"Dialog findet zwischen Menschen statt und nicht zwischen Religionen"

Symbole der Weltreligionen auf einer Kreidetafel.

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"Dialog findet zwischen Menschen statt und nicht zwischen Religionen"
Ilona Klemens war 13 Jahre lang Pfarrerin für interreligiösen Dialog in Frankfurt am Main. Im evangelisch.de-Interview zieht sie Ré­su­mé: Christen, Juden, Muslime, Buddhisten, Hindus, Sikhs und Baha'i hatten miteinander gute Ideen - aber auch Konflikte. Immer wieder komme es darauf an, persönliche Beziehungen aufzubauen und zu pflegen, sagt die Pfarrerin.

Frau Klemens, Sie waren in der Frankfurter Stadtkirche die erste Pfarrerin für interreligiösen Dialog. Sie hatten also ein neues Feld zu beackern und mussten vermutlich vielen erst einmal erklären, was interreligiöser Dialog ist - oder?

Ilona Klemens: Ja, das stimmt. Was den interreligiösen Dialog ausmacht, das muss auch heute noch immer wieder klargestellt werden.

Wie machen Sie das?

Klemens: Indem ich mein Credo erläutere: Der Dialog der Religionen findet zwischen den Menschen statt und nicht zwischen den Religionen. Interreligiöser Dialog ist Beziehungsarbeit und nicht nur ein Kaffeekränzchen, auch wenn es darum geht, Begegnung von Menschen zu ermöglichen. In die Gemeinden zu gehen und Vorträge über die einzelnen Religionen zu halten ist es auch nicht. Das wäre ein Monolog. Ein Dialog entsteht erst, wenn ich mit Partnern muslimischen, jüdischen und anderen Glaubens in eine Kirchengemeinde gehe, wo sie selbst über sich sprechen und sich ein Gespräch entwickelt. Es ist wichtig, mit den Menschen zu reden und nicht über sie. Nur so lassen sich Vorurteile und Misstrauen abbauen und Konflikte konstruktiv bearbeiten. Meines Erachtens soll und kann der interreligiöse Dialog dazu beitragen, die drohende Spaltung der Gesellschaft aufzuhalten. Meine Sorge ist, dass es aufgrund der rechtspopulistischen und rechtsextremen wie auch der islamistischen Bewegungen zu mehr Spannungen kommt und die Gesellschaft noch mehr aufgerieben wird.

Es gibt nicht wenige Menschen, die all jene, die sich im interreligiösen Dialog engagieren, belächeln und als naiv charakterisieren.

Klemens: Meiner Erfahrung nach sind das Menschen, die sich noch nie im Dialog engagiert haben und ihn entsprechend von außen beurteilen. Das ist natürlich eine bequeme Perspektive. Mit Naivität hat der Dialog aber überhaupt nichts zu tun. Für den Dialog, der durchaus schwierig sein kann, bedarf es der Ausdauer. Zeit und Geduld sind hier wichtige Elemente, die oft unterschätzt werden, gerade auch in der öffentlichen Debatte. Es ist mit viel Arbeit und zu überwindenden Hürden verbunden - und der Dialog hat zugleich auch wunderbare Seiten. Für mich ganz persönlich kann ich sagen: Ich habe tolle Menschen kennengelernt und sehr gute Freundschaften aufgebaut. In meiner Amtszeit habe ich einige gute Projekte mit anderen auf den Weg gebracht beziehungsweise vorhandene Initiativen begleitet und unterstützt. Dazu gehören unter anderem die interreligiösen Reisen, die Wochen den Begegnung sowie diverse Netzwerke in den Stadtteilen, die abrahamischen Teams, die in die Schulen gehen, die Heiligen Texte, die "Dinner for Three", unzählige Besuche an verschiedenen religiösen Orten, Podien und Diskussionen und vieles mehr. In vielen Kirchengemeinden ist der interreligiöse Dialog ein fester Bestandteil geworden und viele Kolleginnen und Kollegen engagieren sich darin. Stolz bin ich besonders auf den Rat der Religionen.

