Wer ist das Volk? Die arabische Revolution ist führungslos

Wer ist das Volk? Die arabische Revolution ist führungslos
An revolutionärem Eifer mangelt es weder den libyschen Rebellen noch den jemenitischen Demonstranten oder der Jugend in Tunesien und Ägypten. Was im arabischen Frühling aber fehlt, sind glaubwürdige Führungspersönlichkeiten.
04.04.2011
Von Anne-Beatrice Clasmann

Zu einer ordentlichen Revolution gehörte in der arabischen Welt bislang immer ein charismatischer Revolutionsführer. Das war in Ägypten so, wo Gamal Abdul Nasser mit der Ideologie des arabischen Nationalismus die Massen euphorisierte, und auch in Libyen, wo der junge Muammar al-Gaddafi einst ein neues Zeitalter der Herrschaft des Volkes versprach. Die neuen arabischen Aufstände und Revolutionen kommen dagegen bislang fast gänzlich ohne Führungspersonal und Visionäre aus.

"Es sind Revolutionen ohne Anführer", sagt der jordanische Aktivist Mohammed al-Sunaid, "diese Art von Revolution ist erst durch das Internet möglich geworden, weil es den Menschen ermöglicht, sich schnell zusammenzufinden".

Dass es den Arabern in dieser Umbruchphase an Visionären und populären Führungspersönlichkeiten fehlt, liegt unter anderem daran, dass die arabischen Despoten in den vergangenen Jahrzehnten konsequent alle potenziellen Konkurrenten weggebissen haben. In Syrien gab es zeitweise mehr Oppositionelle im Gefängnis als in Freiheit. Auf der Suche nach libyschen Regimekritikern wurde man bisher in London eher fündig als in Tripolis.

Der Führungsmangel wird zum Problem

Der jemenitische Präsident Ali Abdullah Salih handelte nicht anders als die Monarchen vom Golf und besetzte die meisten wichtigen Posten in Verwaltung und Armee mit Angehörigen seines Clans. Dadurch wollte er verhindern, dass ihm jemand die Macht streitig macht. Seine Rechnung ging allerdings nicht auf. Denn jetzt forderte ihn sein Halbbruder General Ali Mohsen al-Ahmar heraus, der sich auf die Seite der Demonstranten geschlagen hat. Al-Ahmar taugt jedoch nach Einschätzung unabhängiger Beobachter nicht zum Revolutionsführer, weil er zu viele dunkle Flecken auf seiner Weste hat.

Wenn es keine Führungspersönlichkeiten gibt, ist es zunächst leichter, Streitigkeiten zwischen den verschiedenen Gruppen von Unzufriedenen zu vermeiden. Das macht es auch einfacher, viele unzufriedene Menschen auf die Straße zu treiben, die sich dann auf allgemeine Slogans wie "Freiheit und Demokratie" einigen. In der postrevolutionären Zeit wird der Führungsmangel in der Politik jedoch zum ernsthaften Problem, weil plötzlich jede der verschiedenen Gruppierungen, die bei den Protesten noch Einigkeit demonstriert hatten, glaubt: "Wir sind das Volk."

"Dass die tunesische Revolution spontan war - weder wurde sie von einer Führung geplant noch hat sie eine Führung hervorgebracht - ist ein Segen gewesen, aber gleichzeitig ist es auch ein Fluch", bilanziert die Carnegie Stiftung für Internationalen Frieden. Denn zweieinhalb Monate nach dem schmählichen Ende der Ära von Präsident Zine el Abidine Ben Ali ist es den tunesischen Revolutionären noch immer nicht gelungen, einen geordneten Reformprozess einzuleiten. Viele Tunesier, die gejubelt hatten, als Ben Ali das Land verlassen hatte, leiden jetzt am Revolutionskater.

Die Jugend misstraut denen, die Macht haben - auch sich selbst

Selbst in Ägypten, wo es um die Meinungsfreiheit in den vergangenen Jahren deutlich besser bestellt war als in Tunesien oder Libyen, tut man sich sehr schwer mit der Frage, wer die Nachfolge von Husni Mubarak antreten könnte. Ein Präsident aus der Führungsriege der Muslimbruderschaft wäre für etliche Christen und liberale Ägypter ein Grund auszuwandern. Friedensnobelpreisträger Mohammed al-Baradei hat, weil er lange im Ausland gelebt hatte, nicht genügend Anhänger. Amre Mussa, der Generalsekretär der Arabischen Liga, ist zwar beliebt, aber bislang unterstützen ihn die Vorsitzenden der Oppositionsparteien nicht, was wohl auch mit persönlichen Eitelkeiten zu tun hat.

Die Jugend, die mit ihren Protestaufrufen im Internet und per SMS ganz wesentlich zum Gelingen der arabischen Aufstände beigetragen hat, ist generell misstrauisch. Da diese jungen Araber mit Staatschefs aufgewachsen sind, die ihre Ämter alle auf Lebenszeit behalten wollten, wünschen sich viele von ihnen nun eine parlamentarische Demokratie, in der die Verantwortung auf viele Schultern verteilt wird. Gleichzeitig sind sie aber kaum bereit, selbst Parteien zu gründen und Verantwortung zu übernehmen.

Die Zeit der ernannten Nachfolger ist in jedem Fall vorbei

"Die 'Google-Jugend' befindet sich noch in einem Zustand der politischen Unschuld", glaubt der ägyptische Politologe Abdelmoneim Said. Er selbst hat seine Unschuld bereits verloren. Seinen Posten als Vorstandsvorsitzender des staatlichen ägyptischen Al-Ahram-Medienkonzerns musste er vor einigen Tagen räumen, weil man ihm vorwarf, er habe dem Präsidentensohn Gamal Mubarak nahegestanden.

Die Zeit der arabischen Präsidentensöhne, die sich als Nachfolger ihrer Väter in Position bringen, so wie dies Gamal Mubarak versucht hatte, ist wohl vorbei. Der syrische Präsident Baschar al-Assad, der von der Regierungspartei nach dem Tod seines Vaters im Jahr 2000 zum Nachfolger gekürt worden war, dürfte der letzte Vertreter dieser Gattung sein. Nur Seif al-Islam, der hochambitionierte Sohn von Dauerrevolutionär Muammar al-Gaddafi, glaubt immer noch, er selbst könne Libyen in die Demokratie führen.

dpa