Margot Käßmann trägt die Reformation nach Pattaya

Margot Käßmann in Pattaya

Foto: Michael Lenz

Margot Käßmann spricht über das Reformationsjubiläum im thailändischen Pattaya.

Margot Käßmann trägt die Reformation nach Pattaya
Die Botschafterin der EKD für das Reformationsjubiläum spricht vor einer deutschsprachigen evangelischen Gemeinde im thailändischen Pattaya über "2017 – was gibt es da zu feiern?"

Kaum hat Margot Käßmann im evangelischen Begegnungszentrum in Pattaya mit ihrem Vortrag "Transforming Society and Spirituality. The Heritage of the 500th Anniversary of Reformation in Europe" begonnen, muss sie ihn auch schon wieder unterbrechen. Draußen geht ein Wolkenbruch nieder. Der Regen prasselt auf das Wellblechdach des nach drei Seiten offenen Zentrums. Man versteht sein eigenes Wort nicht mehr. Nach gut 25 Minuten ist der tropische Regenguss wieder vorbei.

"Jetzt ist meine Redezeit fast um", sagt Käßmann. "Ich halte einfach eine Kurzfassung meines Vortrags und dann können wir diskutieren." Über die Bedeutung der Reformation heute spricht die Botschafterin des Rates der EKD für das Reformationsjubiläum 2017, über die politische Dimension von Kirche, über den Dialog der Religionen, die Rolle von Religionen, über die Frage, wie "wir in der säkularen Welt eine Sprache finden, um über den Glauben zu sprechen."

Die ehemalige Bischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und ehemalige EKD-Ratsvorsitzende erzählt auch, welche Veranstaltungen die EKD zur Feier des 500. Jubiläums im Jahr 2017 geplant hat. "Die Gedenkfeiern 1817 waren sehr nationalistisch. 1917 war der Erste Weltkrieg. Da gab es kein Interesse daran, einen Deutschen zu würdigen. 2017 soll kein deutsches Gedenken an Martin Luther werden, sondern ein internationales Reformationsjubiläum mit einem ökumenischen Horizont. Deshalb bin auf dieser Vortragsreise durch Asien."

Zuvor war sie bereits in Indien und Bangladesch. Nach Bangkok stehen noch Jakarta, Singapur und Hongkong auf dem Programm. In Indien ist Käßmann mit ihrer Botschaft durchgedrungen. "Indische Christen haben mir gesagt, dass sie bisher über das Jubiläum nicht nachgedacht haben, jetzt aber überlegen wollen, was sie im indischen Kontext zum Thema Reformation und Reformen machen können."

Der Besuch in Pattaya ist der Abschluss des dreitägigen Aufenthalts von Käßmann in Thailand. In Bangkok hat sie einer ökumenischen Begegnung im Haus der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde teilgenommen und auf Einladung der Botschaften Deutschlands, Österreichs, der Schweiz und der Tschechischen Republik sowie der Konrad-Adenauer-Stiftung, der Friedrich-Ebert-Stiftung, der Hanns-Seidel-Stiftung sowie der deutschsprachigen evangelisch und katholischen Gemeinde einen Vortrag in der Chulalongkorn-Universität gehalten.

Pattaya ist die Gelegenheit, mit einer bunten Mischung von Deutschen ins Gespräch zu kommen, die an den sonnigen Gestaden des Golfs von Siam urlauben, überwintern oder ganzjährig leben. Gut 180 Leute sind an diesem trüben, schwülen Nachmittag gekommen. Die Motivation ist höchst unterschiedlich. "Ich wollte eigentlich nur ein Schnitzel essen", sagt Stefan, 49 Jahre alt, aus Stuttgart und lacht. Einer Dame aus Regensburg ist das alles egal: "Mich haben Freunde mitgenommen." Josef und Erika Hahn aus Wien hingegen wissen genau, warum sie gekommen sind. "Wir sind nicht fromm, heilig oder gläubig. Aber das muss man auch nicht sein, um Frau Käßmann zu mögen. Wir wollten sie mal live erleben, weil wir sie gut finden."

Das Begegnungszentrum in Pattayas Stadtteil Naklua würde Martin Luther sicher freuen, auch wenn der fromme Mann aus Wittenberg sicher seine liebe Not mit dem Sodom und Gomorrha hätte, das den Rest von Pattaya ausmacht. Im Begegnungszentrum gibt es eine reichhaltige Bibliothek, selbstgebackenen Kuchen, Würstchen mit Kartoffelsalat und eben lecker Schnitzel. Sonntags hält immer einer der drei Pastoren der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde Bangkok beziehungsweise Pattaya den Gottesdienst.

