"Für mich hat Radikalismus überhaupt nichts mit Islam zu tun"

"Wir freuen uns sehr. Aber das ist alles sehr theoretisch." So kommentiert Giaa Rashid den Präventionsgipfel von Innenminister Hans-Peter Friedrich. Im Kampf gegen Radikalismus sei mehr Bildung für Jugendliche notwendig, hieß es von Experten. Doch dafür hätten Moscheen wie die Islamische Gemeinde Gießen kaum Mittel und Möglichkeiten, meint ihr Vorsitzender Rashid.

Die Moschee ist ein unauffälliges Haus in einem Gießener Gewerbegebiet. Der Haupteingang führt direkt in den Gebetsraum für die Männer mit blau-rotem Teppichboden, auf der anderen Seite des Hauses gibt es einen kleineren Gebetsraum für die Frauen. Außerdem verfügt die Moschee über eine Bibliothek mit zwei Regalen, ein Büro, ein Zimmer für die Kinder, Waschräume und einen kleinen Shop, wo es Keksen und Saft zu kaufen gibt.

"Wir bekommen nichts vom Staat", sagt der Vorsitzende, ein ernsthafter Mann mit Brille, von Beruf Arzt in einer Gießener Klinik. Giaa Rashid ist ein Mann, der die Probleme wahrnimmt und sehr klar beschreibt. "Die Herausforderungen sind groß: Integration, mehr Bildung, soziale Tätigkeiten. Wir sollen eine Brücke zwischen Gemeinde und Gesellschaft bauen und religiöse Werte vermitteln." Doch ohne den Status "Körperschaft des öffentlichen Rechts" bekomme die Moschee keine Zuschüsse, erklärt er.

Giaa Rashid ist der Vorsitzende der Islamischen Gemeinde Gießen (alle Fotos: Anne Kampf/evangelisch.de).

Manche Muslime, die aus anderen Ländern nach Gießen kommen, haben "Anpassungs- und Integrationsschwierigkeiten", erklärt Rashid. Eine halbe Sozialarbeiterstelle würde enorm helfen - doch dafür fehlt das Geld. Die Gemeinde würde außerdem gern einen muslimischen Seelsorger ins Gefängnis entsenden - doch das muss ein Profi sein, und Profis kosten Honorar.

Die Kinder lernen mit bunten Postern arabisch

Rund 150 Menschen aus Gießen und Umgebung kommen zum Freitagsgebet, mehr als 300 zu den großen Festen. Doch nur rund 50 Menschen sind zahlende Mitglieder der Moscheegemeinde. Vor allem für muslimische Studenten der Gießener Universität ist die deutsch- und arabischsprachige Gemeinde ein wichtiger Anlaufpunkt. Die Studenten können anpacken, Kisten tragen, den Computer im Büro reparieren - doch Geld bringen sie naturgemäß nicht unbedingt mit.

Alles, was in der Internationalen Islamischen Gemeinde Gießen getan wird, läuft also auf ehrenamtlicher Basis. Auch die Jugendarbeit. Samstags treffen sich die Jungs, sonntags die Mädchen. Yaman Faysal (16) und Ubaida Abdulmawjood (15) besuchen die Jungengruppe. "Wir diskutieren über Fragen, die wir haben, über Alltagsprobleme. Wenn Selbstmordanschläge passieren, reden wir auch darüber", erzählt Yaman. Sport und Ausflüge sorgen für Abwechslung und stärken die Gemeinschaft. Was für Yaman zählt, sind die Freundschaften, die "Brüderlichkeit" untereinander.

Im Kinderzimmer der Gießener Moschee hängen Plakate mit arabischen Schriftzeichen. So lernen sie, später im Koran zu lesen.

Die Gemeinde versucht, ihren Kindern und Jugendlichen religiöses Wissen zu vermitteln. Wer über die eigene Religion Bescheid weiß, so die Überzeugung von Imam Mutaz Faysal, ist nicht so sehr in Gefahr, sich radikalen Strömungen zuzuwenden. Die Kinder lernen mit Hilfe von bunten Postern arabische Buchstaben, damit sie den Koran lesen können. Einige arabische und deutsche Bücher stehen in den Regalen der überschaubaren Bibliothek - Rashid hätte sie gern umfangreich mit deutscher Literatur über den Islam ausgestattet, damit Jugendliche wie Yaman und Ubaida, die beide das Gymnasium besuchen, sich weiterbilden können. Aber wovon soll die Gemeinde teure Bücher bezahlen?

Warum soll man sich für Religion interessieren?

Der Vorsitzende und der Imam haben sinnvolle Ideen, teilen den Traum von einer Art Bildungszentrum in ihrer Moschee - doch sie machen sich nichts vor. Beide sehen, dass Jugendliche sich von der Moscheegemeinde abwenden und nichts vom Islam wissen wollen. "Das hängt auch mit der Sozialentwicklung zusammen", meint Rashid. "Die Jugendlichen haben Probleme mit den Eltern, fühlen sich nicht verstanden, finden Zuflucht in einer virtuellen Welt."

