Professionelle Popmusiker für die Kirche

Der schwedische Chor Livslust beim Gospelkirchentag 2012 in Dortmund.

Foto: epd-Bild/ Friedrich Stark

Der schwedische Chor Livslust beim Gospelkirchentag 2012 in Dortmund.

Die Musikszene ist in Bewegung, auch innerhalb der evangelischen Kirche. Viele Gemeinden wünschen sich eine Neuausrichtung. Professor Hartmut Naumann, Leiter eines neuen Studiengangs "Kirchenmusik popular", erläutert, warum die Ausbildung im Bereich Jazz, Rock und Pop intensiviert werden muss.

Herr Naumann, in Witten gibt es ja schon länger ein umfangreiches Fortbildungsangebot für Popularmusik in der Kirche. Warum jetzt ein Vollzeit-Studium?

Hartmut Naumann: Es ist überfällig, ein professionelles Niveau bei der Popularmusik in der Kirche anzubieten. Und zwar nicht nur auf der konzertanten Ebene, sondern auch im kirchenmusikalischen Alltag. Viele Gemeinden und Kirchenkreise melden Bedarf an. Sie sagen: Wir wollen unsere kirchenmusikalische Arbeit neu ausrichten, wir wollen mehr Popularmusik und die auf professionellem Niveau. Die Absolventen des klassischen Kirchenmusikstudiums bedienen diese Nachfrage bisher einfach nicht ausreichend.

Andere Hochschulen, etwa in Tübingen, haben die Popularmusik in ihre normale B-Ausbildung als Pflichtteil integriert. Das reicht Ihrer Meinung nach nicht aus?

Naumann: Diese Aktivitäten sind positiv und gut. Von Einzelfällen abgesehen ist es aber nicht zu erwarten, dass Leute, die aus der Klassik, aus dieser ästhetischen Welt kommen, auch im Bereich Jazz, Rock und Pop einen professionellen Standard erreichen. Das überfordert den Einzelnen in der Regel. Man muss sich entscheiden für eine Richtung, freilich ohne die andere zu ignorieren. Deswegen haben wir im neuen Popularmusik-Studium auch klassische Ausbildungsanteile mit drin und umgekehrt. Man muss das mit einbeziehen, so dass man am Ende verschiedene Fachleute hat, die miteinander im Team arbeiten können und sich gegenseitig auch verstehen.

Sie haben mit dem neuen Studienangebot also auch eine andere Zielgruppe im Auge als den bisherigen Kirchenmusik-Studenten, der von der Orgel und der Kantorei her kommt?

Naumann: Wir richten uns an Leute, die sich im weiten Feld der Pop-, Rock- oder Jazzmusik zu Hause fühlen, die dort aufgewachsen sind, Banderfahrung haben, im Bereich Gospelchor oder Singer/Songwriter unterwegs sind. Die sagen: Das ist meine Musik, mit der ich andere begeistern möchte. Deren Musizierhaltung unterscheidet sich oft von Leuten mit einem klassischen Werdegang. Denen, die bisher große Hürden überwinden mussten, um in einem klassischen Studiengang unterzukommen, wollen wir einen neuen, anderen Weg zur professionellen Kirchenmusik öffnen.

Gibt es für die künftigen Absolventen überhaupt geeignete Stellen?

Naumann: Formal berechtigt der Bachelorabschluss zur Anstellung als B-Kirchenmusiker. Vom Niveau her gibt es keinen Unterschied zwischen klassisch und popular. Auf welche Stellen sich die Absolventen einmal bewerben können, hängt dann von den Anstellungsträgern ab. Wenn eine Kirchengemeinde etwa sagt: Wir möchten unser musikalisches Profil neu ausrichten und mehr Popularmusik in der Kirche – dann werden sie eine Stelle ausschreiben mit diesem Profil. Das sind dann die Stellen für unsere Absolventen. Ich bin lange Zeit in der Nordkirche tätig gewesen. Allein in Schleswig-Holstein und Hamburg gibt es bisher 17 Stellen, die diesen Popularmusik-Schwerpunkt haben. Da habe ich selbst erlebt, wie schwierig es ist, geeignete Bewerber zu finden.

"Ihr alleine seid nicht alles, sondern ihr seid im Team stark"

Rechnen Sie damit, dass bei den Kirchenmusikerstellen in den nächsten Jahren noch eine größere Akzentverschiebung stattfindet?

Naumann: So ist es. Das ist ein Wechselspiel von Angebot und Nachfrage. Ich will keine Gegnerschaft aufbauen zwischen klassisch und popularmusikalisch, sondern ich sehe das als eine Erweiterung des Spektrums. Und zwar auf allen Ebenen der kirchenmusikalischen Arbeit. Das betrifft nicht nur wenige Leuchtturm-Projekte, sondern geht bis hinunter zur Landgemeinde. Musiker werden ja schon häufig auf Kirchenkreisebene angestellt und betreuen verschiedene Gemeinden. Insofern ist ein Teamwork verschiedener Fachleute, wie ich es vorhin angesprochen habe, ein gutes Ziel für die Zukunft. Wenn es gelingt, die Gräben zwischen Klassik und Pop zu überwinden, mit gesundem Menschenverstand ans Werk zu gehen und Kirchenmusik im Teamwork zu organisieren, kann das sehr fruchtbar sein. Wir wollen unseren Studenten gerne dieses Bewusstsein vermitteln. Zu erkennen: Ihr alleine seid nicht alles, sondern ihr seid im Team stark – zusammen mit Leuten, die andere Schwerpunkte haben.

Der Studiengang ist ja auch schon so angelegt, dass es Berührungspunkte gibt, gemeinsame Lehrveranstaltungen und Projekte…

Naumann: Genau, trotz der beiden unterschiedlichen Standorte in Witten und Herford bauen wir solche gemeinsamen Ausbildungsabschnitte ein. Die Studenten sollen die Möglichkeit haben, sich über die musikalische Praxis kennen und schätzen zu lernen.