"Leben wie im Wartezimmer"

"Leben wie im Wartezimmer"
Verfolgte Christen im Nordirak warten auf eine mögliche Rückkehr in ihre Heimat oder auf eine Ausreise nach Europa oder in die USA. Im Nordirak sehen sie keine längerfristige Zukunft.

In den nordirakischen Flüchtlingslagern sehen viele aus Mossul geflohene Christen nach Ansicht der Autorin Andrea Wegener keine längerfristige Zukunft. "Die Flüchtlinge führen ein Leben im Übergang, wie im Wartezimmer", sagte Wegener, die mit der Organisation Global Aid Network (GAIN) mehrmals Hilfsgüter in den Irak gebracht hat, dem Evangelischen Pressedienst (epd). Viele hätten Visa-Anträge gestellt und warteten auf eine Ausreise in die USA oder nach Europa. Andere hofften immer noch auf eine Rückkehr in ihre Heimatdörfer.

Im Sommer 2014 hatte der "Islamische Staat" (IS) alle Christen aus der Region um die Metropole Mossul vertrieben. Zehntausende Menschen waren in die Kurdengebiete geflohen. Wegener hat in den nordirakischen Städten Erbil und Dohuk die Geschichten geflohener Christen aufgeschrieben. Aus den Berichten entstand das Buch "Entkommen aus dem Netz des Jägers", das im März erschienen ist. "Erschreckend war der Grundwasserspiegel von Gewalt in den Erzählungen", so Wegener. Nahezu beiläufig hätten ihr Flüchtlinge von alltäglichen Schikanen und Grausamkeiten abseits der IS-Morde berichtet.


"Ein Mann hat seinen Bruder verloren, weil dieser als Christ nach einem Unfall in der Klinik nicht behandelt wurde", berichtete Wegener. Einer alten Frau hätten IS-Milizionäre an einer Grenzkontrolle sogar das Gebiss und die Schuhe weggenommen. Seit 2014 habe sich die Situation in der Kurdenregion stabilisiert, sagte die Autorin. Die Versorgung durch die UN und andere Hilfsorganisationen sei allerdings immer weniger sicher gestellt. Bislang war auch die Unterstützung von Kirchen weltweit sehr groß.

Die Kurden verhielten sich den geflohenen Christen gegenüber "wohlwollend desinteressiert", sagte Wegener. Häufig fänden die Christen Unterkünfte in christlich geprägten Vororten. "Hier fühlen sich die Menschen zum ersten Mal sicher", sagte sie.

Christliche Gemeinden hätten es im Irak auch vor dem IS nicht leicht gehabt, berichtete Wegener. "Viele Flüchtlinge sagten mir, dass es unter Saddam Hussein schwer genug war, doch nach seinem Sturz herrschte vollkommene Anarchie", sagte Wegener, die in Gießen lebt und für die Missionsbewegung Campus für Christus arbeitet. Viele Gemeinden seien in den letzten Jahren immer mehr unter Druck geraten, auch weil sie sich nicht gewehrt haben. Ob es für das Christentum im Irak eine Zukunft gebe, könne sie schwer einschätzen. "Die Leute vor Ort sagen, die Zeit der großen traditionellen Kirchen sei vorbei, aber kleinere Gruppen werden vielleicht bleiben, um Versöhnungsarbeit zu leisten", sagte sie. Viel hänge davon ab, wie schnell die Christen wieder in ihre Heimat zurückkehren könnten. 

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