Der Imam hat noch eine weitere Beobachtung gemacht: "Es gibt Eltern, die kaum beten oder ihren Kindern den Islam vermitteln. Und dann, plötzlich, wenn die Kinder 13 oder 14 sind, zwingen sie sie in die Moschee. Dazu haben die Jugendlichen keine Lust." Ubaida ergänzt, dass der Freundeskreis eine große Rolle spielt: Wenn in der Clique nur Nicht-Muslime sind, warum sollte man sich dann für Religion interessieren?

Yaman glaubt, so gut wie alle muslimischen Jugendlichen in Gießen zu kennen. Wirklich "Radikale" seien nicht darunter. "Ich kann mir gar nicht wirklich vorstellen, warum jemand radikal wird", sagt der junge Mann nachdenklich. "Für mich hat Radikalismus überhaupt nichts mit dem Islam zu tun!" Sein Freund Ubaida versucht eine Erklärung: "Gerade diejenigen, die wenig über den Islam gelernt haben, finden so was gut, weil es logisch und einfach klingt. Du glaubst das automatisch, denn du kennst ja nichts anderes. Es klingt normal - und dann wird das Radikale normal."

Das Radikale - gibt es das in Gießen? Vor einigen Monaten hat sich eine salafistische Gemeinde hier angesiedelt. "Die gewinnen Boden in Deutschland", beobachtet Imam Mutaz Faysal. Die Salafisten orientieren sich eng am Wortlaut des Koran, wollen einen ursprünglichen Islam bewahren und verstehen sich als einzig wahre Gemeinschaft der Gläubigen.

"Man weiß nicht so genau, wie man mit denen umgehen soll"

 Mutaz Faysal ist der Imam der Gießener Moschee. Er arbeitet ehrenamtlich für seine Gemeinde.

Faysal ist ein Gelehrter, er kennt die verschiedenen Strömungen im Islam und möchte deshalb nicht alle über einen Kamm scheren, Salafisten nicht automatisch als "radikal" bezeichnen. "Es gibt zwei Gruppen: Die Litteralisten und die Gewaltbereiten", erklärt er. Allerdings bestehe eine Verbindung zwischen beiden: "Ohne den theoretischen Salafismus gäbe es die Gewaltbereiten nicht." Der Imam gibt zu: "Man weiß nicht so genau, wie man mit ihnen umgehen soll." Für grundsätzlich gefährlich hält er die Tendenz, andere abzulehnen - nach dem Motto "Wir sind richtig - ihr seid falsch." Dass Jugendliche in Gießen den Salafisten zulaufen, stellt die Gemeinde bisher nicht fest.

In Gießen versucht die Moscheegemeinde, mit ihren bescheidenen Mitteln ihr möglichstes zu tun: Sie bietet Jugendlichen und Studenten einen Anlaufpunkt, hält Gebete und Predigten in deutscher und arabischer Sprache. Doch Mutaz Faysal und Giaa Rashid schauen auch über Gießen hinaus, träumen von großen, gefestigten Moscheegemeinden mit Mitgliedern, die wissen, was sie glauben, von einer lebendigen Diskussionskultur. Was die Muslime in Deutschland brauchen? Mehr gut ausgebildete deutsche Imame!

Der Gießener Traum von Gemeinde

Zunächst müssten junge Muslime dazu motiviert werden, eine theologische Ausbildung in Ägypten oder Marokko zu absolvieren, meint Rashid. Der nächste Schritt wäre dann, dass Imame an deutschen Universitäten islamische Theologie studieren - nach Lehrplänen, die von Staat und Islamverbänden zusammen erarbeitet worden wären. Giaa Rashid hält wenig davon, Imame aus anderen Ländern zu holen. "Wir müssen ausschließen, dass Radikale von woanders kommen", sagt er. Außerdem hat er zwei Anforderungen an Imame, die hierzulande lehren: "Sie müssen deutsch können und die aktuellen Themen in Deutschland kennen."

Das Regal mit den arabischen Büchern in der Gießener Moschee-Bibliothek. Die Gemeinde würde gern mehr deutsche Bücher anschaffen.

An mehreren deutschen Universitäten soll es demnächst "Zentren für islamische Studien" geben, nämlich in Tübingen, Münster-Osnabrück, Frankfurt-Gießen und Erlangen-Nürnberg. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt die Ausbildung finanziell. In Tübingen startet der Lehrbetrieb in islamischer Theologie bereits zum Wintersemester 2011, Münster und Osnabrück werden mit ihrem Bachelor-Studiengang ein Jahr später soweit sein.

Die Moschee in Gießen hat Glück - in Person von Mutaz Faysal, dem deutschsprachigen Imam, der in der kleinen Moschee seinen ehrenamtlichen Dienst tut. Die Jugendlichen profitieren von der Bildungskultur, die hier mit den bescheidenen Möglichkeiten gepflegt wird. Zwar könnte die Arbeit der Moschee professioneller, größer, besser laufen - doch vielleicht sind junge Menschen wie Yaman und Ubaida gar nicht so weit von ihrem Traum von Gemeinde entfernt: "Der eine muss auf den anderen aufpassen", träumt Ubaida. "Genau", träumt Yaman, "und wenn einer anfängt sich abzugrenzen, würden die anderen hingehen. Der würde es schwer haben, sich zu radikalisieren."


Anne Kampf ist Redakteurin bei evangelisch.de und zuständig für die Ressorts Politik und Gesellschaft.