"Es gibt dort Ärger, wo es einen Mangel an Wissen gibt"

 Webseiite www.religionen-entdecken.de

Foto: Sigrun Bilges

Kinder erfahren viel über die Weltreligionen auf www.religionen-entdecken.de.

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"Es gibt dort Ärger, wo es einen Mangel an Wissen gibt"
religionen-entdecken.de vermittelt Kindern Wissen über die Weltreligionen, baut Berührungsängste ab und bringt die Kinder miteinander in Kontakt. Dafür hat das Portal den zweiten Platz beim Kinder-Onlinepreis des MDR-Rundfunkrates gemacht. Herausgeberin Jane Baer-Krause erzählt, warum das Projekt einzigartig ist.

Frau Baer-Krause, Sie haben mit religionen-entdecken.de den zweiten Platz beim Kinder-Online-Preis des MDR-Rundfunkrates gemacht. Mit welchen Gefühlen werden Sie zur Preisverleihung am 20. März 2016 zur Leipziger Buchmesse fahren?

Jane Baer-Krause: Wir freuen uns gemeinsam mit dem ganzen Team riesig darüber, dass wir diesen Preis gewonnen haben und meine Kollegin und ich fahren natürlich gerne nach Leipzig, um ihn entgegenzunehmen. Außerdem sind wir gespannt auf den Gewinner des ersten Preises. Vielleicht können wir uns vernetzen und künftig sogar gemeinsam etwas machen? Denn unser Ziel ist es immer, religionen-entdecken.de mit anderen guten Kinderseiten auszutauschen und gegenseitig zu ergänzen.

religionen-entdecken.de ging im Juli 2013 an Start. Was ist das Besondere an diesem interreligiösen Projekt?

Baer-Krause: Das Projekt ist auf Wunsch der User entstanden und wächst an ihren Fragen. Beides ist einzigartig in diesem Themenbereich – sowohl in Deutschland, als auch im Ausland, soweit ich weiß. Auf den Mangel an einem solchen interreligiösen Angebot bin ich bei der Arbeit an einer anderen Kinderseite gestoßen. Dort hatte ich das Thema Religionen vor etlichen Jahren als eines unter vielen einmal angeschnitten - und wurde von den Kindern mit Fragen überschüttet. Da herrschte ein Riesenbedarf. Dass ein entsprechendes Angebot fehlt, habe ich damals der Bundesinitiative "Ein Netz für Kinder" mitgeteilt. Letztlich wurde ich dort gefragt, ob ich das nicht umsetzen könnte. Das Besondere am Projekt selbst ist, dass wir den Kindern nur ein Basiswissen zur Verfügung gestellt haben und sie dann selbst entscheiden konnten, wo es lang geht. Das Konzept funktioniert sehr gut: Kinder und Jugendliche stellen uns sehr viele Fragen, anhand der Antworten wächst das Projekt immer weiter.

Was wollen Sie damit erreichen?

Baer-Krause: Wir möchten den Kindern Wissen über die Weltreligionen vermitteln. Auf diese Weise möchten wir ihnen Angst vor fremden Verhaltensweisen und Ritualen anderer Religionen nehmen und Berührungsängste abbauen. Die Kinder und Jugendlichen können bei uns miteinander in Kontakt treten. Wir möchten Toleranz und ein respektvolles Umgehen miteinander üben und hoffen, dass sie diese im realen Leben etablieren.

Was denken Sie, für was Sie diesen Preis hauptsächlich erhalten werden?

Baer-Krause: Ich bin auch gespannt auf die Erklärung bei der Preisübergabe. Aber ich vermute, dass auch die Tatsache eine Rolle spielt, dass die Religionen ein besonderes Thema in dieser Zeit sind. Unsere Gesellschaft wird immer multikultureller. Damit treffen immer mehr Religionen aufeinander und schließen sich auch immer häufiger zusammen: das Haus der Religionen in Bern hat im letzten Jahr eröffnet, in Hannover gibt es ein Haus der Religionen und das Haus of One in Berlin baut sich langsam auf. Außerdem gibt es viele andere interreligiöse Projekte. Ich glaube, ein friedliches Zusammenleben funktioniert nur, wenn alle mehr übereinander erfahren und sich austauschen. Man kann auf einem engen Raum wie in Deutschland nicht gut nebeneinander zusammenleben. Das geht besser miteinander.

Das Projekt will Kindern und Jugendlichen Wissen über Religionen vermitteln. Wo ist die größte Wissenslücke? Was fragen Ihre Nutzer am meisten nach?