Bewegt die Menschen: Bigamie in Thailand

Vor Ort in Pattaya werden die beiden von Bernhard Liebe aus dem thüringischen Gotha unterstützt. Der Pastor im Ruhestand organisiert viele der Veranstaltungen im Zentrum zu Themen wie "Das Gewissen – was ist das?", "Bigamie in Thailand" (so mancher Deutsche hat eine Thai geheiratet, obwohl zu Hause noch eine Ehefrau lebt), "Exit – Wir wollen, dass sie bleiben" über Selbstmorde unter Palmen oder Annährungen an den Buddhismus der Wahlheimat Thailand. "Viele kommen sehr gut vorbereitet zu den Veranstaltungen. Manche bringen gar zum Thema Ausdrucke aus Wikipedia mit. Sie sind ja meistens schon im Ruhestand und haben sehr viel Zeit", sagt der Pastor mit einem liebevollen Lächeln. "Es gab natürlich auch viele Gespräche vor dem Besuch von Frau Käßmann."

Viele der Fragen und Stellungnahmen aus dem Publikum drehen sich um das Flüchtlingsthema. Offen und ehrlich machen so manche ihren Ängsten, Vorurteilen und ihrer Ablehnung gegenüber Muslimen Luft. Von einem "organisierten Ansturm auf Europa" der "Irrgläubigen" wird gesprochen, Fragen wie "Wann beginnt der evangelische Widerstand?" oder "Wann gibt es endlich Spanferkel für Muslime, damit sie sich integrieren?" werden gestellt.

Margot Käßmann antwortet ruhig, klug und überlegt. Die Spanferkelforderung kontert sie gelassen: "Diese Frage finde ich merkwürdig. Ich weiß ja nicht, welches Thaigericht sie essen müssen, um integriert zu sein." Der Beifall für ihr Eintreten für Flüchtlinge und für ein friedliches Miteinander der Religionen ist durchaus etwas stärker als der für die Einlassungen der Anhänger von AfD und Pegida am thailändischen Strand.

Ablehnende Haltung deutscher Expats gegenüber Flüchtlingen

Käßmann ist über die Heftigkeit der Stimmung gegen Flüchtlinge und Muslime unter den deutschen Expats erstaunt. "Das hat mich etwas überrascht. Ich hätte gedacht, dass Menschen, die selbst im Ausland leben, eher Verständnis für Menschen haben, die als Fremde nach Deutschland kommen. Aber interessanterweise ist hier die Abwehr fast größer als in Deutschland selbst."

Aber die Besucher sprechen auch viele andere Themen an, die sie bewegen. Das Spektrum reicht von "Was ist der Unterschied zwischen evangelisch und evangelikal?" über "Was hat es mit der Jungfrauengeburt und dem Zölibat auf sich?" bis zu "Wann arbeitet die Kirche ihre Sünden wie ihre Beteiligung an Hexenverbrennungen, Judenpogromen oder Kriegen auf?"

Nur bei der Frage, ob die EKD bei den Finanzierungsproblemen des Begegnungszentrums über die 85.000 Euro für die Anschubfinanzierung hinaus helfen kann, passt Frau Käßmann und verweist an die mitgereiste Claudia Ostarek. Die Referentin der EKD für Ostasien verweist darauf, dass die EKD ja schon in Gestalt von Pastor Liebe die tägliche Arbeit des Zentrums unterstützt und ansonsten Eigeninitiative gefordert ist.

Gegen Sextourismus: Käßmann betont respektvollen Umgang mit Frauen

Käßmann empfindet ihren kurzen Besuch in Pattaya als interessante, bereichernde, aber auch leicht irritierende Erfahrung. "Es ist einerseits eine besondere Situation, in einer Gemeinde zu sein, in der 90 Prozent Männer sind. Andererseits ist es toll, dass ein Kirchenzentrum diese Männer zusammenholt, auch im kritischen Dialog." Die Feministin räumt aber auch freimütig ein, dass sie mit dem Sextourismus und Sextouristen ihre "Mühe" hat: "Deshalb habe ich das Frauenbild, den respektvollen Umgang mit Frauen in meinem Vortrag betont." Das Thema Frauen in der Religion habe auch bei ihren sonstigen Treffen mit Menschen auf der Asienreise eine wichtige Rolle gespielt. "Frauen haben mir gesagt, wie erstaunlich und bewundernswert sie es finden, dass eine Frau für eine Religion öffentlich sprechen kann."

Martin Luther in all seinen Facetten und die Bedeutung der Reformation in unserer Welt wird sich als roter Faden durch die Veranstaltungen, Debatten, Andachten und Predigten der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in Bangkok und des Begegnungszentrums in Pattaya ziehen, bis weit in das Jubiläumsjahr 2017 hinein. "Der Besuch von Frau Käßmann ist der Katalysator", sagt Pastor Liebe. 2017 kommt dann Pattaya nach Wittenberg. Stolz sagt Pastor Liebe: "Wir werden auf der Weltausstellung Reformation einen Stand haben."