"Wir werden aufstehen" – Nepal nach dem Erdbeben

Nepal

Foto: Michael Lenz

Padam Bahadur in Thokarpa mit seinem Sohn

Deutschland spricht 2019
"Wir werden aufstehen" – Nepal nach dem Erdbeben
In zwei Wochen beginnt in Nepal der Monsun. Laut UN müssen bis dahin noch 350.000 Menschen mit Notunterkünften versorgt werden. Was fehlt sind vor allem Wellblech und Saatgut.

Einige Hundert Menschen sind aus den umliegenden Dörfern nach Thokarpa gekommen. Caritas Nepal verteilt an diesem Tag Ende Mai Hilfsgüter. Für 800 Familien, die durch das schwere Erdbeben der Stärke 7,8 vom 25. April alles verloren haben, gibt es Reis, Linsen und Decken. In dem gut 2.000 Meter hoch in den dicht bewaldeten Himalajahügeln gelegenen Dorf steht kein Stein mehr auf dem anderen.

"Wir haben nichts mehr", sagt Padam Bahadur. Der Vater eines acht Jahre alten Sohnes ist Schreiner von Beruf. Das ist eine Profession, die bei der Wiederaufbauphase in Thokarpa und den Nachbardörfern Konjunktur haben wird. "Arbeit wird es schon geben", ist sich der hagere Mann in der verblichenen Armeeweste sicher, aber im Augenblick weiß er nicht, ob er davon profitieren wird. "Alle meine Werkzeuge sind unter den Trümmern meines Hauses begraben. Geld für neue habe ich nicht."

315.000 Menschen in Nepal nach dem Erdbeben nicht über Straßen zu erreichen

An Wiederaufbau ist vorerst nicht zu denken. Erst müssen in den vielen Hundert Dörfern in Nepals Bergen Trümmer und Schutt geräumt und der dreimonatige, regenreiche Monsun überstanden werden.

Trümmerräumung in Bungamati
Die Menschen sind auf humanitäre Hilfe von internationalen Organisationen und von nepalesischen Behörden angewiesen.

Die Hilfe ist schleppend angelaufen. Erdrutsche und Lawinen haben den Zugang zu den Erdbebengebieten behindert. Hunderte Nachbeben sorgten die für weitere Schäden. Bürokratische Hürden und eine bei dem Krisenmanagement überforderte nepalesische Regierung trugen das ihre dazu bei, dass Hilfe im großen Stil erst Wochen nach dem Erdbeben richtig beginnen konnte. Und das auch nur in (relativ) leicht zugänglichen Gebieten.

"Die Topographie von Nepal ist ein großes Problem. Rund 315.000 Menschen in den 14 am stärksten betroffenen Distrikten leben in Gegenden, die nicht über Straßen erreicht werden können. 75.000 können nicht einmal auf dem Luftweg versorgt werden", sagt Jamie McGoldrick, der in Nepal die humanitäre Erdbebenhilfe der UN-Organisationen koordiniert, Ende Mai – über vier Wochen nach dem Erdbeben.

Thokarpa liegt im Bezirk Sindhupalchowk. China und Tibet sind nicht weit. Sindhupalchowk ist unter den 14 Erdbebendistrikten einer der am schwersten betroffenen. Alleine in Sindhupalchowk sind mehr als 60.000 Familien obdachlos.

Die Fahrt von Kathmandu in das 65 Kilometer entfernte Thokarpa ist erschreckend schön. Die gut ausgebaute Straße führt durch fruchtbare Täler und enge Schluchten, über kurvenreiche Straßen mit tollen Aussichten auf die Himalajahügel. Wald wechselt sich ab mit Ackerland. Manche Dörfer scheinen weitgehend intakt. Andere sind vollständig zusammengefallen.

In dem Städtchen Sukute geht es rechts ab über eine Brücke über den Fluß Sun Koshi, die wenige Tage vor dem Erdbeben eröffnet worden war. Von der Brücke aus führt ein staubiger, steiniger Waldweg rauf nach Thokarpa. Für die gut fünf Kilometer lange Strecke brauchen die LKWs mit den Hilfsgütern mindestens eine Stunde. Das gilt in Nepal noch als leicht zugänglich. Auch in Thokarpa dauerte es, bis Hilfe ankam. "Wir mussten erst den Weg von Erdrutschen freiräumen", erzählt Santosh K.C., ein Major der nepalesischen Armee.

Auf einem sonnenbeschienen Platz mit Aussicht auf die Berge werden in Thokarpa die Hilfsgüter verteilt. Im Schatten eines Baumes haben sich einige Menschen niedergelassen. Sie schwatzen munter, freuen sich über die Hilfe. Über einen Wiederaufbau ihres Dorfes wollen sie jetzt noch nicht sprechen. Zunächst muss der in etwa zwei Wochen beginnende Monsun überstanden werden.

350.000 Menschen müssen laut UN mit Notunterkünften versorgt werden

Durch den Monsun kann die angelaufene Hilfe schnell wieder ins Stocken geraten. Der Regen wird die Wege zu Bergdörfern in Schlammpisten verwandeln und das vom Beben durchgerüttelte Erdreich wird an den Hängen abrutschen.