"Der Konflikt hat mich erschöpft und traurig gemacht"

Dieses Gremium haben Sie vor jetzt zwölf Jahren mit anderen initiert und sich auch seit der Gründung 2009 als Geschäftsführerin engagiert. Dem 23-köpfigen Gremium gehören Mitglieder unterschiedlicher Religionsgemeinschaften an; seit zwei Jahren lässt die Jüdische Gemeinde aus Protest gegen muslimische Vertreter ihre Mitgliedschaft im Rat ruhen. Was war der Grund für den Konflikt?

Klemens: Das lässt sich nicht in ein paar Sätzen erklären, weil es komplex ist und viele Dinge schief gegangen sind. Abgesehen davon erachte ich es nicht als sinnvoll, das Thema auch nach zwei Jahren immer und immer wiederzukäuen. Es ist aber ein gutes Beispiel dafür, welche Eigendynamik ein Konflikt entwickelt, wenn man nicht miteinander spricht, sondern auf ungute Weise und zu früh an die Öffentlichkeit geht. Medien neigen naturgemäß zu Vereinfachung - da bleiben wichtige Details manchmal auf der Strecke. Oder es schleichen sich sachliche Fehler ein, die - einmal in der Welt - nicht mehr richtig zu stellen sind. Nur so viel: Es handelte es sich um Äußerungen muslimischer Mitglieder zum letzten Gazakrieg 2014. Der Nahostkonflikt hat leider immer wieder negative Folgen auf Beziehungen vor Ort, auch wenn der Frankfurter Rat sich grundsätzlich nicht zu internationalen Themen äußert. Wir hatten zwischenzeitlich wieder Gespräche mit der Jüdischen Gemeinde und im letzten Jahr gab es eine multireligiöse Feier in der Paulskirche zu 25 Jahren Deutsche Einheit. Diese wurde von der Stadt mit dem Rat organisiert und die Jüdische Gemeinde nahm daran teil. Es gibt Schritte aufeinander zu, auch wenn die Mitgliedschaft weiter ruht. Aber das wird eben gar nicht mehr wahrgenommen, sondern nur Konflikt an sich.

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Es wird vermutet, dass der ungelöste Konflikt Sie dazu bewogen hat, vor einem Jahr nicht nur Ihre Funktion als Geschäftsführerin des Rats aufzugeben, sondern nun auch Ihre Stelle zu wechseln.

Klemens: Einerseits kann ich sagen, dass es nach sechs Jahren an der Zeit war, die Geschäftsführung an eine andere Religionsgemeinschaft abzugeben. Aber natürlich hat mich der Konflikt in gewisser Weise erschöpft und traurig gemacht. Weil ja nicht nur ich, sondern sehr viele Menschen ihre Energie in dieses Gremium gesteckt haben und es eine Vorbildfunktion haben sollte dafür, wie ein Dialog funktionieren kann.

Ist es also der Frust, der Sie veranlasst hat, Ihre Stelle als Pfarrerin für den interreligiösen Dialog aufzugeben?

Klemens: Nein! Mein Wechsel zur Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) in Mainz hat mit Frust nichts zu tun. Eher mit der Ermüdung, die ich nach 13 Jahren gespürt habe. Ich habe den tiefen inneren Wunsch verspürt, mich beruflich zu verändern. Schon nach zehn Jahren hatte ich darüber nachgedacht, wie ich als Pfarrerin für den interreligiösen Dialog weiterarbeiten könnte. Ich wollte nicht in Routine verfallen und nur immer wieder dasselbe wiederholen. Was ist gut gelaufen? Was ließe sich verbessern? Welche Ideen könnte ich noch umsetzen? Mit diesen und ein paar anderen Fragen habe ich mich beschäftigt und weitergemacht. Nach 13 Jahren fand ich dann, dass es gut wäre, etwas anderes zu suchen, zumal Positionen wie meine in der Kirche ohnehin befristet sind.

"Für den Dialog ist es wichtig, Menschen zu suchen und auch finden, zu denen man Vertrauen hat"

Wie kam es dazu, dass die Fankfurter Stadtkirche 2003 eine Stelle für den interreligiösen Dialog einrichtete?

