40 Prozent Frauenquote in der Evangelischen Kirche

40 Prozent Frauenquote in der Evangelischen Kirche
Führungsgremien der Wirtschaft sollen zu 30 Prozent mit Frauen besetzt werden - so lautet der Vorschlag von Arbeitsministerin von der Leyen. In der Evangelischen Kirche in Deutschland gilt schon lange eine Frauenquote von 40 Prozent. Eingehalten wird sie allerdings nicht durchgehend.
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Schon vor mehr als 20 Jahren, auf der Synode 1989, hat sich die EKD zum Ziel gesetzt: "Es ist anzustreben, dass in die Leitungs- und Beratungsgremien der evangelischen Kirche Frauen und Männer in gleicher Zahl gewählt oder berufen werden. Dies gilt auch für Dienststellen sowie die Einrichtungen und Werke im Bereich der EKD. (…) Die Synode sieht einen Anteil von mindestens 40 % Frauen als Zielvorgabe an, die in zehn Jahren erreicht werden sollte."

Im Jahr 2010 hieß es: Ziel verfehlt. Die Referentin für Chancengerechtigkeit im Kirchenamt der EKD, Kristin Bergmann, stellt "erhebliche Umsetzungsdefizite" fest. So besteht die politische Leitungsebene der EKD ausschließlich aus Männern. Im führenden Gremium der Verwaltungsebene, im so genannten Kollegium, sitzen sieben Männer und eine Frau. "Je wichtiger, desto weniger", so fasst Bergmann die Verteilung Frauen auf Posten zusammen.

Haben Frauen Lust auf Leitung?

Schaut man in die unteren Ebenen der Kirchenleitung, bestätigt sich die Tendenz auch umgekehrt: In den Kirchenvorständen, Gemeindekirchenräten und Presbyterien, also im ehrenamtlichen Bereich, sind die Frauen (Stand 2010) mit 50,3 Prozent schon knapp in der Mehrzahl. Die Synode der EKD ist zurzeit zu etwa 46 Prozent mit Frauen besetzt, und der Rat der EKD hat die Parität immerhin fast erreicht: er besteht aus acht Männern und sieben Frauen. Der Ratswahlausschuss habe bei der letzten Nachwahl darauf hingewirkt, dass Frauen nachrücken, und deshalb keine Männer zur Wahl vorgeschlagen, erläutert Kristin Bergmann.

Sie hat die Aufgabe, den Gremien immer wieder ihre Stimme zu erheben und an das 40-Prozent-Ziel zu erinnern. Haben denn Frauen überhaupt Lust, sich auf Leitungspositionen in der Kirche zu bewerben? "Vieles hängt von der Arbeitsorganisation ab", ist Kristin Bergmann überzeugt. Man müsse neu über Leitungsämter diskutieren. "Es finden sich keine Männer, die auch Zeit für Familie einplanen wollen. Viele definieren sich ausschließlich über den Beruf. Frauen stellen sich die Frage, was Beruf und Kinder bedeuten, Männer nicht."

"Wenn die Leistung zählt, müssen mehr Frauen drin sein"

Auf der letzten Synode hat die Referentin für Chancengerechtigkeit einen Bericht über die ungleiche Verteilung der Geschlechter gerade in den Chefetagen der Kirchenverwaltung abgegeben. Mit den Zahlen war die Synode insgesamt nicht zufrieden. Sie erwartet vom Rat konkrete Vorschläge, wie Anreize für Frauen geschaffen werden können, damit sie sich auf Leitungs-Jobs in der Kirche bewerben. Außerdem soll die Frauenquote für die Einrichtungen und Gremien verbindlicher werden.

Ein häufiges Argument gegen eine Frauenquote lautet: Bei Einstellungen solle nur die Qualifikation zählen, nicht das Geschlecht. "Ja, genau", sagt Oberkirchenrätin Dine Fecht dazu. Sie leitet die Abteilung Auslandsarbeit im Kirchenamt der EKD und weist darauf hin, dass Frauen häufig bessere Berufsabschlüsse erreichen als Männer. "Deswegen müssen wir ja mehr Frauen einstellen!" Mit Blick auf das Ungleichgewicht in den Chefetagen sagt sie: "Ich kann nur folgern, dass bis heute nicht die Leistung zählt, sondern andere Kriterien. Denn wenn die Leistung zählt, dann müssten aufgrund dessen mehr Frauen drin sein."

Auch der Ratsvorsitzende der EKD, Nikolaus Schneider, hält das Argument, es gebe nicht genug qualifizierte Frauen, für einen Mythos. "Allerdings muss man bereit sein, den Blick zu weiten", sagt er. "Wer spurgerade, maßgeschneiderte Karrieren und ungebrochene Erwerbsbiographien zum Maßstab macht, grenzt viele Frauen faktisch aus."

Männer und Frauen sollen einander ergänzen

Oberkirchenrätin Dine Fecht ist die einzige Frau im achtköpfigen "Kollegium", dem Leitungsorgan des Kirchenamtes. In den Sitzungen ist sie oft froh darüber, dass noch drei weitere Frauen als nicht stimmberechtigte Gäste anwesend sind - so sind sie zu viert. Nicht um sich gegen die Männer zu stellen, sondern um die Themen gemeinsam aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. "Frauen haben oft auf vieles einen anderen Blick", findet Dine Fecht.

Ein Beispiel: Als über Fernsehgottesdienste abgestimmt werden sollte, fiel keinem der Männer im Kollegium auf, dass unter den Liturgen und Predigern keine einzige Frau war. Das spiegelte nicht unbedingt die Wirklichkeit der allsonntäglichen Gottesdienstfeiern wieder. "Die Männer haben das nicht wahrgenommen", erzählt Dine Fecht - ganz ohne Vorwurf allerdings: "Boykottiert werden unsere Vorschläge nicht," betont sie. Ihrer Meinung nach sollten Männer und Frauen mit ihren unterschiedlichen Lebenshintergründen einander bei kirchlichen Entscheidungen unbedingt ergänzen.

In diesem Punkt stimmt sie mit Nikolaus Schneider überein: "Wenn Vorstände und Leitungsgremien aus männlicher Monokultur bestehen, ist das nicht nur ungerecht, sondern oft auch schädlich. Seit langem ist bekannt, dass Gremien bessere Ergebnisse erzielen, wenn sie unterschiedliche Talente und vielfältige Erfahrungen in ihrer Mitte versammeln", meint Schneider.

Dine Fecht freut sich darüber, dass im Kirchenamt der EKD jetzt auch Männer Erziehungszeiten nehmen, dass "Freuden und Lasten von Familienzeit aufgeteilt werden." Wenn das geht - warum sind dann so wenige Frauen in den Leitungspositionen? "Manche Frauen fragen: Wieso tu' ich mir das an?", vermutet die Oberkirchenrätin und fügt hinzu: "Man müsste Leitungsjobs menschenfreundlicher gestalten. Für alle. Auch Kinderlose haben ja ein Privatleben."