Lars von Trier und der "Nazi"-Effekt in Cannes

Lars von Trier und der "Nazi"-Effekt in Cannes
Das Filmfestival in Cannes erklärt Lars von Trier zur "persona non grata", weil er sagt, er könne sich in Hitler einfühlen. Aber was ist eigentlich passiert, was hat er gesagt? Stellt man von Triers Aussagen in ihren Kontext, haben wir hier einen Sturm im Wasserglas.

Die Nachrichtenagentur dpa verbreitete am Donnerstag um 15 Uhr eine Zusammenfassung, in der es wörtlich hieß: "Am Mittwoch hatte der 55 Jahre alte Däne auf der Pressekonferenz zu seinem diesjährigen Wettbewerbsbeitrag 'Melancholia' erzählt, dass seine Familie deutsche Wurzeln habe. 'Ich bin ein Nazi', sagte er vor laufenden Kameras. 'Ich verstehe Hitler. Ich glaube, dass er ein paar schlechte Dinge gemacht hat, klar, aber ich kann ihn mir in seinem Bunker vorstellen, am Ende.'"

[listbox:title=Die Pressekonferenz[Der komplette Mitschnitt der Pressekonferenz (38:51 min, englisch)##evangelisch.de-Transkript der letzten Minuten der Pressekonferenz (englisch)]]

Der Wortlaut stimmt (fast), der Kontext aber nicht. Klar: Wer auf der internationalen Bühne der Öffentlichkeit "Hitler" sagt, muss mit Konsequenzen rechnen, ungefähr so wie jemand, der bei J.B. Kerner "Autobahn" sagt. Aber Kontext ist wichtig. Wie kam es dazu, dass sich Lars von Trier sprachlich verstiegen hat?

Nach der Depression kommt die Nazi-Ästhetik

Die Äußerungen kommen aus der fast 40-minütigen Pressekonferenz, die von Trier und seine Schauspieler am 18. Mai in Cannes gegeben haben. Ein großer Teil der Pressekonferenz beschäftigt sich mit der Frage nach Depression und Melancholie und wie Lars von Trier seine eigene Lebensgeschichte, in der Depression eine große Rolle spielt, in seinem Cannes-Film "Melancholia" verarbeitet hat.

In Minute 34:30 stellt die Reporterin der London Times Lars von Trier die Frage, ob er noch weiter auf seine deutschen Wurzeln eingehen könne. Zuvor hatte der Regisseur über die Tradition deutscher Romantik gesprochen. Außerdem fragt die Reporterin Lars von Trier, ob er noch mehr zu einem Interview in einem dänischen Film-Magazin sagen könne, in dem er zum Ausdruck brachte, dass er Nazi-Asthetik interessant fände.

In dem was folgt, verknüpft Lars von Trier seine Lebensgeschichte mit seinem Interesse für Nazi-Architektur. Von Trier ist der Sohn von Inger Trier und Ulf Trier, einem dänischen Juden, der im zweiten Weltkrieg nach Schweden geflohen war. Vor ihrem Tod 1989 teilte ihm seine Mutter mit, dass sein leiblicher Vater aber ein Deutscher namens Hartmann war.

Hitler im Bunker als Beispiel für Melancholie und Depression

Darauf nimmt von Trier in seiner Antwort auf die Frage Bezug: "Ich dachte sehr lange, ich sei ein Jude, und ich war sehr glücklich als Jude. […] Dann stellte sich heraus, dass ich kein Jude war. […] Ich wollte wirklich ein Jude sein und dann fand ich heraus, dass ich in Wahrheit ein Nazi war, weil meine Familie Deutsche waren, Hartmann. Das gab mir auch ein gutes Gefühl."

Dann spricht von Trier weiter und sagt, er verstünde Hitler, könne sich vorstellen, wie er am Ende in seinem Bunker sitzt. Im Kontext der Diskussion um Melancholie und Depression, die die halbe Stunde zuvor gefüllt hatte, erscheint das auch nachvollziehbar. Von Trier merkt aber, dass er mit Hitler in falsches Fahrwasser kommt und betont, dass er aber kein Anti-Semit sei, trotz seiner Meinung, dass Israel "a pain in the ass" sei – auch nicht besonders politisch korrekt. "Wie komme ich da jetzt wieder raus?", sagt von Trier und lenkt über zur Kunst der Nazis und Albert Speer – das ist die Antwort auf die vorausgehende Frage nach der Nazi-Ästhetik. "Der hatte ein Talent, dass er einsetzen konnte während…" sagt von Trier, beendet den Satz aber nicht und sagt: "Okay, I'm a Nazi."

