"Psychosoziale Beratung gehört unbedingt dazu"

Ein jugendlicher Asylbewerber sitzt am 08.10.2015 vor der Landeserstaufnahmestelle in Meßstetten auf einem Ball (Symbolfoto).

Foto: dpa/Felix Kästle

Ein jugendlicher Asylbewerber sitzt am 08.10.2015 vor der Landes-Erstaufnahmestelle in Meßstetten auf einem Ball (Symbolfoto).

"Psychosoziale Beratung gehört unbedingt dazu"
Maria Loheide vom Diakonischen Werk über Hilfen für jugendliche Flüchtlinge
Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) brauchen vor allem Kontakte und Betreuung, sagt Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik im Diakonischen Werk. Außerdem sollten die jungen Menschen dort untergebracht werden, wo ihre Verwandten schon leben. Auch der 17-jährige Afghane, der in Würzburg Zug-Fahrgäste angegriffen hat, war ein "UMF".

Überrascht Sie der Vorfall in Bayern?

Maria Loheide: Ja schon, sehr! Ich muss ehrlich sagen: Das ist eine Ausnahmesituation, die mich persönlich sehr bestürzt. Insofern bin ich sehr überrascht, dass so etwas vorkommt.

Der Täter war ja ein so genannter UMF, ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling, von denen Sie ja auch viele bei der Diakonie betreuen. Können Sie vermuten, was für eine persönliche Situation dahinter stecken könnte?

Loheide: Jeder unbegleitete minderjährige Flüchtling bringt sein eigenes Schicksal mit. Über diesen konkreten Jugendlichen weiß ich natürlich sehr wenig. Man muss jetzt genau gucken: Was hat eigentlich dieser junge Mensch erlebt? Aus welcher Situation kommt er? Welche Gewalt- und Kriegserfahrungen hat er gemacht? Was hat er während der Flucht erlebt? Das sind sicher alles Faktoren, die für seine individuelle Situation eine große Rolle spielen, auch für seine physische und psychische Befindlichkeit. Auch die Trennung von den Eltern und von der Familie, das können Sie sich ja vorstellen, ist für jeden jungen Menschen nicht einfach. Wir haben insgesamt 60.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Deutschland.

Die Diakonie hat eigene Einrichtungen wie stationäre Gruppen oder betreutes Wohnen, vermittelt aber auch in Pflegefamilien. Was ist die bessere Form der Betreuung?

Loheide: Das kann man so pauschal nicht sagen. Deswegen halten wir die Clearingphase am Anfang für sehr wichtig. Der junge Mensch kommt hier an, wird untergebracht, bekommt erstmal einen Platz und eine Gruppe, und dann muss man gucken: In welcher Situation ist dieser junge Mensch überhaupt? Welche Perspektive hat er, auch: welche Bleibeperspektive? In welcher psychischen und physischen Verfassung ist der junge Mensch und welche Hilfe braucht er ganz genau? Wir versuchen ganz schnell, mit den jungen Menschen eine Perspektive zu entwickeln.

Wird den seelischen Belastungen durch Krieg, Gewalt und Trennung von der Familie auch mit Seelsorge oder Psychotherapie begegnet?

Loheide: Ja, auf jeden Fall. Psychosoziale Beratung der jungen Menschen gehört unbedingt dazu. Das wird sofort versucht zu klären. Jeder Mensch, der hier mit solchen Erfahrungen ankommt, braucht eine psychosoziale Begleitung.

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Haben die Jugendlichen von Deutschland etwas anderes erwartet, als sie dann hier vorfinden?

Loheide: Das kann in manchen Fällen so sein, aber auch da sind nicht alle Menschen gleich. Dass aus der Ferne ein Leben in Deutschland vielleicht viel besser, bunter, interessanter, sicherer, komfortabler aussieht, das kann man sich vorstellen. Aber es kann sehr unterschiedlich sein, inwieweit die jungen Menschen informiert sind über das, was sie hier erwartet.

Beobachten Sie auch, dass Jugendliche manchmal den Kontakt zu radikalen Gruppen suchen?