Klemens: Die Kirche hat ja nicht nur den Auftrag zum Selbsterhalt, sondern auch zur Gestaltung der Gesellschaft in einem guten, gleichberechtigten Miteinander von Menschen unterschiedlichen Glaubens. Meine Kirche hat auf die wachsende religiöse Vielfalt reagiert und es als notwendig erachtet, dass sich jemand um Kontakte kümmert und Begegnungen ermöglicht, Verständnis für andere Religionen weckt und den Kirchengemeinden hilft, sich als Christen zu verorten in der multireligiösen Gesellschaft. Im Rahmen einer kirchlichen Strukturreform entstand schließlich die Stelle in Frankfurt, wie auch in allen größeren Städten wie etwa in Darmstadt, Mainz, Gießen und Wiesbaden.

Was hat Sie an der Aufgabe gereizt?

Klemens: Ich war damals schon Pfarrerin in einer Gemeinde in Frankfurt, hatte aber zuvor Erfahrungen im Ausland gesammelt – etwa in Israel, in den USA und vor allem in Südafrika in der Antidiskriminierungsarbeit. Ich habe mich um die Stelle beworben, weil ich mitwirken wollte an der Gestaltung einer Stadtgesellschaft, in der alle Menschen ihren Raum haben, in der sie so leben können, wie sie es - im Rahmen unserer Grundordnung - für richtig erachten und in der sie ihren Glauben praktizieren können. Räume für die Begegnungen von Menschen aus unterschiedlichen Religionsgemeinschaften zu schaffen hat mich gereizt, zumal es damals noch nicht viele gab.

Wenn Sie zurückblicken auf ihre Arbeit - was würden Sie denn anders machen?

Klemens: Hmm... ich weiß gar nicht, ob ich was anders machen würde. Für den Dialog ist es wichtig, Menschen zu suchen und auch finden, zu denen man Vertrauen hat und mit denen man dann den Dialog zusammen entwickelt und konkret umsetzt. Die große Kunst in der Dialogarbeit besteht darin, nachhaltige Beziehungen aufzubauen; diese durchstehen dann im Idealfall auch schwierige Konflikte. Das ist ein bisschen wie in der Ehe, Schwierigkeiten lassen sich meistern, wenn eine Vertrauensbasis da ist.

Leider gibt es eben gerade am Anfang oft Misstrauen - von allen Seiten. Ich möchte das mal am christlich-muslimischen Dialog deutlich machen: Christen haben ihre Vorurteile: der Islam sei rückständig, frauenfeindlich, gewaltaffin. Die Vielfalt des gelebten Islam wird ungenügend gesehen, die Extremisten, die es gibt, zum Maßstab genommen. Es ist dann manchmal nicht leicht, sie zu einer direkten Begegnung zu bewegen, um sich selbst ein Bild zu machen. Muslime andererseits meinen oft, Christen wollten sie heimlich nur missionieren. Oder sie lassen sich selten darauf ein, das christliche Selbstverständnis wahrzunehmen. Viele meinen, dass alles über das Christentum im Koran gesagt sei. Das hat aber häufig wenig mit dem zu tun, was Christen heute glauben und wie sie ihren Glauben leben. Da wünsche ich mir mehr Interesse von Seiten der Muslime. Das hätte ich vielleicht mehr einfordern sollen, denke ich im Nachhinein. Ich habe eigentlich immer dafür gesorgt, dass Muslime in Kirchengemeinden selbst zu Wort kommen, habe aber eine solche Einladung nie umgekehrt in eine Moschee erhalten - unabhängig von gemeinsamen Dialogveranstaltungen, die ich mitorganisiert habe. Da sollte es mehr Entsprechung geben in der Zukunft.

Was empfehlen Sie Ihren Nachfolgern?

Klemens: Das kommt ein bisschen darauf an, wieviel Vorerfahrung und -wissen da ist. Mir hat geholfen, dass ich beispielsweise mit Dieter Heesemann einen "Türöffner" hatte, der schon über viele Kontakte und Erfahrung im Dialog verfügte. Am Anfang ist es wichtig, dass jemand einen an die Hand nimmt und in die Gemeinden einführt und mit bestimmten Menschen aus den Gemeinden bekannt macht. Mein Rat wäre daher, sich einen Brückenbauer zu suchen. Und sich wirklich die Zeit zu nehmen, alle, die bereits im Dialog aktiv sind, kennen zu lernen.