"Schon jetzt ein Stückchen Himmel auf Erden feiern"

Samuel Koch und Samuel Harfst in Wiesbaden

Foto: Markus Bechtold

"Schon jetzt ein Stückchen Himmel auf Erden feiern"
Samuel Koch und Samuel Harfst: der eine erzählt, der andere singt, von den Höhen und Tiefen des Lebens. Beide verbindet, niemals die Hoffnung aus dem Blick zu lassen.

Zwei Freunde unter sich, denkt man. Samuel Koch erzählt seine Lebensgeschichte, auch indem er aus seinen Büchern vorliest. Und Samuel Harfst singt seine Lieder. Beide plaudern, lachen, hinterfragen und stellen in Frage. Als Zuschauer darf man sich während ihrer Konzertlesung im Laufe des Abends zunehmend wie ein Bekannter dieser beiden Freunde fühlen. Ihre Angst, ihre Zweifel und Sorgen, Hoffnungen und Wünsche verschmelzen mit den eigenen Verletzungen und Sehnsüchten. Die evangelische Jugendkirche in Wiesbaden ist bis auf den letzten Platz besetzt. Zwei Rollstuhlfahrer sitzen direkt unter der Kanzel mit gutem Blick auf die Bühne. Für viele haben die beiden Samuels die Kraft von Vorbildern. Was aber noch wichtiger ist: Am Ende des Sonntagabends sitzen mehr als nur zwei Freunde zusammen.

Samuel Koch ist seit seinem Unfall bei "Wetten, dass..?" vor fünfeinhalb Jahren, als er mit speziellen Sprungstiefeln über ein fahrendes Auto sprang, vom Hals abwärts querschnittsgelähmt. Damit der 28-Jährige auf der Bühne im Sessel mit überschlagenen Beinen sitzen kann, braucht er natürlich Unterstützung. Samuel Harfst und seine Band lassen derweil zwei Lieder erklingen. Die Songs des 30-Jährigen erzählen vom Aufbruch und der Liebe, aber auch vom Tod und dem damit verbundenen Kampf um Hoffnung. Er singt: "Nur nicht weg von Dir". Am Ende sitzt Koch auftrittsbereit im Sessel und beginnt sogleich das Gespräch.

Samuel Koch denkt viel über das Glück nach. "Die ganze Welt scheint irgendwie nach Glück zu streben. Man rennt zu Psychologen oder Wahrsagern, wechselt erneut den Partner, sucht Glückscoaches auf oder reist um die ganze Welt, um sein persönliches Glück zu finden." Koch fragt sich, ob man wirklich nur dann glücklich sein könne, wenn die Umstände stimmen und alles so ist, wie man es sich vorgestellt hat. "Ich hoffe nicht,  denn das würde bedeuten, dass ich bis auf weiteres keine Chance mehr hätte, glücklich zu sein." Allerdings kenne er viele Glücksmomente. Die Liste, die er auch in seinem Buch "Rolle vorwärts" aufgestellt hat, ist lang: "Einschlafen, eine Nacht durchschlafen, erfolgreich husten, küssen, gute Musik hören, Gottesdienst feiern, richtig gekratzt werden, effektiv Niesen, Theater spielen, Nägel geschnitten bekommen und dabei etwas spüren, vor Anstrengung Schmerzen haben, nach dem Kollabieren wieder aufwachen, Blödsinn reden, singen oder in der Fantasie tanzen." "Was ist für Dich Glück" fragt Koch seinen Freund: "Haus, Garten, Frau, Kinder?" Harfst grübelt kurz und entgegnet mit Joachim Ringelnatz: "Glück ist die Brille, die man verzweifelt sucht, während sie einem auf der Nase sitzt."

Blick in die Konzertlesung mit Samuel Koch.

Mittlerweile scheint die Sonne durch das bunte Glas des Kirchenfensters in den Raum. Dadurch erscheinen manche Zuschauerköpfe blau, rot, gelb, grün oder orange. Samuel Koch gehen derweil Wunder nicht aus dem Kopf und dass sie nicht auf Knopfdruck passieren. "Aber Hoffen ist erlaubt. Ich hoffe darauf, mich wieder bewegen zu können. Auch wenn der Verstand mir rät, lieber nicht darauf zu setzen, um mich nicht selbst zu enttäuschen." Dabei zitiert er aus dem Hebräerbrief 11,1: "Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht."

