Tischtennis in der Bibliothek

Junge Fluechtlinge finden Zuhause in kirchlichem Predigerseminar

Foto: epd/epd-bild/Peter Sierigk

Tischtennis in der Bibliothek
Junge Flüchtlinge finden Zuhause in kirchlichem Predigerseminar
Aus Seminarräumen wurden Aufenthaltsräume: Im evangelischen Predigerseminar in Braunschweig leben seit neun Monaten unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Die Afghanen wohnen dort, wo sonst angehende Pastoren und Tagungsgäste übernachten.

Zwischen deckenhohen Regalen mit historischen Büchern spielt Abdolsami Moradi mit Freunden Tischtennis. Ab und an verfehlt der kleine weiße Ball die grüne Platte in der Mitte des Raums und fliegt unter lautem Gelächter ins Regal. Für den 17-jährigen Afghanen ist das evangelische Predigerseminar in Braunschweig zu einem neuen Zuhause geworden. In dem Gästehaus der braunschweigischen Landeskirche leben seit mehr als einem halben Jahr insgesamt 31 jugendliche Flüchtlinge. Bald werden sie in betreute Wohngruppen wechseln.

Moradi ist wie alle anderen ohne seine Familie als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland gekommen. In der Türkei verlor er seinen Rucksack. Teilweise zu Fuß durchquerte er den Balkan, bevor er in München und im vergangenen Oktober mit weiteren allein reisenden jungen Flüchtlingen in einer Braunschweiger Sammelunterkunft landete. Insgesamt kamen 2015 kamen nach Angaben des "Bundesfachverbands unbegleitete minderjährige Flüchtlinge" rund 60.000 solcher Jugendlicher nach Deutschland.

Regel: "Musik in Zimmerlautstärke"

Der Leiter des Predigerseminars, Dieter Rammler, sah dies als eine "humanitäre Notsituation". Gemeinsam mit der Landeskirche entschied er, die Stadt bei der Unterbringung zu unterstützen. Für bereits angekündigte Gäste wurden umliegende Hotels gesucht. Das Gästehaus beherbergt im Normalfall angehende Pastoren oder Teilnehmer von Fortbildungen. Mit den jugendlichen Flüchtlingen machte Rammler zunächst eine kurze Führung durch das Gebäude und die angrenzende mittelalterliche Kirche. "Probleme damit, dass sie als Muslime in ein christliches Haus ziehen, hatte keiner."

Nach ihrem Einzug im vergangenen November haben sich die jungen Afghanen schnell in den Doppelzimmern eingelebt und häuslich eingerichtet. An jeder Tür entlang der langen Flure hängen Namensschilder. Ehemalige Seminarräume wurden zu Aufenthaltsräumen umfunktioniert. Auf Zetteln in den Fluren sind die Regeln wie "Musik in Zimmerlautstärke" festgehalten. Manche wie Abdolsami Moradi haben schnell Deutsch gelernt und besuchen Regelschulen. Alltag ist eingekehrt.

Im Zimmer des 16-jährigen Sharifi Madakhan erinnern nur zwei Schwarz-Weiß-Fotos an der Wand an seine Heimat. Zwei Jungen lächeln darauf in die Kamera. "Meine Brüder", sagt er. Über die Familie möchte er lieber nicht reden. Voller Stolz zeigt er stattdessen auf seine daneben hängende erste Silbermedaille mit dem örtlichen Fußballverein. Dort spiele er im Sturm. Auf einem weiteren Zettel hat er die Vokabeln fürs Training aufgeschrieben: "Tor, Abseits, Anpfiff."

Die leitende Betreuerin Lisa Michaelsen bezeichnet die Unterbringung im Predigerseminar als "Glücksfall". Viele der Jungen lebten das erste Mal in eigenen Zimmern und hätten einen geregelten Tagesablauf. Das Küchenpersonal habe versucht, sich auf vieles einzustellen. Im Fastenmonat Ramadan gab es entsprechend späte Mahlzeiten. Manchmal wurden sogar persische Gerichte gekocht.  

Es gebe aber auch Probleme, ergänzt Michaelsen, die sich mit vier weiteren hauptberuflichen Pädagogen um die Jugendlichen kümmert. Neben dem Heimweh und der Sorge um die Familien sei das Warten auf die Termine bei den Ämtern belastend. Ein Junge habe dies nicht mehr ausgehalten. Er kam nicht in die Unterkunft zurück. Vermutlich sei er zu seinem Bruder nach Skandinavien gereist.  

Für die jungen Afghanen ist das Predigerseminar nur eine Zwischenstation. In wenigen Wochen werden sie in einem betreuten Wohnprojekt auf ihre Selbstständigkeit vorbereitet. Moradi sieht sich dafür gut gerüstet. Während seiner Zeit im Predigerseminar hat er feste Vorstellungen von seiner Zukunft entwickelt: Erst eine Ausbildung und den Meister-Brief in einer Auto-Werkstatt, dann ein Studium zum Ingenieur. Moradi träumt von einer eigenen Kfz-Werkstatt. "Man kann hier gut leben", sagt er - und ein leichtes Lächeln huscht über sein Gesicht. "Alle sind so sympathisch in Deutschland."