Baer-Krause: Das ist unterschiedlich. Viele Kinder und Jugendliche recherchieren bei uns ihre Hausaufgaben. Manchmal kommen ganze Schulklassen. Das sehen wir an einer Häufung konkreter Fragen, etwa zu den Heiligen Schriften im Judentum, die dann offensichtlich gerade in einer Klasse durchgenommen werden. Es gibt aber auch Kinder, die ganz gezielt aus ihrem Alltag und Lebensbereich Fragen stellen. Diesen Fragen ist auch der neue Bereich, mit dem wir in der vergangenen Woche online gegangen sind, geschuldet. Da geht es um die Positionen der einzelnen Glaubensgemeinschaften zu Alltagsfragen: Ehe, Familie, Gleichberechtigung, Rolle der Frau, Sexualität und so weiter. Jugendliche, die zum Beispiel merken, dass sie homosexuell veranlagt sind und sich damit allein gelassen fühlen, fragen sich, wie das mit ihrer Religion korrespondiert und wie sie einen Weg finden können. Sie erzählen: "Ich bin ein Junge und habe mich in einen anderen Jungen verliebt. Meine Eltern sind katholisch und ich weiß, dass die das nicht gut finden. Was nun?" Es werden aber auch Fragen zur Schöpfung, zum Umweltschutz oder Tierschutz gestellt. Diese Themen werden den Bereich "Religion + Gesellschaft" im Frühjahr noch erweitern. Außerdem greifen wir noch Themen zum Thema Tod auf, zum Beispiel Sterbehilfe oder Suizid. Darf man sich umbringen? Was sagt jede Religion dazu?

"Indem wir erklären, worum es dabei geht, können wir Ängste abbauen."

Wer antwortet bei Ihnen?

Baer-Krause: In der Regel recherchieren und formulieren meine Kollegin Barbara Wolf-Krause oder ich erst einmal Antwortentwürfe vor. Unsere jeweiligen Experten korrigieren oder ergänzen sie oder winken sie durch. Die Expertinnen und Experten sind fast alle Wissenschaftler aus verschiedenen Hochschulen hier in Deutschland: Theologen, Religionswissenschaftler oder Religionspädagogen. Wir arbeiten aber auch zusammen mit der Sekten-Info in Nordrhein-Westfalen und anderen Einrichtungen.

Gestern erhielte wir zum Beispiel die spannende Frage: "Was passiert, wenn man nicht verzeiht?" Ja, was passiert dann eigentlich? Sagt dazu jede Religion was? In diesem Fall habe ich eine Antwort aus menschlicher Sicht formuliert und die Frage dann an unsere Religionsexperten weiter geleitet. Sie antworten was Christen, Juden, Muslime, Hindus, Buddhisten, Bahai und Aleviten dazu sagen. Manchmal unterscheiden sich auch die Antworten der einzelnen Glaubensrichtungen, etwa bei den Protestanten oder Katholiken, den Schiiten oder Sunniten.

Das Projekt will auch Berührungsängste zwischen den Religionen abbauen? Wie gelingt das?

Baer-Krause: Es gibt immer dort Ärger, wo es einen Mangel an Wissen und Bildung gibt. Insofern verstehen wir religionen-entdecken.de in erster Linie als Bildungsprojekt. Wir wollen die Kinder darüber aufklären, warum sich manche Nachbarn ungewohnt kleiden, zu festen Zeiten beten oder ganz andere Feste feiern als sie selbst. Indem wir erklären, worum es dabei geht, können wir Ängste abbauen. Das ist unser Konzept. Wenn der erste Schritt getan ist, wollen wir die Kinder dazu animieren, sich zum Beispiel als Christ eine Moschee oder als Muslima eine Kirche anzuschauen. Neben reinen Wissenstexten im Lexikon gibt es auf unserem Portal  auch viele Buchttipps, Filme, Spiele, Quiz, Bastel- und Ausflugtipps, die Kindern die Religionen näher bringen. In einem Forum können sie sich austauschen. In unserem Erwachsenenbereich erhalten aber auch Pädagogen viele Impulse für den Unterricht. Dieser Bereich wird von der Universität Kassel betreut.

Was planen Sie für die Zukunft?

Baer-Krause: Ideen haben wir ganz viele. Konkret wird jetzt erst einmal das Modul "Religion + Gesellschaft" abgeschlossen. Wir planen zudem einen Ausbau der Quizspiele und wollen damit auch Apps für Smartphones entwickeln und religionen-entdecken.de für mobile Endgeräte weiter optimieren. Außerdem schlummert noch die Idee zu einem großen Online-Spiel in unseren Köpfen. Das sind jedoch alles Dinge, die viel Zeit und Geld kosten. Und finanziell schlingern wir ständig von einer Rechnung zur nächsten. Da wir nicht kommerziell aufgestellt sind, suchen wir dringend nach Unterstützung für die Fortführung des Projektes. Unser größter Wunsch wäre eine Dauerförderung durch eine Behörde oder noch besser eine längerfristige Unterstützung durch einen Vertreter der Wirtschaft, den wir natürlich als Vorbildunternehmen auf unserer Seite hypen würden.   

Das Interview wurde erstmals am 18. Februar 2016 auf evangelisch.de veröffentlicht.