Zuckerfest der Kulturen

Junge Geflüchtete unterschiedlicher Herkunft und Religion feiern zusammen das Ende des Ramadan
Zwei Jugendliche und eine Betreuerin beim Zuckerfest des Christlichen Jugenddorfwerks in Frankfurt.

Foto: Nina Flauaus

Zwei Jugendliche und eine Betreuerin beim Zuckerfest des Christlichen Jugenddorfwerks in Frankfurt.

Sie sind Christen, Muslime und Kopten. Manche von ihnen sind Deutsche, andere sind erst vor kurzem hierher geflohen. Doch egal ob Betreuer oder Geflüchteter: Das Zuckerfest feiern beim Christlichen Jugenddorfwerk in Frankfurt am Main alle gemeinsam. Was zählt, ist der Zusammenhalt.

Tomaten-Gurken-Salat mit Schafskäse und Koriander, Couscous mit getrockneten Tomaten, Lamm- und Rindswürste - und Kartoffelsalat mit sauren Gurken: So vielfältig wie die Speisen auf dem Tisch sind auch die Menschen beim Grillfest des Christlichen Jugenddorfwerks (CJD) Rhein Main. Sie kommen aus Eritrea, Afghanistan, Somalia, Ghana, dem Senegal, Guinea, Marokko und aus Syrien. Die jungen Männer sind zwischen 16 und 19 Jahre alt, die meisten von ihnen sind Muslime, zwei sind koptische Christen. Doch egal wie viele Unterschiede es zwischen den Jugendlichen gibt, sie alle teilen die gleiche Geschichte: Sie sind aus ihren Heimatländern nach Deutschland geflohen - alleine. Und sie feiern gemeinsam das Zuckerfest, das Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan.

Dadullah Noori beißt genüsslich in seine noch heiße Wurst. Grillduft und Rauch liegen in der Luft auf dem Picknickplatz im Wald zwischen Frankfurt und Offenbach. Der Teller des 19-jährigen Afghanen ist voll gefüllt. Seit Beginn des Ramadan am 6. Juni hat der junge Muslim gefastet. Während dieser Zeit sind Gläubige dazu aufgerufen, von Sonnenaufgang bis -untergang auf Essen und Trinken zu verzichten. Sie sollen sich auf die Läuterung von Körper und Seele besinnen. Dabei spielt auch das tägliche Gebet eine wichtige Rolle. Jeden Tag sei er zwar nicht in eine Moschee gegangen, sagt Dadullah: "Trotzdem ist mir mein Glaube wichtig", betont der junge Muslim.

Auch Dadullahs Mitbewohner legen Wert auf den gelebten Glauben. Von den derzeit elf Jugendlichen, die in den Wohngemeinschaften leben, hätten die meisten während des Ramadan gefastet, sagt Jan Baltruschat. Der Pädagoge arbeitet seit 2010 für das CJD und koordiniert seit 2014 zusammen mit fünf weiteren Betreuern die vier Frankfurter Wohngruppen des Jugend- und Sozialwerks.

Das Konzept der Wohngemeinschaften ist simpel: Männliche unbegleitete minderjährige Flüchtlinge wohnen in Dreier- bis Vierer-WGs zusammen und werden tagsüber von den Mitarbeitern des CJD betreut. Es wird Deutsch gesprochen, die Geflüchteten haben vor ihrer Ankunft in den Wohngruppen bereits Integrationskurse absolviert. Die meisten von ihnen gehen zur Schule, manche machen bereits eine Ausbildung. Von den Fachkräften werden die Geflüchteten unter anderem bei Arztbesuchen und Behördengängen unterstützt. Abends und an den Wochenenden sind die jungen Männer dann auf sich allein gestellt. Auf diese Weise sollen sie nach und nach lernen, wie sie ihren Alltag selbstständig meistern können.

Alles außer Schweinefleisch

Der Ramadan sei für die Betreuer eine sehr ruhige Zeit gewesen, sagt Baltruschat: "Es gab kein gemeinsames Mittagessen und viele Jugendliche haben mittags geschlafen." Normalerweise spiele jedoch gerade das gemeinsame Essen in den Wohngruppen eine wichtige Rolle. Dafür kauften die jungen Männer einmal in der Woche ein, um dann mittags gemeinsam mit ihren Betreuern zu kochen. "Es ist sehr aufregend und interessant, wenn man sieht, welche verschiedenen Essenskulturen da aufeinander treffen", sagt der Pädagoge.

Anfangs hätten sich die meisten der jungen Männer am liebsten eine Pizza in den Ofen geschoben. Irgendwann wollten sie dann aber etwas Neues, erzählt Baltruschat. Seitdem kämen die verschiedensten Speisen auf den Tisch. Nur auf Schweinefleisch werde verzichtet - damit seien auch die beiden Kopten aus Eritrea einverstanden.