Loheide: Das habe ich aus unserem Einrichtungskontext noch überhaupt nicht gehört. Aber wenn Sie bedenken, dass 60.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge hier sind, wird es sicherlich in dem einen oder anderen Fall möglich sein. Aber als Rückmeldung von unseren Trägern hab ich das noch nicht gehört.

"Wir warnen davor, dass jetzt die Begleitung und Betreuung der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge reduziert wird"

Wäre es aus Ihrer Sicht sinnvoll, muslimischen Jugendlichen zu helfen, sich möglichst schnell in eine Moscheegemeinde zu integrieren?

Loheide: Ich glaube, das kann für die jungen Menschen wirklich sehr unterstützend und hilfreich sein. Sie brauchen einen Ort, wo sie sich beheimatet fühlen. Das können manchmal andere Jugendliche sein, also Peer Groups, das kann aber auch die Gemeinde sein. Wobei nicht alle Jugendlichen, die zu uns kommen, Muslime sind…

… für die Christen eben Kirchengemeinden…

Ja, genau. Wichtig sind möglichst viele stabilisierende Faktoren. Von Anfang an muss geguckt werden: Wo haben die jungen Menschen möglicherweise schon Kontakte und Beziehungen? Und dann sollte man versuchen, sie möglichst schnell dorthin zu bringen. Verwandte und Bekannte können ihnen außerdem erklären, wie es hier in Deutschland läuft, was geht und was nicht geht. Die können sagen, wo man Hilfe bekommt, die wissen vielleicht auch, wie das mit der Schule und einer Ausbildung läuft. Das heißt, der Integrationsfaktor solcher Netze und Bezüge ist enorm.

Gibt es denn überhaupt genügend Kapazitäten, um 60.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge vernünftig aufzunehmen und zu betreuen?

Loheide: Wir sind ja jetzt ein bisschen aus dem Krisenmodus raus und ich finde, man muss jetzt ganz genau gucken: Was passiert weiterhin mit den jungen Menschen? Also sowohl mit den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen als auch mit den Kindern und Jugendlichen, die mit ihren Familien hier ankommen. Auch die sind oft alleine, weil die Eltern genug um die Ohren haben, irgendwie zurechtzukommen. Also auch die brauchen in Kita und Schule und bei der Entwicklung einer Perspektive Unterstützung. Das ist ein quantitatives Problem, das im letzten Jahr ganz enorm war, aber wir sind eigentlich jetzt in einer Situation, in der wir besser auf diese jungen Menschen eingehen können müssten. Manchmal sagen die Kommunen als Kostenträger dieser Maßnahmen: "Ach, das sind doch ganz normale Jugendliche. Die Angebote der Jugendhilfe, die wir hier haben, sind doch mehr für schwierige Jugendliche gedacht" - und halten deswegen eine Begleitung und Betreuung nicht zwingend für notwendig. Einige wollen aus Kostengründen daran drehen. Aber da sagen wir von der Diakonie: Das ist fatal! Gerade das, was man jetzt in die Integration dieser jungen Menschen investiert, ist eine Investition in die Zukunft.

Hat die Diakonie letztes Jahr, als besonders viele Menschen zu uns flüchteten, mehr Sozialarbeiter eingestellt?

Loheide: Ja, wir haben in großem Ausmaß Angebote entwickelt. Unsere bayerische Diakonie hat enorm viele Plätze zur Verfügung gestellt, die Rummelsberger Stiftung hat alles ausgebaut, was ging, um die Jugendlichen erstmal aufzunehmen. Wir haben landauf landab Plätze eingerichtet und Sozialarbeiterinnen eingestellt, um diese Menschen zu begleiten. Aber da sind wir nicht der einzige Träger, die Caritas und andere haben das genauso getan. Wir warnen davor, dass jetzt die Begleitung und Betreuung der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge reduziert wird. Das kann man vielleicht in ein, zwei Jahren machen. Aber im Moment brauchen sie eine intensive Unterstützung.