"Gleichsetzung von Rechts und Links ist der Teufel pur"

"Gleichsetzung von Rechts und Links ist der Teufel pur"
Alle Welt redet vom Nazi-Terrortrio. Der Jugendpfarrer Lothar König aus Jena hat seit vielen Jahren mit der rechten Szene zu tun. Ein Gespräch über Rechte, Linke und die Kirche.
23.11.2011
Die Fragen stellte Thomas Östreicher

Herr König, Sie sind in den vergangenen Wochen eine Art Medienstar geworden. Freuen Sie sich über die Aufmerksamkeit, die das Thema Rechtsextremismus derzeit erfährt?

Lothar König: Na ja, man steht ständig im Mittelpunkt. Was ich ja schon gern habe, ich möchte auch manchmal im Mittelpunkt stehen und bin da so ein bisschen eitel. Aber das dauert noch ein paar Tage, dann geht es wieder auf das Normalmaß zurück. Mich beschäftigt eher die Sorge, dass die normale Alltagsarbeit liegenbleibt. Und es sind die Kleinigkeiten, wo ich überheblich werde oder nicht mehr achtsam bin, weil ich denke, ich habe jetzt die große Weltpolitik am Wickel. Aber freuen? Ich möchte gern ja sagen, aber das Wort Freude passt da nicht so ganz. Ich freue mich, wenn es mal wieder richtig regnet - hier scheint ständig die Sonne! Ich danke Gott für jeden Augenblick Normalität.

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) verlangt seit Anfang 2011 von Vereinen, die demokratische Aktivitäten unterstützen, eine "Demokratie-Erklärung", ein Bekenntnis zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik, um staatliche Mittel zu bekommen. Was halten Sie davon?

König: Ich unterschreibe doch nicht mit Brief und Siegel, dass ich demokratisch bin, und kriege dann auch noch Geld dafür. Wenn schon, dann handle ich einfach danach. Was die Ministerin da verlangt, ist eine gekaufte Demokratie. Auch da müsste sich die Kirche zu Wort melden und sich weigern, diese "Demokratie-Erklärung" zu unterschreiben. Frau Schröder kommt mir vor, als ob sie frisch aus der DDR in die Bundesregierung gekommen wäre. Da wird mir Himmelangst um dieses Land.

"Jesus war ein Linksextremist"

 

Sollte sich Kirche gegen Rechtsextremismus engagieren?

König: Ja, natürlich muss sie das, das ist ein wichtiges Thema! Wenn zum Beispiel Links- mit Rechtsextremismus gleichgesetzt wird und beides als gleich gefährlich bezeichnet wird, da muss man sich doch zu Wort melden. Die Abstraktion nach dem Motto "Es ist egal, ob ich von einem Linken oder von einem Rechten totgeschlagen werde", ist einfach nicht richtig. Das ist eine Bosheit, weil nicht mehr gefragt wird, was Linke überhaupt wollen.

 dpa/Martin SchuttProtestdemonstration Jenaer Bürger im August 2008 vor der Wohnung des Jugendpfarrers Lothar König, die von der sächsischen Polizei im Zusammenhang mit den Ausschreitungen am Rande des Neonazi-Aufmarsches durchsucht worden war. König, der auch Stadtrat für "Bürger für Jena" ist, wird "aufwieglerischer Landfriedensbruch" vorgeworfen. Foto: dpa/Martin Schutt

Sie selbst stehen unter Linksextremismus-Verdacht und sehen sich nach Ihrer Beteiligung an Protesten gegen einen Neonazi-Aufmarsch im August 2011 nun einer Klage wegen schweren Landfriedensbruchs gegenüber. Wie halten Sie es mit dem Extremismus?

König: Uns wird auch von Kirchenseite her vorgeworfen, wir seien unter einer Totenkopf-Fahne aufgetreten. Da sage ich: Die Frage ist doch nicht, welche Fahne es ist, sondern was wird da gemacht. "An den Früchten sollt ihr sie erkennen", heißt es in der Bibel. Wenn ich ein ganzes Land abschlachten würde, würde es ja auch nicht besser, nur weil ich vielleicht ein Kreuz trage.

Die Kirche steht nicht gerade im Verdacht, linksextremistisch zu sein, aber auch das ist schon ein Fehler. Denn unser Herr Jesus war nach heutigen Maßstäben ein Linksextremist. Er hat propagiert, die Mächtigen von den Thronen zu stürzen, da bin ich mit meinem Schweren Landfriedensbruch ja ein kleines Licht dagegen. Er hat auch gesagt, "ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden auf Erden - was wollte ich lieber, als dass es schon brennte". Steht im Neuen Testament - das sind doch gefährliche linksextremistische Äußerungen!

