In Mexikos Drogenkrieg ist kein Ende in Sicht

In Mexikos Drogenkrieg ist kein Ende in Sicht
In einem Jahr endet die Amtszeit des mexikanischen Präsidenten Calderón. Viele hoffen, dass dann auch der von ihm begonnene Drogenkrieg zu Ende geht, dem schon rund 50.000 Menschen zum Opfer fielen. Doch die Lage ist vertrackter denn je.
06.01.2012
Von Franz Smets

Als Präsident Felipe Calderón bei seinem Amtsantritt im Dezember 2006 der organisierten Kriminalität den Krieg erklärte, wurde Mexiko im wesentlichen von einigen Drogenkartellen kontrolliert. Vor allem im Norden des Landes hatte der Staat das Machtmonopol an die Kartelle verloren, die mit zunehmender Brutalität nicht nur die Schmuggelrouten in die USA kontrollierten, sondern ganze Regionen beherrschten. Sie nennen sich Golf-, Sinaloa-, Juárez- oder Tijuana-Kartell.

Heute, fünf Jahre später, hat sich die Lage keineswegs gebessert. Im Gegenteil: Das Vorgehen des Staates gegen die großen Kartelle provozierte deren Aufspaltung, führte zum Entstehen neuer paramilitärischer Banden, die sich teilweise untereinander bekämpfen. Wie viele es von ihnen gibt, vermögen auch Experten kaum mehr zu sagen. Die bekanntesten sind die "Familia Michoacána", von dem sich inzwischen die "Caballeros Templarios" abgespalten haben, sowie die "Los Zetas", ehemalige Elitesoldaten, die nun als Killerbande des Golfkartells dienen.

Anfang 2010 machten sich die "Los Zetas" selbstständig. Sie versuchten, ihre früheren Auftraggeber zu entmachten, und sind inzwischen in ganz Mexiko präsent. Andere kriminelle Banden nennen sich "Mano con Ojos", "Los Pelones", "Los Antrax", "La Resistencia", "Matazetas", "Acapulco" oder "Pacifico Sur".

Es gibt keine klaren Fronte in diesem Krieg

So unüberschaubar wie die Zahl der Banden, so unübersichtlich ist der Krieg gegen sie geworden. Es gibt keine klaren Fronten. Seit einem Jahr hat die Regierung nicht einmal mehr die aktuellen Opferzahlen mitgeteilt. Jeden Tag sterben schätzungsweise zwischen 20 und 70 Menschen, darunter auch viele Zivilisten wie Frauen und Kinder. Doch auch Politiker und Journalisten geraten immer wieder zwischen die Fronten oder ins Fadenkreuz der Drogenbanden.

Von Anfang an war auch Calderón klar, dass ein schneller Sieg nicht zu erreichen ist. Bei verschiedenen Gelegenheiten bekräftigte er, der Kampf werde weit länger dauern als seine Amtszeit. Mehrere zehntausend Soldaten sind inzwischen gegen die Drogen-Kartelle im Einsatz. Es ist ein regelrechter Kreuzzug geworden, der Mexiko vor dem Untergang retten soll.

Forderungen, die Sicherheitskräfte angesichts der hohen Opferzahlen zurückzuziehen, erteilt Calderón eine Absage. "Ein Zurückweichen der Sicherheitskräfte vor der kriminellen Welt würde bedeuten, den Verbrechern eine Lizenz zum Entführen, Erpressen und zum Töten der Bürger zu geben", warnt er. Doch heute scheint nicht einmal mehr klar, wer eigentlich der Feind ist. Viele korrupte Polizisten stehen im Sold der Kartelle. Eigentlich zum Schutz der Menschen bestimmt, werden sie bestochen, um wegzuschauen, oder sind als Bandenmitglieder direkt an Verbrechen beteiligt.

Menschenrechtsverletzungen durch den Staat haben zugenommen

Menschenrechtsverletzungen seitens staatlicher Institutionen haben in den vergangenen Jahren zugenommen. Sie werden von der Regierung teils verharmlost, in Kauf genommen oder geleugnet. Wie zahnlos der Staat inzwischen ist, zeigte sich etwa im Fall des Friedensaktivisten Nepomuceno Moreno Nuñez, dessen Sohn vor einem Jahr von Polizisten entführt wurde.

Monatelang zog Moreno Nuñez durchs Land, um auf das Schicksal seines Sohnes aufmerksam zu machen. Bei einem Treffen mit Calderón im Oktober bat er den Präsidenten um Schutz, da er selbst Todesdrohungen erhalten habe. Calderón soll daraufhin nach Medienberichten auch entsprechende Anweisungen erteilt haben. Dennoch wurde Moreno Nuñez wenig später erschossen.

Nach Ansicht des Experten Edgardo Buscaglia handelt es sich in Mexiko um einen Krieg zwischen Verbrecherbanden, die aus Politikern, Unternehmern, Kriminellen und Mitgliedern legaler wie illegaler bewaffneter Einheiten bestehen. "Es ist ein Kampf um Territorien, um die Drogen und andere kriminelle Aktivitäten. Die oben bekämpfen sich, aber die Toten stammen aus den unteren Schichten".

dpa