Bei dem Lied "Hier kommt der Sommer" strömt Fröhlichkeit und Wärme durch das Kirchenschiff. Das Publikum singt laut mit, es wird in die Hände geklatscht. Die Lebensreise geht weiter. Samuel Koch, so erzählt er, war vor zwei Jahren in Afrika auf Safari. Unkompliziert war das. Das Kontrastprogramm erlebte er ironischerweise bei einem Besuch des Afrika-Musicals "König der Löwen" in Deutschland. So antwortete er im Theater auf die Frage, ob er aufstehen könne, natürlich mit nein und dachte für sich: "Ich würde sonst wohl kaum in meinem Elektrorollstuhl sitzen und mich überhaupt nicht bewegen." Nach langem hin und her aufgrund vieler Vorschriften wurde ihm vorgeschlagen, das Musical auf einem Bildschirm im Foyer anzuschauen. "Wie so oft wurde streng nach Vorschrift verfahren – auch wenn dabei der Mensch hinten runterfällt." Dabei schweift Samuel Kochs Blick durch den Kirchenraum. Er erinnert sich an Vorstellungen in älteren Kirchengebäuden mit vielen Treppenstufen. Der Weg ins Gotteshaus ist lange noch nicht überall barrierefrei.

Ein Ausschnitt: Samuel Harfst singt mit Band "Hier kommt der Sommer".

Das Leben geht weiter. Samuel Harfst ist mittlerweile 30 Jahre alt und zweifacher Vater. Samuel Koch hat sein Schauspielstudium erfolgreich abgeschlossen und ist seit knapp zwei Jahren festes Ensemblemitglied des Staatstheaters Darmstadt. Am Morgen hatte er bereits in einem Theaterstück in einer Flüchtlingsunterkunft mitgewirkt. Die Terminkalender der beiden sind gefüllt. Jetzt geben sie sich ihren Plaudereien hin. In der Fantasie, so erzählt Koch, gehe er oft frühere Turnübungen durch. Er trainiert in seiner Vorstellung, um die Bewegungen nicht zu vergessen. Samuel Harfst singt auf seinen Wunsch hin das Lied "Seiltänzer", das zwei Jahre vor Kochs Unfall geschrieben wurde, in einer Zeit, als sich die beiden noch nicht kannten. Dennoch scheint es, als wäre das Lied von Samuel für Samuel geschrieben:  "…. Seiltänzer tanz für uns! Schneller, wilder, immer weiter. Mach es, tu es, jetzt und hier. Schön dass es dich gibt...".

Sein Glaube gibt Samuel Koch viel Kraft. evangelisch.de-Redakteur Markus Bechtold spricht mit Samuel Koch 2012 über seinen Glauben und darüber, was sich für Menschen mit Handicap in Deutschland alles ändern muss.

Das Gespräch geht weiter: "Bin ich nutzlos oder wertlos?" fragt Koch. "Ich beschäftige vier Festangestellte, zwei Teilzeitkräfte, zwei Aushilfen, Rollstuhltechniker, Physiotherapeuten, Logopäden und noch einige mehr und stelle damit einen nicht unerheblichen Wirtschaftsfaktor dar. In dieser Hinsicht wäre mein Ableben ein Verlust für das Bruttosozialprodukt." So gedacht, scheint sein Zustand einen Mehrwert zu generieren. Er fährt fort: "Meine Behinderung macht mich nützlicher. Nur mir selbst nützt sie nicht." Koch moniert, dass Menschen in unserer Gesellschaft einen Marktwert haben. Er ist froh, dass sein Vater dafür sorgte, dass seine Geschwister und er ein gesundes, gutes Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein entwickelt haben und ihnen zu zeigen, dass er sie liebt. "Mein Vater ist natürlich menschlich und hat auch irgendwo Fehler. Aber dieser Zug an ihm, bemüht, mich als ein Kind wirklich bedingungslos zu lieben, der ist im Grunde 'übermenschlich', also göttlich. So stelle ich mir Gott vor: Er liebt mich, weil ich bin – mehr muss ich dazu nicht leisten oder tun. Die allermeisten Leute scheinen nach dem Prinzip zu leben: Tun – Haben – Sein. Sie sind wer, weil sie etwas getan und erreicht haben. An ihren Errungenschaften messen sie ihren Wert. Was aber, wenn das Haus abbrennt, ein anderer den Job bekommt oder der Zahn der Zeit an der schönen Optik nagt? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich glücklicher bin, wenn ich das umdrehe: Sein – Haben – Tun. Wir sind schon wertvoll, einfach weil wir sind. Vielleicht heißt es deshalb im Englischen auch 'human being' und nicht 'human doing.'"

