Göttliche Herztransplantation

Zur Bedeutung der Jahreslosung für 2017
Hand mit Luftballon in Herzform vor blauem Himmel.

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"Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch." Die Jahreslosung für 2017 (Hesekiel 36,26) klingt nach radikaler Erneuerung – und hat durchaus einen Bezug zum Reformationsjubiläum.

Neu werden – wie schön das wäre! Frei werden von dem, was das Leben schwer macht, von Lasten und Leiden, von Schuld und Scham, von Vergangenem und Verkorkstem. Neu werden – gesund, gereinigt, gestärkt. Mit Lebensmut und Energie neue Wege einschlagen. "Wenn ich mir anschaue, wie viele Menschen zur Psychotherapie gehen und versuchen loszukommen von all dem, was ihr Herz beschwert, dann ist das ein sehr hoffnungsvolles Wort: ein neues Herz zu bekommen", sagt Wolfgang Baur, Vorsitzender der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB).

Die Jahreslosungen werden von der ÖAB in einem mehrstufigen Verfahren ausgewählt. Nachdem die Mitglieder je zwei Vorschläge eingereicht haben, werden die Sprüche in vier Gruppen durchdiskutiert. Jede Gruppe schaut sich auch den jeweiligen Kontext und die Ursprachen – hebräisch oder griechisch – an und entscheidet sich für zwei Verse. Über diese maximal acht Vorschläge diskutiert das Plenum nochmals, bevor gebetet und dann abgestimmt wird. Bekommt ein Vers die absolute Mehrheit, wird er Jahreslosung.

Die Mitte des Menschen

Der Spruch aus dem Buch Hesekiel für 2017 "war einer der Verse, die gleich große Zustimmung bekommen haben", berichtet Wolfgang Baur. Doch warum ausgerechnet im Lutherjahr ein Bibelwort nach der Einheitsübersetzung? Luthers Formulierung lautet so: "Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben." Wolfgang Baur bedauert: "Das ist eine etwas holprige Formulierung." Der ÖAB gefiel gerade die verbindliche Zusage "Ich schenke euch" der Einheitsübersetzung besser als die Absichtserklärung "Ich will euch geben" bei Luther. Und warum nur der halbe Vers? Er geht so weiter: "… Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch." Ein plastisches, geradezu chirurgisches Bild. "Das Kürzen fällt natürlich schon schwer", gibt Wolfgang Baur zu. "Aber wir mussten uns dazu zwingen. Eine Jahreslosung soll ja großflächig verbreitet werden und braucht deswegen Prägnanz und Kürze."

Doch schon in dem halben Vers steckt eine Menge Energie drin. Da sind zunächst die beiden großen biblischen Bilder: Herz und Geist. Herz, hebräisch leb, "meint wörtlich das Körperorgan, aber viel öfter im übertragenen Sinn die Mitte des Menschen, das Personzentrum", schreibt Burkhard Weber, kürzlich verstorbener Direktor der Evangelistenschule Johanneum in seinem Arbeitsbuch zur Jahreslosung. Während im deutschen Sprachgebrauch vor allem die Gefühle dem Herzen zugeschrieben werden, kommen im Hebräischen "noch intellektuelle Fähigkeiten dazu: Einsicht, kritisches Urteilsvermögen, juristisches Abwägen, Weisheit", also das, was wir heute im Gehirn ansiedeln würden. In Bezug auf das Alte Testament meint Weber: "Das Denken scheint hier sogar die Hauptbeschäftigung des Herzens darzustellen."

Das andere große Bild ist der Geist, die göttliche ruach, die mehr ist als ein Hauch: "Es geht um die von Gott geschenkte Kraft, die das Leben ermöglicht", so fasst Burkhard Weber das weit gefächerte Bedeutungsspektrum von ruach zusammen. "Wind, Atem, Geist, Energie, Lebenskraft" nennt Helen Schüngel-Straumann in bibelwissenschaft.de einige Übersetzungsversuche für das hebräische Wort, das auch "Einsicht" und "Verstehen" bedeuten kann. Der Begriff werde "sowohl in anthropologischer Hinsicht (auf den Menschen bezogen) wie auch theologisch (von Gott) gebraucht, um eine Kraft auszudrücken, die begrifflich schwer zu fassen ist". In der Jahreslosung geht es beim Geist wie auch beim Herzen um etwas, das Gott selbst in das Innere des Menschen hineinlegt.  

