TV-Tipp: "Das Dorf des Schweigens" (ZDF)

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TV-Tipp: "Das Dorf des Schweigens" (ZDF)
22.2., ZDF, 20.15 Uhr: "Das Dorf des Schweigens"
Auf den ersten Blick erinnert die Handlung dieses herausragend gut gespielten Familiendramas an viele andere Heimatgeschichten solcher Art: Eine Frau kehrt nach vielen Jahren in den Ort ihrer Kindheit zurück und weckt die Geister der Vergangenheit.

Im Drehbuch von Martin Ambrosch, der für das ZDF unter anderem die ausgezeichnete Wiener Krimireihe "Spuren des Bösen" entwickelt hat, sind diese Geister besonders hässlich: Lydia (Ina Weisse), Mitte vierzig, hat Bad Gastein im schönen Salzburger Land vor dreißig Jahren verlassen, ist später nach Amerika ausgewandert und hat jeden Kontakt zu ihrer Familie abgebrochen. Ihre weitaus jüngere Schwester Eva (Petra Schmidt-Schaller), eine Ärztin, will demnächst heiraten und hat Lydia, die sie nie kennen gelernt hat, zur Hochzeit eingeladen. Schockiert stellt Lydia fest, dass Evas Verlobter Christian (Simon Schwarz) der Mann ist, der sie als Teenager vergewaltigt hat. Als Christians lebloser Körper an dem berühmten Wasserfall mitten im Ort gefunden wird, fragt sich Eva, ob ihre Schwester Rache genommen hat.

Hans Steinbichler hat neben Kinodramen wie "Hierankl" und "Winterreise" auch fürs Fernsehen schon einige große Werke gedreht, darunter zuletzt das filmische Denkmal für Kurt Landauer, den jüdischen Präsidenten des FC Bayern. Seine Beiträge für Reihen wie "Bella Block" und "Polizeiruf 110" waren stets mehr als bloß Krimis. Auch "Das Dorf des Schweigens" orientiert sich nur vordergründig am Krimi-Muster, selbst wenn Eva auf eigene Faust nach den Gründen für Christians Tod sucht und schließlich auf eine schockierende Wahrheit stößt, die ihrem bisherigen Leben komplett die Grundlage entzieht; die grimmige Schlusspointe ist in der Tat ein Knüller.

Auch wenn am Ende einige Fragen offen bleiben: Dank Steinbichlers Führung der Schauspieler bietet der Film eine herausragende Ensemble-Leistung. Ambrosch sorgt allerdings auch dafür, dass mit Ausnahme Evas sämtliche Mitglieder der Familie eine gewisse Düsternis umweht. Außerdem ist Eva natürlich von der Unschuld ihres Verlobten überzeugt, weiß aber bald nicht mehr, wem sie überhaupt noch glauben kann. Angeblich war sogar ihr Halbbruder Max (Hary Prinz) in die Sache verwickelt. Andererseits galt Lydia in ihrer Jugend als schizophren und hat lange Zeit in einer psychiatrischen Klinik verbracht; womöglich hat sie sich die ganze Geschichte nur ausgedacht. Falls sie aber doch wahr sein sollte: Welche Rolle haben die Eltern gespielt?

Geschickt lässt das Drehbuch lange offen, wer was weiß und wer nicht. Alle Figuren bleiben in der Schwebe. Simon Schwarz zum Beispiel verkörpert Evas Verlobten als liebenswürdigen Freund und Lehrer, dem man eine Vergewaltigung nie zutrauen würde. Hildegard Schmahl versieht die Mutter dagegen mit einer Fahrigkeit, die durchaus das Resultat düsterer Erfahrungen sein könnte. Ganz famos ist der im Sommer letzten Jahres verstorbene Helmut Lohner in seinem letzten Film. Der Vater ist eine Figur wie aus einer klassischen Tragödie, aber Lohner nimmt diesem alten Mann jede Bühnenhaftigkeit und spielt ihn ungemein lebensecht; eine berührende Leistung. Trotzdem ist auch diese Rolle bis zum Schluss undurchschaubar.

Prachtvolle Landschaft

Natürlich setzen Steinbichler und seine Kamerafrau Bella Halben, mit der er fast alle seine Filme gedreht hat, den Schauplatz ins rechte Licht; der Wasserfall im Herzen von Bad Gastein kommt ebenso zur Geltung wie die prachtvolle Landschaft ringsumher. Die Kameraarbeit ist ohnehin vortrefflich, zumal die Wirkung von Halbens Bildern durch eine stimmige elegische Musik (Alex Komlew) untermalt wird. Gleich zu Beginn bei Lydias Ankunft in Bad Gastein setzt die Kamerafrau den berühmten Vertigo-Effekt ein (eine Kombination aus Kamerafahrt mit gegenläufigen Zoom), ein deutliches Signal dafür, wie sehr die Welt der Rückkehrerin aus den Fugen geraten ist.

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