Blick auf die Bühne: Bandmitglied macht einen schweizer Handstand.

Koch erzählt auch von seinen Zweifeln. Anfangs fragte er sich, warum Gott ihn hatte fallen lassen. Das Grundvertrauen, das er vorher Gotte gegenüber empfunden hatte, wurde nach seinem Unfall erstmal erschüttert. Im Buch "Rolle vorwärts" erzählt Samuel Koch: "Der Glaube hat sich für mich in manchen Dingen relativiert und in anderen Sachen intensiviert. Schien die Beziehung zu Gott früher ein bisschen wie das Sahnehäubchen auf der Torte meines sonnigen Lebens, so ist sie heute eher Teigmasse und damit überlebensnotwendig für mich geworden." Er sagt, dass er hier auf der Erde wohl nie auf alle Fragen eine Antwort bekomme. "Doch wenn ich kann, werde ich sie Gott stellen, sobald ich bei ihm bin. Und bis dahin hoffe ich darauf: 'Er wird alle ihre Tränen trocknen, und der Tod wird keine Macht mehr haben. Leid, Klage und Schmerzen wird es nie wieder geben; denn was einmal war, ist für immer vorbei' (Offenbarung 21,4)". Samuel Koch sagt: "Tränen trocknen, Schmerzen lindern. Geht auch schon jetzt. Deshalb werde ich weiter wach, neugierig und abenteuerlustig vorwärtsrollen und versuchen, mit so vielen Menschen wie möglich schon jetzt und hier ein Stückchen Himmel auf Erden zu feiern."

Dieser Blick auf das Leben mit seiner positiven Energie erfreut Zuschauerin Viktoria Hamalega aus Wiesbaden. Im Alltag ginge das Wesentliche schnell verloren. Pfarrer Martin Biehl, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Jugendkirche in Wiesbaden, ist von Samuel Harfsts Liedtexten angetan. Sie vermitteln für ihn die christliche Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort habe, sondern dass das Leben immer wieder aufkeimt. Eine Botschaft, die auch Samuel Koch vermittele: Natürlich sei das Leben nicht immer einfach, aber wenn man genau hinschaue, beinhalte es ganz viele wunderbare Momente. "Das sind Botschaften, die uns Christen aus dem Herzen sprechen und die für Jugendliche in Phasen des Umbruchs besonders wichtig sind." Karlheinz Porsch aus Wiesbaden beeindruckt, wie hoffnungsvoll und stark Samuel Koch sein Schicksaal angeht. Obwohl er  im Licht der Öffentlichkeit ist, habe er dennoch mit unnötigen Schwierigkeiten im Alltag zu kämpfen. Porsch fragt sich besorgt, wie es dann erst Querschnittsgelähmten ergehen muss, die keinen so genannten "Promi-Bonus" haben. Da sei noch viel Handlungsbedarf. Und was bleibt von dem Abend? "Viel Herzenswärme", sagt Manuela Kapp aus Frankfurt. Sie hatte die Konzertlesung schon einmal besucht und würde auch noch mal ein drittes Mal hingehen. Möglich ist das. Denn 20 weitere Konzertlesungen sind bereits angekündigt.

 

aus dem chrismonshop

Choral:gut!
Es war Martin Luther, der den Choral populär gemacht hat. Er ließ die Lieder auf Flugblätter drucken und verteilte sie ans Volk. So entstand Gemeinschaft durch gemeinsames...