Einer von ihnen ist Samuel. Der 16-Jährige lebt seit elf Monaten in Deutschland und erst seit zwei Wochen in einer der CJD-Wohngemeinschaften. Trotz der kurzen Zeit spricht der junge Kopte schon gut Deutsch. Auch mit den anderen Geflüchteten scheint sich Samuel gut zu verstehen: Beim gemeinsamen Fußballspiel nach dem Zuckerfest-Essen jagt er voller Elan dem Ball hinterher. Was genau seine muslimischen Mitbewohner bei diesem Fest feiern, weiß der 16-Jährige allerdings nicht. Das scheint ihm aber auch nicht so wichtig zu sein, denn: "Solange jemand nett zu mir ist, ist mir seine Religion egal", sagt Samuel.

Baltruschat: "Religion ist eine Privatsache"

Generell funktioniere das Zusammenleben der jungen Männer sehr gut, sagt Pädagoge Baltruschat. Die Jugendlichen fragten etwa bei christlichen Festen nach: Was genau feiert ihr eigentlich an Weihnachten? Und was an Ostern? Gemeinsam mit den Betreuern würden die christlichen Feiertage dann auch begangen - genauso wie die muslimischen. Und auch vor dem Essen könne jeder selbst sagen, ob man ein Tischgebet sprechen wolle oder nicht. "Wir leben vor, dass Religion eine Privatsache ist, und jeder entscheiden kann, wie wichtig das ist", sagt Baltruschat.

Einer der Jugendlichen beim gemeinsamen Fußballspiel nach dem Essen

Dem stimmt auch Pfarrer und CJD-Vorstand Matthias Dargel zu: "Den Jugendlichen sollen ihre eigene Kultur, ihre eigene Identität und ihr eigener Glaube nicht genommen werden." In den Wohngruppen zeige sich, dass Christen und Muslime friedlich zusammenleben könnten. Natürlich gebe es dabei manchmal auch Schwierigkeiten wie etwa aufgrund der verschiedenen Essensgewohnheiten oder wegen der unterschiedlichen Gebetsrhythmen. Während die christlichen Mitbewohner sonntags in den Gottesdienst gehen, steht bei den Muslimen das Freitagsgebet im Vordergrund. Dies gelte es zu berücksichtigen, erklärt Dargel.

Für Jan Baltruschat sind diese alltäglichen Herausforderungen jedoch kein Problem. Dafür gebe es schließlich den Gruppenrat und dessen Sprecher. Gemäß den Prinzipien Demokratie und Partizipation wurde dieser von den Geflüchteten gewählt. Seitdem tagt der Rat einmal pro Monat. Konflikte und Probleme könnten dann offen angesprochen werden, erklärt Baltruschat. Der Sprecher vermittle je nach Bedarf zwischen den jungen Männern und ihren Betreuern.

Anfangs seien die Ratssitzungen allerdings eher schleppend verlaufen, sagt Baltruschat. Viele der Geflüchteten hätten gar nicht verstanden, dass sie selbst etwas entscheiden dürften. Schließlich stammten einige von ihnen aus Ländern, in denen es keine Demokratie gibt. Inzwischen greife das Prinzip aber, sagt der Pädagoge stolz.

"Verschworene Gemeinschaft"

Neben dem Demokratieverständnis sorge manchmal auch das Thema Gleichberechtigung bei den Neuankömmlingen für Irritationen. Einmal habe ein junger Mann etwa seiner Betreuerin nicht in die Augen sehen können, erzählt Baltruschat. Auch in der Schule habe es Probleme zwischen dem Jugendlichen und einer Lehrerin gegeben. Hierbei weist das CJD laut Vorstand Dargel aber deutliche Grenzen auf: "Die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ist nicht verhandelbar." Das werde klar kommuniziert. Und mit der Zeit lege sich auch hier das Konfliktpotenzial, ergänzt Baltruschat.

Der Tisch ist noch reich gedeckt: Nach dem Spiel greifen die Jungs gern ein zweites Mal zu.

Beim Zuckerfest-Grillen wird der höfliche Umgang der jungen Männer miteinander deutlich. Während die einen bei der Vorbereitung der Salate geholfen haben, kümmern sich die anderen später um den Grill. Jeder Betreuer wird persönlich mit Handschlag begrüßt. Für Jan Baltruschat sind die Jungs inzwischen eine "verschworene Gemeinschaft". Als der Betreuer dann auch noch verkündet, dass der diesjährigen Freizeit Ende Juli nichts im Weg steht, lächeln die Jugendlichen. Nach dem Urlaub in Holland im vergangenen Jahr soll es dieses Mal zum Zelten an die Ostsee gehen.

 

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