Der Vers steht im Kontext der Prophetien des Priesters Hesekiel, der sich im 6. Jahrhundert vor Christus mit anderen Oberschicht-Bürgern Jerusalems und Judas im Exil in Babylon befand, noch bevor ihre Heimat durch die Babylonier zerstört wurde. Hesekiels Auftrag: Er muss von Schuld und Gericht reden, was er mit drastischen Zeichenhandlungen an seinem Körper tut. Zum Beispiel rasiert, zerstreut, zerhackt und verbrennt der Prophet seine eigenen Haare – eine Art destruktive Kunst-Performance, die provoziert. Dann aber übermittelt Hesekiel eine Heilszusage Gottes an sein Volk. Und auch hierfür gebraucht der Prophet eine Sprache mit starken Körperbildern, unter anderem dem von der Herztransplantation.  

Bekehrung allein durch Gott

Die Jahreslosung "ist ein Vers, der in die Mitte der Theologie des Alten Testamentes hineinführt", sagt Wolfgang Baur. Es geht um nichts weniger als die Beziehung zwischen Gott und Mensch. Von Anfang an und immer wieder wird sie gestört dadurch, dass der Mensch sich abwendet und sich auf andere "Götter" einlässt. Die spannende Frage ist: Kann der Mensch aus eigenem Antrieb zu Gott umkehren? "Da gab's verschiedene Konzepte in Israel, Opfer bringen, Sündenbock und ähnliches, aber man landete immer wieder an dem Punkt, dass eigentlich kein selbst geschaffener Weg dahin führt, frei zu werden von der Schuld", erklärt Wolfgang Baur.

Auch Burkhard Weber durchdenkt in seinem Buch verschiedene Möglichkeiten und kommt zu dem Schluss: "Bekehrung geht nicht, es sei denn, Gott bekehrt sich zu uns und bekehrt uns zu sich." Es ist Gottes Sache, sich den Menschen (wieder) zuzuwenden, Glauben zu schenken, die Beziehung zu retten. Der Mensch ist dabei Empfangender, wie auch das Gebet des Königs Salomos in 1. Könige 3,9 sehr schön ausdrückt: "So gib denn deinem Knecht ein hörendes Herz…" (Elberfelder Bibel). Bei Hesekiel klingt der Beziehungsaspekt in der zweiten Hälfte des Verses an: Das neue Herz soll aus Fleisch sein anstatt aus Stein, also weich, sensibel und offen, nicht verhärtet und verschlossen. Das Herz aus Fleisch steht symbolisch für eine bessere Beziehungsfähigkeit.

Manche dürfte es überraschen, dass der Gedanke an Vergebung und Erneuerung des Menschen durch Gott schon im Alten Testament formuliert wurde – erinnert er doch stark an die Theologie des Apostels Paulus und deren Wiederentdeckung durch Martin Luther, der die Schlagworte "sola fide" und "sola gratia" prägte: Allein durch Glauben, allein durch Gnade wird der Mensch gerecht vor Gott. "Es ist im Grunde genommen genau dasselbe wie die Rechtfertigungslehre im Neuen Testament", sagt Wolfgang Baur. "Es geht nicht mehr darum, dass ein Mensch selber – ob am Tempel oder sonstwo – es schafft, mit Gott ins Reine zu kommen, sondern um radikales Vertrauen darauf, dass Gott allein der ist, der uns aus der Tinte holen kann."

Auch der Kontext des rund 2600 Jahre alten Verses aus dem Hesekielbuch ist erstaunlich aktuell, ging es doch damals um die Heilung einer durch Krieg traumatisierten Generation. "Dieses Wieder-rein-werden von all dem, was sich an Schrecklichem abgespielt hat im Volk Israel, das ist ein Thema, das wir, glaube ich, in der Gegenwart gut nachvollziehen können", meint Wolfgang Baur, "wenn wir so viele Menschen unter uns haben, die Fürchterliches erlebt haben, zum Teil traumatisiert und auch religiös verwirrt sind." Menschen spüren eine große Unsicherheit und haben Sehnsucht nach einem Halt und Heilung, nach einer stabilen Grundlage für ihr Leben, die sie sich nicht selber geben können.

Die Jahreslosung für 2017, meint Wolfgang Baur, provoziert gerade durch das körperliche Bild von der Herztransplantation zum Nachdenken: "Was würde es für mich bedeuten, ein neues Herz zu bekommen?"