Feiern mit Baklava und Kalbsgeschnetzeltem

Feiern mit Baklava und Kalbsgeschnetzeltem
Das Opferfest, das an diesem Sonntag beginnt, ist der höchste Feiertag der Muslime. Es erinnert an den Urvater Abraham und die berühmte Probe, die ihm Gott einst auferlegte. Statt seines Sohnes tötet Abraham schließlich einen Widder.

Die letzten Vorbereitungen hat Fatma Kul am Samstag getroffen: Morgens hat sie geputzt und gesaugt, später Bonbons gekauft und Geldscheine in Münzen wechseln lassen; am Nachmittag stand sie wieder in der Küche und hat Baklava zubereitet. Der Zuckersirup soll nämlich über Nacht in die Süßspeise aus Blätterteig und Walnüssen einziehen, damit es am Opferfest servierfertig ist. Fatma Kul und ihr Mann werden am heutigen Sonntag und auch in den kommenden Tagen viele Gäste haben. Ihre Tochter und die Enkelkinder, Freunde und Bekannte, Nachbarn und Nachbarskinder werden während des Opferfestes bei ihnen vorbei schauen, um ihnen zum "Bayram" zu gratulieren. Frau Kul wird ihrem Besuch Kalbsgeschnetzeltes und Baklava servieren.

Heute beginnt für Muslime weltweit das höchste Fest nach dem islamischen Kalender. Seinen Ursprung hat das Opferfest im Alten Testament und erinnert an den Propheten Abraham. Nach muslimischer Überlieferung setzte Gott Ibrahim (Abraham) einer Probe aus. Als dann dieser seinen Sohn Ismail opfern will, schickt ihm Gott einen Widder als Opfertier. So werden am Opferfest - türkisch: Kurban Bayrami, arabisch: Id ul-Adha - Schafe oder größere Tiere wie Kälber oder Rinder rituell geschlachtet.

Religiös notwendig oder nur empfohlen?

Ist das Opfern eines Tieres eine religiöse Pflicht? Das Tieropfer gilt je nach Rechtschule entweder als "Sunna" – empfohlen – oder als "wadschib" und damit als religiös notwendig: So erklärt es Professor Bülent Uçar von der Universität Osnabrück. Doch unabhängig davon, ob es Pflicht ist oder nicht, gilt nach Worten des Islamwissenschaftlers vielen Muslimen, auch wenn sie nicht sehr religiös sind, das Tieropfer als ein sehr wichtiges Gebot. Um das Schächten ergeben sich in Deutschland immer wieder Probleme. Denn nach islamischem Ritual sind die Tiere bei Bewusstsein zu sein, wenn sie mit einem Schnitt an der Halsschlagader getötet werden; das wiederum ist in Deutschland verboten. Das Tierschutzgesetz schreibt eine vorherige Betäubung vor.

Die religiöse Praxis unter Muslimen ist facettenreich, und so wird das Opferfest hierzulande sehr unterschiedlich begangen. Es gibt tatsächlich Muslime, die das Schächtverbot ignorieren. Tierschützer kritisieren jedes Jahr vor dem Opferfest das islamische Schächten. Mit einer Aktion besonderer Art machte am Donnerstag vergangener Woche der "Arbeitskreis humaner Tierschutz" in Berlin seinen Protest öffentlich. Vor der ?ehitlik-Moschee am Columbiadamm schächtete ein Tierschutzaktivist – in einem langen weißen Gewand als gläubiger Muslim verkleidet - symbolisch ein Schaf. Über den Bürgersteig floss literweise rotes Kunstblut.

Nicht mit krassen Aktionen, sondern mit einem Appell, Tiere den deutschen Vorschriften entsprechend nur nach vorheriger Betäubung zu schlachten, wendet sich hingegen der Deutsche Tierschutzbund (DTB) an Muslime in der Bunderepublik. Der DTB weist anlässlich des Opferfestes darauf hin, dass das Schächten ohne Genehmigung streng verboten ist und die Zuwiderhandlung "mit einer Geldbuße bis zu 25.000 Euro belegt werden" könne. Schon der Transport von Schafen im Kofferraum des Autos verstöße gegen das Tierschutzrecht und könne ebenfalls geahndet werden. Der Verband fordert die zuständigen Stellen auf, mit umfassenden und strikten Kontrollen gegen das illegale Schächten vorzugehen.

Viele schlagen einen Mittelweg ein

Vielleicht ist es die Höhe der drohenden Geldbuße, vielleicht aber auch einfach nur Einsicht, das viele Muslime einen Mittelweg einschlagen lässt: Um weder mit dem Gesetz noch mit dem islamischen Gebot in Konflikt zu geraten, schicken viele Geld an Familienangehörige im Herkunftsland, damit diese in ihrem Namen ein Opfertier schlachten lassen. Immer mehr Muslime gehen aber auch dazu über, an Organisationen zu spenden, die in islamischen Ländern für Bedürftige schächten lassen. Dem religiösen Gebot hierzulande nachkommen, ohne das Tierschutzgesetz zu brechen: Auch das ist möglich. Denn es gibt mittlerweile Rechtsgutachten islamischer Gelehrter darüber, dass eine elektrische Kurzzeitbetäubung des Opfertieres zulässig ist.

Familie Kul gehört zu den Muslimen, die sich mit dem Gegebenheiten in Deutschland arrangieren können: Sie lassen mit sechs anderen Familien zusammen hier ein Kalb schächten. Um 14 Uhr war am heutigen Sonntag der Termin bei einem Schlachtbetrieb unweit von Hamm. "Mein Mann wird bei der Schlachtung dabei sein", sagt Fatma Kul tags zuvor. So, als wäre es selbstverständlich, berichtet sie auch davon, dass das Tier zuvor mit einem Bolzenschuss betäubt werde.

Ein Geschenk für die Nachbarn

Wenn Bayram Kul am Nachmittag mit seinem Anteil des Fleisches nach Hause kommt, begibt sich Fatma Kul wieder in die Küche und portioniert das Fleisch. Denn einen Teil des Fleisches behält das Ehepaar für sich, ein anderer Teil wird Frau Kul als Kalbsgeschnetzeltes ihren Gästen servieren. Und ein Drittel des Fleisches wird sie – so wie es das islamische Gebot vorsieht – an Nachbarn verteilen. Unter ihnen sind auch deutsche Familien. "Sie kennen sich inzwischen mit unseren Festen aus und wundern sich nicht, wenn ich an ihrer Tür klopfe und das abgepackte Fleisch reiche", erzählt sie.

Seit nunmehr 30 Jahren lebt Fatma Kul in Deutschland und versucht, die Traditionen aus ihrer türkischen Heimat am Leben zu halten. "Als ich Kind war, bin ich am Opferfest von Tür zur Tür gegangen, habe den Erwachsenen die Hand geküsst und zum Fest gratuliert", erzählt die 56-Jährige. Als Belohnung bekam sie Geld oder Bonbons. Und nicht anders macht es sie es jetzt in Hamm: Wenn heute und in den kommenden Tagen die Kinder aus der Nachbarschaft an ihrer Tür klingeln, um ihr mit einem Handkuss zum Fest zu gratulieren, dann werden sie von Frau Kul belohnt. "Die jüngeren Kinder bekommen Bonbons, den älteren Münzgeld."


Canan Topçu ist freie Journalistin und schreibt regelmäßig für evangelisch.de.