklärt, wie ein Mikrokredit funktioniert oder ein Foto, das ihn auf einer Bühne zeigt. Etwa 100 Frauen sind im Publikum zu sehen. "Da ging es um ein Programm, Frauen einen Nebenerwerb zu ermöglichen, mit selbst gebasteltem Schmuck, ohne das Haus zu verlassen. Das war in Sayhnaeia. Da war ich schon etwas länger im Einsatz. Man sieht es an der Frisur."

"Ich wäre gern dort geblieben"

Erst nahm Syrien selbst Menschen auf, die unter anderem aus dem Sudan, Süd-Sudan und Irak kamen. Irgendwann wurden viele Syrer selbst von ihrem Zuhause auf dem Land vertrieben, kamen nach Damaskus oder Tartous. Ähnliches hat auch Maher Alsedda hinter sich, berichtet er. "Ich wäre gerne dort geblieben. Aber die Atmosphäre in der Nachbarschaft veränderte sich, bewaffnete Männer tauchten auf und mit ihnen die Angst. Alle wurden misstrauisch, erst gegenüber Fremden, dann gegenüber den eigenen Nachbarn. Es gab irgendwann kein Wasser mehr, keinen Strom, kein Licht. Wer konnte, zog um. Ich bin in Damaskus in einem Jahr fünf Mal umgezogen. Die Kämpfe gingen los. Ich habe Freunde verloren. Schließlich habe ich über Umwege erfahren, dass ich als Reservist zur Armee eingezogen werden sollte. Da kannst du nicht mehr weg. Die erschießen dich."

"Der Elektriker", dröhnt eine bassige Stimme ins Büro der Einrichtungsleitung. Sie gehört einem bulligen Kerl, der im Türrahmen steht. "In den Zimmern 9, 10, 11 soll es keinen Strom geben." Alsedda sagt einem Kollegen im Nebenraum Bescheid. "Ich habe hier in Bremen versucht, Leute zu finden, mit denen ich Deutsch sprechen kann. Mit dreien habe ich mich verabredet. Dreimal kam niemand. In Syrien sagen wir: Versuche es dreimal, wenn es dann nicht klappt, ist es unmöglich." An das DRK musste er nur eine E-Mail schreiben und wurde zum Orientierungsgespräch eingeladen. Mittlerweile ist er Vollmitglied beim DRK, mit Versicherung und Stimmrecht, und er nimmt auch an Fortbildungen teil, zusammen mit anderen, die in der Flüchtlingsarbeit arbeiten. "Mittlerweile ist das DRK für mich auch ein bisschen Familie geworden", sagt Alsedda.

"Ich will Leuten helfen und selbst weiterkommen. Ich kann nicht zu Hause sitzen. Ich muss etwas bewegen. Die Refugees haben keine gesicherten Informationen, viele können nicht ausreichend Deutsch, um sich über deutsche Medien zu informieren. Von arabischen Medien gibt es oft keine genauen oder Fehlinformationen. Das ist vor allem in den sozialen Netzwerken so, die die meisten verfolgen. Dort wurde Deutschland teilweise als Paradies angepriesen, als ob hier das Geld auf den Bäumen wachsen würde. Bilder von Villen wurden gepostet."

"Du startest hier bei unter Null"

Manche hätten geschrieben, dass es reiche, ein bisschen Deutsch zu lernen, um eine Schwarzarbeit zu finden. "Die Realität sieht natürlich anders aus. Deutschland ist zwar die stärkste Wirtschaft in Europa. Aber leicht ist es nicht. Viele sind auf solche Fehlinformationen reingefallen." Mittlerweile sei die Stimmung ins Gegenteil umgeschlagen, sagt Alsedda. "Ich habe viele aus dem arabischen Sprachraum kennengelernt, die vor über 20 Jahren herkamen. Viele sind aus ökonomischen Gründen gekommen. Warum haben sie es in dieser Zeit nicht geschafft, einen Job zu bekommen, sondern empfangen heute noch Sozialleistungen?

Die Leute, die in den letzten Monaten gekommen sind, seien häufig aus humanitären Gründen hier und hätten vorher gearbeitet. "Jetzt sind wir hier und zum zweiten Mal geboren. Du startest hier bei unter Null und musst die Sprache neu lernen. Auch an die Kultur musst du sich gewöhnen, dass auf der einen Seite lautes Telefonieren im Bus unhöflich ist, jemanden alleine essen zu lassen auf der anderen Seite völlig okay. Die Pessimisten mit ihren schlechten Ratschlägen dürfen sich nicht durchsetzen", sagt er und führt Daumen, Zeige- und Mittelfinger zusammen, als wollte er etwas greifen. "Dadurch wird es auch nicht leichter, hier klarzukommen. Unsere Lage ist schon miserabel genug. Ich tue mein bestes, versuche, die Leute zu ermutigen, die Sprache besser zu lernen und selbst einen Job zu bekommen. Mehr kann ich nicht tun."

Ein letzter Kaffee, bevor Maher zum Sprachkurs fährt, noch ein Grinsen und ein Witz. Er handelt davon, wie man sich verhalten sollte, wenn man keine Wahl hat. "Wenn du nicht anders kannst", sagt Alsedda und nimmt einen Schluck Plastikkaffee, "dann genieß es."