Was würde Jesus zu einem Neonazi sagen?

König: Ach, der würde sagen: "Du hast 'ne kleine Macke, geh mal in dich. Komm mit mir, wir haben Wichtigeres zu tun, als Leute zu ärgern. Und wenn du denkst, du kannst deinen Scheiß weiter machen, dann kriegst du Ärger mit mir!" So ähnlich denke ich mir das.

"Beide Seiten sind

nicht gleich gefährlich"

 

Wie geht der Staat aus Ihrer Sicht mit den Rechtsextremen um?

König: Die ideologische Vorgabe, Linksextremismus sei genauso gefährlich wie Rechtsextremismus, ist für mich der Teufel pur. Darin stecken mindestens Dreiviertel der Problematik. Wir wissen, dass es mehr als 180 politisch rechts motivierte Morde in Deutschland gab, und auf der linken Seite steht nicht ein einziger. Trotzdem beides gleichzusetzen, verschiebt und verzerrt die Realität. Um ein ungefähres Gleichgewicht herzustellen, muss ich dann alles aus der einen Ecke klein- und alles aus der anderen Ecke großreden.

Kann es sein, dass sich das jetzt gerade ein wenig ändert?

König: Ich denke, man kann nicht mehr so einfach behaupten, dass beide Seiten gleich gefährlich seien. Aber diese Verdummung ist 20 Jahre geschehen, und sie hat wesentlich zu dem beigetragen, was die Menschen jetzt so entsetzt.

Ganz praktisch gefragt: Was raten Sie jemandem, der möglicherweise gewaltbereiten Neonazis begegnet?

König: Ich selbst handle dann intuitiv und achte auf meine eigenen Angstzeichen: Wenn ich Angst bekomme, sollte ich möglichst schnell abhauen (lacht). Und wenn ich keine Angst habe, sollte ich sehen, wie weit ich gehen kann. Aber eines ist klar: Ich diskutiere mit denen nicht mehr. Anfang der Neunzigerjahre gab es einfach zu viele Übergriffe. Irgendwann konnte ich es den Angegriffenen nicht mehr antun, mich mit diesen rechten Typen an einen Tisch zu setzen und zu quatschen, dass sich die Balken biegen.

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Das hat wenig gebracht, weil sie sich nicht wirklich auf eine Diskussion eingelassen und stattdessen gelogen haben, zum Beispiel was ihre Gewaltfreiheit angeht. Und für die anderen ist das nicht zumutbar. Wissen Sie, wenn Sie bös eins auf die Fresse gekriegt haben und sollen sich dann mit denen zusammensetzen, die Sie so schwer malträtiert haben, dann ist das für Jugendliche eine Überforderung.

Dafür braucht es eine sehr starke Persönlichkeit. Ältere können das vielleicht, aber selbst da weiß ich nicht, ob das sinnvoll ist. Spätestens ab 1994/95 hätten wir diesen rechten Leuten politisch begegnen sollen und nicht sozialpädagogisch.

"Jeder kennt das Bedürfnis,

sich abzugrenzen"

 

Annähernd 20 Prozent der Menschen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. Hat sich schon aufgrund der Gewöhnung aneinander nicht irgendwann das Thema Fremdenhass irgendwann erledigt?

König: Erledigt? Na, ich bin Hannoveraner, vom Südharz, und unsere Nachbarn, die Preußen, haben uns 1866 verkloppt. Mein Ur-ur-Opa hat das meinem Opa erzählt und mein Opa mir. Und als Kind, beim Fußballspielen, war diese Gegnerschaft für mich etwas besonderes. Meine Freunde sind die immer noch nicht. Also, das Bedürfnis, sich abzugrenzen, wird jeder kennen.

Anderes Beispiel: Das Trauma der Araber durch die Kreuzzügler und die Eroberung Jerusalems sitzt sehr tief. Oder denken Sie an die Türken in Konstantinopel und die "Erbfeindschaft" zwischen Deutschland und Frankreich. Diese uralten Geschichten werden vergessen, aber ich bin der festen Überzeugung, dass sie unterschwellig noch eine Rolle spielen.

Man sollte darüber reden. Und das machen die Rechten auch, im Gegensatz zu uns. Aber wenn ich über all diese Verletzungen rede und der andere versteht mich vielleicht sogar, dann haben wir so viel miteinander tun, dass wir gar keine Zeit mehr haben, den nächsten Krieg anzufangen, neue Atomkraftwerke zu produzieren oder welche Hirnrissigkeit wir uns sonst einfallen lassen. Und solange wir reden, schätze ich mal, werde ich den anderen nicht angreifen.


Lothar König ist Stadtjugendpfarrer in Jena und leitet die Junge Gemeinde Stadtmitte.