Der Karnevalsprinz thront im Rollstuhl

Der Karnevalsprinz thront im Rollstuhl
Mit Schunkeln und Gesang geht es für den Karnevalsprinzen Jörg Joachim I. auf das Finale im Karneval zu. Der Saal ist mit gut 300 Närrinnen und Narren des Karnevalvereins "Rheintreue Göttingen" gut gefüllt, die Musik spielt, Bier und Cola fließen. Inmitten dieses rot-weiß kostümierten Volkes hält der Prinz Hof, verleiht Karnevalsorden. Die Zeremonie wäre nichts Besonderes - säße der Prinz nicht im Rollstuhl.
02.03.2011
Von Stefan Matysiak

Seine Majestät heißt im bürgerlichen Leben Jörg Jung, ist seit der Geburt querschnittsgelähmt und bei den Göttinger Behindertenwerkstätten beschäftigt. Seitdem der Karnevalsverein "Göttinger Szültenbürger Karnevalsgesellschaft Schwarz-Gold von 1948" den 22-Jährigen im vergangenen November zum Prinzen wählte, herrscht er als Oberhaupt über die Närrinnen und Narren der beiden Göttinger Karnevalsvereine Rheintreue und Szültenbürger.

Ein Rollstuhl ist sein Thron

Die Rheintreuen feiern an diesem Abend mit Trunk, Tanzmariechen und Tollitäten aus ganz Norddeutschland den "Ball verkehrt", einen Teil der Weiberfastnacht. Auch wenn nun die Frauen das Sagen haben, darf der Karnevalsprinz eine Rede halten. "Ich muss mich doch an mein Volk wenden", sagt Jung. Die Närrinnen und Narren jubeln und klatschen. Wie es sich für einen Herrscher gehört, diktiert der Prinz ein paar Paragrafen, die das Küssen und Trinken erlauben, schlechte Laune verbieten und den Verlust von Ehefrauen und -männern regeln. "Göttingen Helau", antwortet der Saal.

Behinderte Karnevalsprinzen sind selten, weiß die Sitzungspräsidentin der Szültenbürger, Renate Wallbrecht. In Jülich gab es mal einen mit Down-Syndrom, vor vielen Jahren soll es auch einen behinderten Prinzen in Köln gegeben haben. "In Niedersachsen ist er sicherlich der erste", sagt Wallbrecht stolz.

"Mir geht's sehr gut", sagt Jörg Joachim I., als die Kindergarde einen Gardetanz aufführt. Der Saal klatscht, während die Mädchen im schnellen Rhythmus der Karnevalsmärsche die Beine in die Höhe schmeißen. Von der Prinzenrolle träume er seit seiner Kindheit, sagt Jung. "Ich komme aus einer völlig karnevalsverrückten Familie, da geht das nicht anders." Seine Behinderung sei kein Hindernis: "Der Rollstuhl ist doch überhaupt kein Problem", sagt der Prinz.

Jung sieht sich als Vorbild

Auch Jungs Verein, die Göttinger Szültenbürger, sieht in einem Prinzen im Rollstuhl Normalität. "Der Prinz ist Karnevalist durch und durch, warum sollte er es dann nicht machen?", sagt Sitzungspräsidentin Wallbrecht. Jung fühle sich im Verein wohl und wurde von den Mitgliedern ohne Gegenstimme gewählt.

Obwohl er als Rollstuhlfahrer im Göttinger Karneval gut integriert ist, ist sich Jörg Joachim I. seiner besonderen Rolle als Behinderter bewusst. "Klar bin ich ein Vorbild", sagt er. Er wolle anderen Behinderten als Beispiel dienen. Auch Rollstuhlfahrer könnten die Aufgabe eines Karnevalsprinzen übernehmen, auch wenn das Amt an den Höhepunkten der närrischen Zeit anstrengend werde.

Vor allem die letzen Tage des Karnevals verlangen vom Prinzen noch einmal besonderen Einsatz. Am Karnevalssamstag ist er beim großen Umzug in Hannover dabei, mit drei Kilometer Länge eine der zentralen Narrenveranstaltungen in Norddeutschland. Am Tag darauf gehört ein Kinderkarneval zum Programm. Die Kinder haben es Prinz Jörg Joachim I. besonders angetan. Sie reagierten besonders offen auf seine Behinderung, so Jung. "Die sagen mir dann immer, wie toll sie es finden, dass ich mir den Karnevalsprinzen zugetraut habe."

epd