Wie der 11. September den Journalismus veränderte

Wie der 11. September den Journalismus veränderte
Die Bilder haben sich eingebrannt: Flammen schlagen aus dem World Trade Center in New York, ein zweites Flugzeug fliegt in den Südturm, später fallen die Zwillingstürme wie Kartenhäuser in sich zusammen. Eine weitere Maschine stürzt ins Pentagon, aus dem mächtigsten Gebäude der Welt steigen Rauchwolken auf. Am 11. September 2001 verfolgte die Welt live im Fernsehen, wie der islamistische Terror die USA traf. Die Anschläge mit rund 3.000 Toten waren für viele Menschen eine Zäsur - auch für Journalisten.

"Der Schock über die Ereignisse hinterließ bei vielen Journalisten ein Gefühl der Hilflosigkeit", sagt Stephan Weichert. Der Medienwissenschaftler von der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation Hamburg hat sich mit der Berichterstattung deutscher Medien über die Anschläge beschäftigt. Vor allem beim Fernsehen seien damals schnelle Reaktionen gefragt gewesen. Aus New York flimmerten hollywoodreife Live-Bilder über die Bildschirme, begleitet von kläglichen Interpretationsversuchen gestresster Moderatoren.

Zahlreiche Fernseh- und Radiosender füllten ihr Programm mit Sondersendungen. Einzelne TV-Moderatoren begleiteten stundenlang das Unfassbare, stets bemüht um Einordnungen, die zu diesem Zeitpunkt kaum möglich waren. RTL-Nachrichtenchef Peter Kloeppel kämpfte mit den Tränen. Und auch ARD-Anchorman Ulrich Wickert stockte die Stimme, als er die Zwillingstürme zusammenbrechen sah.

Aus dem 11. September ergab sich ein anderes Bewusstsein

Unterhaltungs- und Werbesendungen fielen aus. Bei Sat.1 verzichtete Harald Schmidt vorerst auf weitere Auftritte, ProSieben setzte "TV Total" vorübergehend ab. Katastrophenfilme wie "Das große Inferno", "Katastrophenflug 243" oder "Erdbeben in New York" nahmen die Sender aus dem Programm. Die damals auf dem Titel meist bilderlose "Frankurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) druckte am 12. September auf der ersten Seite ausnahmsweise fotografische Abbildungen der Katastrophe.

Weichert ist der Überzeugung, dass das Terrorereignis den deutschen Journalismus nachhaltig beeinflusst hat. "Redaktionen haben sich Gedanken darüber gemacht, wie sie sich auf das Unerwartete vorbereiten." Die Krisenberichterstattung sei in vielerlei Hinsicht professioneller geworden. So hätten viele Redaktionen heute eigene Terrorexperten.

Auch abseits von Terrorthemen habe sich für Krisen aller Art ein Basis-Set an handwerklichen Vorgehensweisen herausgebildet, sagt Weichert. "Viele Journalisten überlegen heute sehr genau, welche Quellen sie nutzen und welche Konsequenzen dies haben kann, zum Beispiel im Hinblick auf Nachahmungstäter." Dieses Bewusstsein sei vor den Anschlägen kaum vorhanden gewesen, habe sich aber zuletzt auch bei der Berichterstattung über die Anschläge in Oslo gezeigt.

"Besondere Verantwortung" der Medien

Auch der Deutsche Presserat stellte seit dem 11. September 2001 Veränderungen fest - allerdings vor allem auf Seiten der Mediennutzer, im konkreten Fall der Leser. Nach Angaben von Presserat-Mitglied Manfred Protze erhält das Selbstkontrollorgan der deutschen Presse heute mehr Beschwerden im Zusammenhang mit Terrorismus-Berichterstattung: "Es gibt eine deutlich erhöhte Empfindlichkeit bei diesen Themen." Häufiger würde eine "Ikonographie des Terrors" kritisiert, zum Beispiel wenn Redaktionen Symbole des Islams wie Moscheen zur Illustration von Terror-Themen verwendeten. Der Vorwurf: Muslime und der Islam würden zu Unrecht zum Synonym des Terrors gemacht.

Für den Journalismus, sagt Protze, habe sich die wichtigste Leitlinie seit den Anschlägen von New York nicht geändert: "Die Medien müssen sich ihrer ganz besonderen ethischen Verantwortung immer bewusst sein." Wer etwa den Koran falsch zitiere, gieße zusätzlich Öl ins Feuer. "Die Verantwortung steigt mit dem Maß der Spannung."

epd