TV-Tipp: "Einer wie Bruno" (ZDF)

TV-Tipp: "Einer wie Bruno" (ZDF)
4.8., ZDF, 0.15: "Einer wie Bruno"
Wenn populäre Schauspieler Behinderte verkörpern, ist das immer eine Gratwanderung: weil das Spiel offenkundig ist; es fällt daher viel schwerer als bei anderen Rollen, den Darsteller hinter der Figur zu vergessen.

Das gilt auch in diesem Fall, zumal Christian Ulmen nun mal nicht Dustin Hoffman ist, der für seine Leistung als autistischer "Rain Man" einst einen "Oscar" bekommen hat. Eine erfahrenere Regisseurin als Anja Jacobs, die vor ihrem Kinodebüt mit "Einer wie Bruno" zwei durchaus ansprechende TV-Komödien gedreht hat ("Zores", "Küss mich, wenn es Liebe ist"), hätte den Hauptdarsteller vermutlich stärker eingebremst.

Trotzdem ist der Film sehr hübsch geworden, zumal Jacobs und Autor Marc O. Seng (sein erstes verfilmtes Drehbuch) eine ungemein berührende Geschichte erzählen; und weil die Regisseurin die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 14 Jahre junge Lola Dockhorn in ihrer zweiten Rolle zu einer tollen Leistung geführt hat. In "Nebenwege" (kürzlich im "Ersten") hat die junge Frau ihr herausragendes Naturtalent bestätigt. Gerade weil ihr Spiel so viel sparsamer ist als das des berühmten Kollegen, ist es um so wirkungsvoller. Als Vater und Tochter ergänzen sich die beiden allerdings vortrefflich: Bruno ist ein gutmütiger und harmloser Kindskopf, der gern in den Zoo geht und in einem Supermarkt Regale einräumt; im Grunde ist die 13jährige Radost seit dem Tod ihrer Mutter seine Betreuerin. Der Rollentausch hat eine Zeitlang wunderbar funktioniert, aber nun beginnt das Mädchen, sich abzunabeln. Dieser Prozess ist für keinen Vater leicht, doch Bruno erlebt ihn als besonders schmerzhaft: Radost findet die Spielchen, die sie früher immer erheitert haben, bloß noch kindisch, und Bruno versteht die Welt nicht mehr. Bei einer Klassenfahrt lässt das Mädchen den Vater zum ersten Mal allein. Prompt schafft es Bruno, die Wohnung innerhalb weniger Tage völlig zu vermüllen; ausgerechnet jetzt kündigt sich Frau Corazon (Teresa Harder) vom Jugendamt an. Radost kann den Besuch gerade noch abwimmeln, aber beim nächsten Mal – Vater und Tochter haben getrennt voneinander erste heftige Erfahrungen mit Alkohol gemacht – lässt sie sich nicht mehr abwimmeln.

Jacobs setzt die Geschichte mit großer Zuneigung zu beiden Figuren um. Während Bruno dank seiner kindlichen Art automatisch Sympathieträger ist, stand Lola Dockhorn vor einer ungleich größeren Herausforderung, zumal sie kein hübsches Allerweltsgesicht hat, sondern ähnlich wie Hannah Herzsprung ein eher herber und gerade deshalb markanter Typ ist. Stellenweise verhält sich Radost regelrecht grausam, erst recht, nachdem sie sich in ihren neuen Mitschüler Benny (Lucas Reiber) verliebt hat.

Lustige und herzergreifend traurige Szenen

Zunächst ist es noch lustig, wenn sie den Vater mit zwei Eintrittskarten und einem riesigen Eimer Popcorn im Kino deponiert, wo er sich erst prächtig über eine Kinderkomödie amüsiert und dann furchtbar gruselt, weil der nächste Film ein Kettensägen-Horrorstreifen ist. Zwei weitere Szenen dieser Art sind dagegen herzergreifend traurig: Als Bruno seine Tochter überraschend im Landschulheim besucht, setzt sie ihn kurzerhand in den nächsten Bus; als er sie von der Schule abholen will, verleugnet sie ihn und stößt ihn weg, sodass er in die Fahrräder fällt. Bislang ist es ihr gelungen, den behinderten Vater vor ihrer Klasse zu verstecken, und das soll auch so bleiben. Zu Beginn allerdings gibt es viele Szenen tiefer Zuneigung zwischen Vater und Tochter; sie bilden die Basis dafür, dass man Radost die späteren Ausbrüche nicht übel nimmt.

Ulmen wiederum, zu dessen Rollenrepertoire auch die geistig behinderte Kunstfigur Uwe Wöllner gehört, ist immer dann am überzeugendsten, wenn er nicht schielend mit dem Kopf wackelt oder Grimassen schneidend mit Silben kämpft, sondern einfach ein verzweifelter und überforderter Vater ist, der nicht kapiert, warum nicht alles so bleiben kann, wie es ist. Ähnlich glaubwürdig wirken die Alltagsszenen im Supermarkt, wo der leichtgläubige Bruno regelmäßig von einem etwas sadistisch veranlagten Kollegen (Peter Kurth) veralbert wird. Trotz gewisser Vorbehalte gegen Ulmens Spiel aber ist die in den Nebenrollen mit Hans-Werner Meyer und Alwara Höfels überraschend prominent besetzte Tragikomödie gerade dank ihrer Warmherzigkeit sehenswert.

Außerdem erfreut "Einer wie Bruno" durch eine Vielzahl zauberhafter Details; dazu gehört auch die liebevolle Ausstattung (Benedikt Herré), die aus der Wohnung ein Kinderparadies gemacht hat. Deshalb ist es völlig absurd, dass das ZDF diesen auch für junge Jugendliche empfehlenswerten Film als "Kleines Fernsehspiel" nach Mitternacht versendet. Er hatte eine äußerst überschaubare Kinoauswertung und hätte wunderbar anstelle eine der vielen Wiederholungen um 20.15 Uhr laufen können.

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