TV-Tipp: "Paradies: Glaube" (Arte)

TV-Tipp: "Paradies: Glaube" (Arte)
8.2., Arte, 22.05 Uhr: "Paradies: Glaube"
Anna Maria hat eine Mission: Sie will, dass Österreich wieder katholisch wird. Deshalb wandert sie mit einer Mutter-Gottes-Statue von Tür zu Tür, um Gott zu den Gottlosen zu bringen.

Die Menschen, auf die sie trifft, reagieren in der Regel eher unwillig. Die einen, weil sie bereits einer anderen Religion nachgehen; andere, weil sie zum Beispiel gar nicht einsehen, dass sie als unverheiratetes Paar gefälligst dem Sex abschwören sollen. Eine betrunkene Exilrussin will Anna Maria an die Wäsche, ein Messie in Unterhose findet in seiner zugemüllten Wohnung keinen Platz für die Mutter Gottes.

Diese Szenen sind zwar ziemlich skurril, sie wirken aber auch ausgesprochen dokumentarisch, und darin liegt die Stärke der Filme von Ulrich Seidl. Im Grunde funktionieren sie so ähnlich wie die "Realtainment"-Sendungen mancher kommerzieller Fernsehprogramme. Das Kunstwort kombiniert die Begriffe Reality und Entertainment: Laiendarstellern wird eine bestimmte Rolle zugewiesen, die dem eigenen Lebenshintergrund möglichst nahe kommt; der Rest ist Improvisation. Seidl arbeitet genauso, mit dem Unterschied allerdings, dass seine Filme nicht wie "Berlin - Tag & Nacht" (RTL 2) aussehen, sondern einen künstlerischen Anspruch vertreten. Hauptdarstellerin Maria Hofstätter hat sich jahrelang auf die Rolle der Missionarin im eigenen Land vorbereitet. Dank der entsprechenden Verinnerlichung ihrer Figur war sie in der Lage, bei wildfremden Menschen zu klingeln und sie in ein religiöses Gespräch zu verwickeln.

Klage wegen Blasphemie

"Paradies: Glaube" ist der zweite Teil einer Trilogie, die Seidl mit "Paradies: Liebe" begonnen hat. Darin ging es um eine vollreife Sextouristin in Afrika; die freizügigen Aufnahmen der Matrone bescherten dem Film eine Freigabe ab 16 Jahren. Gleiches gilt für "Glaube", was womöglich mehr mit dem diffizilen Thema zu tun hat. Zwar frönt der Wiener auch hier seiner Vorliebe für entblößte Alltagskörper, doch ungleich brisanter ist Anna Marias innige Beziehung zu Jesus. Wie ihre Altersgenossin aus "Liebe" ist auch sie eine ältliche Frau mit unerfüllten Sehnsüchten. Gottes Sohn ist für sie wie ein Liebhaber, sie liebkost seinen gekreuzigten Körper. Einmal deutet Seidl sogar eine Masturbation mit dem Kruzifix an, was nach der Uraufführung des Films bei den Festspielen in Venedig umgehend zu vehementen Protesten führte und dem Regisseur eine Klage wegen Blasphemie einbrachte; aber auch den Spezialpreis der Jury. Der frühere Dokumentarist betrachtet das Polarisieren offenbar als Lebensaufgabe, durfte aber auch schon rund drei Dutzend Auszeichnungen entgegennehmen.

In ihrer Radikalität wirkt Anna Maria fast zwangsläufig nicht bloß fundamentalistisch. Wenn sie sich für die Sünden ihrer Mitmenschen mit einer Peitsche kasteit oder betend auf Knien durch die Wohnung rutscht, bewegt sich die Figur nah an der Karikatur. Gleiches gilt für ihren Gebetskreis, der sich lärmend als "Speerspitze des rechten Glaubens" und "Sturmtruppe der Kirche" versteht. Die wirkliche Prüfung aber kommt erst noch: Aus heiterem Himmel sitzt eines Tages Anna Marias aus Ägypten stammender querschnittsgelähmter Gatte (Nabil Saleh) auf dem Sofa. Er ist Moslem, sabotiert ihre übertriebene Religiosität nach Kräften und fordert zudem lautstark die ehelichen Rechte ein; prompt betrachtet ihn seine Frau als Prüfung Gottes. Der nun folgende Kreuzweg einer Ehe ist mitunter von einer fast quälenden Intensität, zumal Seidl dafür sorgt, dass man mühsame Momente wie die Fahrt auf einem Treppenlift oder den Umstieg vom Rollstuhl aufs Bett in langen Einstellungen auskosten kann. Kein Wunder, dass der Film fast zwei Stunden dauert.

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