"Der Mann hat gestört"

Der Historiker Thomas Kaufmann über Martin Luther und die Kirchenspaltung
Standbild des Reformators Martin Luther (1483-1546) auf dem Karlsplatz in Eisenach.

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Standbild des Reformators Martin Luther (1483-1546) auf dem Karlsplatz in Eisenach.

Der Göttinger Kirchengeschichtler Thomas Kaufmann gehört zu den führenden Reformationshistorikern in Deutschland. In seinem neuen Buch "Erlöste und Verdammte" fasst er die Ereignisse rund um das Erscheinen von Martin Luthers 95 Thesen und die Spaltung der westeuropäischen Christenheit zusammen. Kaufmann ordnet das Geschehen in die europäische Geschichte der frühen Neuzeit ein und wirft auch einen Blick auf die Wirkung jener Epoche bis heute.

Herr Professor Kaufmann, war Martin Luther der große Erneuerer oder der große Kirchenspalter?

Thomas Kaufmann: Luther hat mit Sicherheit ein neues Verständnis des Christentums auf den Weg gebracht. Und er hat einen Raum geschaffen, in dem eine neue Organisationsgestalt des Christentums möglich wurde. Was die Frage der Kirchenspaltung angeht, muss man zunächst feststellen, dass Luther exkommuniziert wurde. Das Nein der Papstkirche bildete den Anfang einer Verselbstständigung des evangelischen Christentums. Und Luther hat dieses Nein des Papsttums dann seinerseits bejaht und diese Kirche verworfen.

Viele Katholiken sagen bis heute: Luther hat die Kirche gespalten. Aus Ihrer Sicht müsste man eher sagen: Der Papst selbst hat die Kirche gespalten.

Kaufmann:
Ja, in der Tat. Ich kann diese Formulierung der Kirchenspaltung nur als eine konfessionell einseitige Sicht auf die Verhältnisse sehen. Es ist ein rechtlich vollzogener Trennungsvorgang gewesen. Die Kirche erkennt, dass ihre disziplinarischen Möglichkeiten im Hinblick auf diesen verworfenen Ketzer nicht mehr funktionieren und gibt ihn der Verdammnis preis. Und das bildet die Grundlage für alles Weitere. Wäre es gelungen, Luther innerhalb der römischen Kirche zu halten, dann hätte sich die Geschichte des Christentums seit dem 16. Jahrhundert völlig anders entwickelt.

Wäre so ein streitbarer Theologe wie Luther denn zu integrieren gewesen?

Kaufmann:
Es gab hohe Kirchenführer des Jahres 1517, die Luthers Ablasskritik für zutiefst berechtigt hielten. Rom hatte bisher keine verbindliche Entscheidung zum Ablass getroffen. Luther hat sich also auf ein Themenfeld begeben, wo ihm eine bestimmte Praxis anstößig erschien und eine eindeutige Lehre noch nicht formuliert war. Es war zunächst eine offene Situation, wie sich die Kirche dazu verhalten würde. Und am Ende hat eine bestimmte papstzentrierte Lesart der Ablasslehre, die in Rom dominierte, obsiegt und die weitere Entwicklung bestimmt. Es gehört zu den Treppenwitzen dieser Problematik, dass Rom erst nach dem Ablasskonflikt mit Luther im November 1518 eine verbindliche Entscheidung in der Ablasslehre formulierte. Damit wurde erst die Rechtsgrundlage geschaffen, durch die Luther zum Ketzer erklärt werden konnte.

War die Kirchenspaltung ein Betriebsunfall der Geschichte?

Kaufmann:
Was heißt Betriebsunfall? Die Geschichte besteht aus einer Kette von Betriebsunfällen. Und nachher ist man immer klüger. Ich bin relativ sicher, dass spätere Päpste mit der Frage anders umgegangen wären. Insofern war es aufs Ganze geurteilt möglicherweise vermeidbar. Aber es hatte auch eine zwingende Logik, dass sich Rom in dieser Weise eines Kritikers entledigt hat. Der Mann hat gestört, und man hat gemerkt, dass er es in einer Weise ernst meinte, die bestimmte Erscheinungen des zutiefst dekadenten römisch-katholischen Kirchenwesens der Zeit infrage stellte.

Dieses Kirchenwesen wollte mit Luther fertig werden wie mit anderen Ketzern vorher?

Kaufmann:
Ja, das war die bewährte Methode. Luther verdankt sein Überleben bestimmten historisch-politischen Umständen, vor allem dem Schutz durch den sächsischen Kurfürsten. Ansonsten wäre er den Weg aller Ketzer gegangen, und das heißt: die Exekution durch das Feuer.