Wie eine faktische Aussage kommt das nicht rüber. Die Flucht in die Ironie wird auch an der Antwort auf die letzte Frage der Pressekonferenz deutlich: Könnte er sich vorstellen, so einen Film in einem größeren Rahmen zu machen?

"In einem größeren Rahmen? Klar, das ist, was wir Nazis machen, wir tendieren dazu, Dinge in einem größeren Rahmen zu machen. Vielleicht könnte man mich zu einer Endlösung der Journalistenfrage bewegen."

Unüberlegte Wortwahl, aber kein politischer Nationalsozialismus

Auch das ist eine politisch völlig inkorrekte Antwort und auch nicht akzeptabel (und spielte in den verbreiteten Meldungen aber keine Rolle). Trotzdem hat sich Lars von Trier eindeutig nicht vor das Publikum von Cannes gestellt und sich öffentlich zum Nationalsozialismus bekannt. Wenn man sich die Pressekonferenz anschaut, wird ziemlich deutlich, dass hierbei eine Mischung aus biografischem Interesse, künstlerischem Denken, durcheinandergehenden Gedanken und mangelnden Englischkenntnissen eine viel größere Rolle gespielt hat als eine politische Unterstützung von Nationalsozialismus.

Der Regisseur hätte seine Worte besser wählen können, um deutlich zu machen, dass er sich mit seiner deutschen Vergangenheit beschäftigt und die Architektur und den Stil der Nazizeit interessant findet. Daraus ihm aber politische Unterstützung des Nationalsozialismus zu unterstellen und den Regisseur deshalb zur "persona non grata" zu erklären, ist kurzsichtig. Zumindest bleibt sein Film im Wettbewerb, der hat mit der Pressekonferenz ja nichts zu tun.

Lars von Trier ließ durch seine Agentur noch am Mittwochabend eine Entschuldigung verbreiten: "Wenn ich heute Morgen jemanden durch meine Worte verletzt habe, möchte ich mich aufrichtig entschuldigen. Ich bin weder antisemitisch, habe keine rassistischen Vorurteile, noch bin ich ein Nazi." Das hätte man eigentlich nach der Pressekonferenz direkt erkennen können.


Transkript der Pressekonferenz, 34:30 - 38:51 min

(Der Link zum Video zur Pressekonferenz)

(Anmerkung: Susanne Bier ist ebenfalls eine dänische Regisseurin, die selbst zwei Dogma-Filme gedreht hat und dieses Jahr für "In einer besseren Welt" mit dem Oscar für besten ausländischen Film ausgezeichnet wurde.)

[Reporterin] "My question follows on from the German romantic thing. Can you talk a bit about your German roots and the Gothic aspect of the film. And also, you mentioned in a Danish film magazine also about you're interested in the Nazu asthetic and you talked about that German roots at the same time. Can you tell us a bit more about that?"

[von Trier] "Yes. The only thing I can say is: I thought I was a Jew for a long time, and was very happy being a Jew. Then later on came Susanne Bier and then suddenly I wasn't so happy about being a Jew. No, that was a joke, sorry. [Gelächter im Publikum] But it turned out that I was not a Jew. And even if I'd been a Jew I would be kind of second-rate Jew. Because there are kind of a hierarchy in the Jewish population. But anyway, I really wanted to be a Jew and then I found out I was really a Nazi, you know, because my family was German, Hartmann. Which also gave me some pleasure. I… I… what can I say? I understand Hitler. But… I think he did some wrong things, yes, absolutely, but I can see him sitting in his bunker. [zu Kirsten Dunst] There will come a point at the end of this. I am just saying that I think I understand the man. He's not what you would call a good guy. I understand a lot about him and I sympathize with him a little bit. But, come on, I am not for the Second World War and I am not against the Jews – Susanne Bier – no, not even Susanne Bier, that was also a joke. I am of course very much for Jews, no not too much, because Israel is a pain in the ass, but still… How can I get out of this sentence? No, I just want to say about the arts of the… I am very much for Speer. Speer I liked. Albert Speer I liked. He was also maybe one of God's best children, but he had some talents that was kind of possible to use for him during… okay, I'm a Nazi." [Gelächter]

[Reporter] "Mr von Trier, Melancholia: Would you consider this your answer to the Hollywood Blockbuster and if not, could you envision making a film on a grander scale than this?"

[von Trier] "On a grander scale? Yeah, that's what we Nazis, we have a tendency to try to do things on a greater scale. Yes, maybe you could persuade me into… to the final solution, with journalists. No, I'm…" [bricht ab]

[Kirsten Dunst] "Oh Lars, that was intense."


 

Hanno Terbuyken ist Redakteur bei evangelisch.de und ein Fan von gesundem Menschenverstand.