Noch hausen die Menschen in Thokarpal unter Plastikplanen, die sie zwischen den Ruinen ihrer Häuser gespannt haben. Auf die Frage, was dringend gebraucht wird, hat jeder eine Antwort. Am häufigsten ist "Wellblech zum Bau von Unterkünften" zu hören. Aber auch "Saatgut" steht ganz oben auf der Wunschliste. Die Felder müssen bis zum Monsun bestellt werden und wie das Werkzeug von Padam Bahadur wurden auch Saatgutvorräte unter den Trümmern begraben.

Die Beschaffung von Wellblech wird ein Wettlauf gegen die Zeit, der kaum zu gewinnen ist. 350.000 Familien müssen laut Vereinten Nationen bis zum Monsun mit Notunterkünften versorgt werden. Und nicht nur die Zeit ist knapp bis zum Monsun, sondern auch das Geld. Kurz nach dem Erdbeben hatte die UN ihre Mitgliedsstaaten um 423 Millionen Dollar für die humanitäre Soforthilfe gebeten. Davon sind bisher nur 102 Millionen, weniger als ein Viertel der benötigten Summe, zugesagt worden.

In dem Dorf Kuttal, zwischen Kathmandu und Thokarpa gelegen, verteilen Studenten der Universität von Kathmandu für 80 Familien Plastikeimer mit Deckeln und Filterpapier, um Wasser reinigen zu können, Unterwäsche für Frauen, Seife, Vitamin-C-Päckchen und Tütchen mit Elektrolyten. Das ganze Dorf hat sich auf der Wiese vor der kleinen Schule eingefunden, als die Lieferung von Malteser Deutschland eintrifft. Die Schule ist eine Ruine, die Bibliothek wie ein Kartenhaus zusammengefallen.

Traurig schaut Thol Bahadu Tamang auf die Trümmer. Der Initiative des alten Mannes war es zu verdanken, dass Kuttal vor fünfzehn Jahren mit finanzieller Hilfe einer japanischen Organisation überhaupt eine Schule bekommen hat. "Bildung ist doch so wichtig für die Zukunft unserer Kinder", sagt Tamang. Er weist auf den Betonhaufen und sagt: "Da drunter liegen 2.700 Bücher."

Mann in Kuttal
Am 31. Mai öffneten die Schulen wieder, sie waren fünf Wochen lang aus Sicherheitsgründen geschlossen. Für 870.000 Kinder im Alter zwischen drei und achtzehn Jahren fällt der Unterricht jedoch weiter aus. 25.000 Klassenzimmer wurden zerstört und weitere 10.000 beschädigt.

Der Vater bleibt nach dem Beben in Nepal in Katar, um zu arbeiten

In den Dörfern leben vor allem Frauen und ältere Männer. An ihnen bleibt das Organisieren des Lebens nach dem Beben hängen. Die meisten der jüngeren Männer arbeiten entweder in Kathmandu oder im Ausland. "Mein Vater ist ein Bauarbeiter in Katar", sagt Apana Tamang, eine junge Frau aus Kuttal. Auf den Baustellen der Fußball-WM verdiene er das zehnfache des Lohns eines Bauarbeiters in Nepal.

Apana Tamang (rechts)
Viele der mehr als zwei Millionen nepalesischen Migrantenarbeiter stecken in einem Dilemma: heimkehren oder Geld verdienen? "Mein Vater bleibt in Katar", sagt die 20 Jahre alte Tamang, die sich an einem Kolleg in der nahen Stadt Dulikhel zur Lehrerin ausbilden lässt. "Wir brauchen das Geld für den Wiederaufbau unseres Hauses."

Prem in Thokarpa hat sich anders entschieden. Der 25-Jährige will sich zunächst um seine Familie kümmern, dafür sorgen, dass seine Frau und seine beiden Kinder wenigstens notdürftig ein Dach über den Kopf bekommen. "Dafür muss ich eben für eine Weile auf ein Einkommen verzichten", sagt Prem, dessen Großvater unter den neun Toten war, die das Erdbeben in dem Dorf gefordert hatte.

In Nepal wissen die Menschen nach dem Erdbeben: "Unser Leben wird hart"

Die Gefahr von und die Angst vor weiteren Beben hat die Menschen in den ersten Wochen davon abgehalten, mit den Aufräumarbeiten zu beginnen. Jetzt geht es damit zaghaft los. Die Szenen erinnern an Bilder aus den zerbombten deutschen Städten nach dem Zweiten Weltkrieg: Stück für Stück werden die Backsteine per Hand aus den Trümmern geklaubt und säuberlich gestapelt. Aus Holzbalken werden sorgsam Schrauben und Dübel entfernt. Alles, was wieder verwertet werden kann, ist bares Geld. Schon ein einfaches Haus kostet umgerechnet etwa 12.000 Euro.

In Thokarpa, wie auch in Kuttal ist die Stimmung heiter. Angst und Verzweiflung haben der Zuversicht Platz gemacht, dass eines (fernen) Tages das Leben wieder besser wird. Jeder auch noch so kleine Fortschritt wird als Etappe zu dieser besseren Zukunft begrüßt. Niemand legt die Hände in den Schoß und wartet, bis Hilfe von wem auch immer eintrifft. Alle packen an, helfen sich gegenseitig, teilen das Wenige, was sie haben.

In Bungamati, einer völlig zerstörten kleinen Stadt in der Nähe von Kathmandu, hat jemand an die Wand eines halbwegs intakten Hauses geschrieben:  "We will rise" - "Wir werden aufstehen". Aber die Nepalesen wissen auch, dass der Weg zum Aufstieg aus Ruinen steinig wird. Apana Tamang sagt: "Unser Leben wird hart."