"Wir sind für Sie da": Hausbesuche gegen Einsamkeit

"Wir sind für Sie da": Hausbesuche gegen Einsamkeit
Die 80-Jährige, die sich nicht mehr allein auf die Straße traut und so den ganzen Winter nicht an die frische Luft kam. Der Witwer, der nur zwei Mal die Woche warmes Essen bekommt. Traurige Geschichten von alten Menschen gibt es viele. Deshalb gibt es nun in München das Modellprojekt "Präventive Hausbesuche". Sozialpädagoginnen spüren alleinstehende Senioren auf und organisieren Hilfen.

Früher ist Elfriede H. häufig im Wald spazierengegangen. Jetzt kommt sie kaum noch aus der Wohnung. "Mir fehlt die Kraft", sagt die 86-jährige Münchnerin. Kinder hat sie nicht. Ihr Mann ist vor sechs Jahren gestorben, ihre letzten Freunde leben inzwischen fast alle im Heim. Und Nachbarn in dem grauen Hochhaus kennt sie kaum: "Hier kümmert sich keiner um den anderen." Dabei bräuchte die Seniorin ab und an dringend jemand, der sie zum Arzt, zum Einkaufen oder zu den Behörden begleitet. Oder ihr beim Papierkram hilft.

Wie Elfriede H. sind immer mehr ältere Menschen zu Hause allein auf sich gestellt. Um diese Personen zu erreichen und Hilfen anzubieten, hat die Stadt München das Modellprojekt "Präventive Hausbesuche" gestartet. Motto: "Wir sind für Sie da!" In vier Stadtteilen wird die Idee in den kommenden Jahren erprobt. Vier Sozialpädagoginnen von verschiedenen Institutionen arbeiten mit.

Die Expertinnen versuchen, mit älteren Menschen in Kontakt zu kommen und ihnen beispielsweise Einkaufsdienste und Putzhilfen zu vermitteln. Auch Darina Aktas, die das Projekt im Alten- und Servicezentrum Fürstenried betreut, ist immer wieder auf Tour durchs Viertel. Ärzte, Apotheker, Sanitätshäuser, Kliniken, Krankengymnasten, Kirchengemeinden. Überall stellt sie das Projekt vor, legt Info-Flyer aus. Mit Erfolg: Mit dem Sozialdienst einer Klinik hat sich eine rege Zusammenarbeit entwickelt: "Die rufen an, wenn ein älterer Mensch entlassen wird und zu Hause Unterstützung braucht."

"Viele leben in totaler Isolation"

Was die Helferinnen sehen, ist oft erschreckend. "Viele leben in totaler Isolation", sagt Aktas. Die 80-Jährige, die sich nicht mehr allein auf die Straße traut und so den ganzen Winter nicht an die frische Luft kam. Der Witwer, der nur zwei Mal die Woche warmes Essen bekommt. Die Frau, die depressiv ist, weil sie sich allein um ihren kranken Mann kümmern muss, obwohl sie selbst krank ist. Doch alle wollen zu Hause bleiben und nicht in ein Pflegeheim ziehen. "Anfangs sind die Leute oft misstrauisch", berichtet Aktas. "Manche fürchten, wir kontrollieren sie." Nach einiger Zeit aber taue das Eis: Allein die Tatsache, mal jemanden zu haben, der ihnen zuhört, entlaste schon viele.

Manche Hilfen sind schnell organisiert, wie etwa rutschfeste Unterlagen für Teppiche, Badewanneneinlagen oder Haltegriffe für die Wände. Die Helferinnen stellen aber auch Kontakt zu Pflegediensten her, vermitteln Ehrenamtliche oder animieren, eines der Gruppenangebote im Viertel zu nutzen, um wieder unter Leute zu kommen. Und - wenn es nicht anders geht - empfehlen sie auch schon mal den Umzug ins Pflegeheim.
Darina Aktas hat in den vergangenen acht Monaten 22 "Fälle" bearbeitet. Ihre Schützlinge sind zwischen 72 und 93 Jahre alt. Einige begleitet sie über mehrere Monate, bei anderen reicht ein einziger Besuch. Aktas hat Elfriede H. eine Studentin vermittelt, die sich sozial engagieren wollte. Sie reden, gehen spazieren, und die junge Frau erledigt auch mal Einkäufe für die 86-Jährige.

Mehr als 500.000 Euro hat der Münchner Stadtrat für das vierjährige Projekt bereitgestellt. Danach wird geprüft, ob noch mehr Regionen einbezogen werden. Der Bedarf wird laut dem Sozialreferat der Stadt wohl steigen. Schon jetzt gibt es in München rund 101.600 Menschen, die älter als 75 Jahre sind. Davon lebt jeder Dritte allein. 

epd