Pakistan: Noch immer Millionen Flutopfer ohne Unterkunft

Pakistan: Noch immer Millionen Flutopfer ohne Unterkunft
Die Vereinten Nationen sprechen von der schlimmsten Flut aller Zeiten, die im August die Region heimsuchte. Und sieben Millionen Menschen sind nach wie vor ohne Unterkunft.

Das winzige Boot nach Johi soll gleich abfahren. "Los, kommt", ruft der Fährmann und winkt. Die Passagiere bringen Säcke mit Lebensmitteln, Motorräder, sogar ein Auto soll aufgeladen werden. Die Wassermassen im pakistanischen Flutgebiet sind zwar zurückgegangen. Aber viele Straßen im Süden des Landes sind auch drei Monaten nach Beginn der Katastrophe noch überflutet.

Der schnellste Weg, um hier voranzukommen, ist mit kleinen, bunt bemalten Kähnen. Denn das Wasser steht rund um Johi immer noch etwa drei Meter hoch. "Wir beten Verse aus dem Koran, wenn wir mit dem Boot fahren, weil viele schon gekentert sind", sagt Bajhi Lund, eine ältere Frau. Doch für viele ist die Schiffreise die einzige Möglichkeit, zum Arzt zu kommen oder Lebensmittel zu ergattern.

Von den zehn Bezirken um Johi stehen acht immer noch unter Wasser. Die etwa 60.000 Einwohner der Stadt haben sich selbst gerettet, als die Jahrhundertflut kam. Nach der ersten Hochwasserwarnung arbeiteten die Menschen Tag und Nacht, um einen 14 Kilometer langen Schutzdeich aufzuschütten.

20 Millionen Betroffene

Im Juli setzte ein ungewöhnlich heftiger Monsun-Regen im Nordwesten Pakistans ein und überflutete ganze Landstriche. Die Wassermassen drangen immer weiter Richtung Süden vor, überschwemmten auf dem Weg zum Meer Ackerland, Straßen, Städte und Dörfer. Das Hochwasser bedeckte schließlich eine Fläche von der Größe Englands.

Es waren die schwersten Überschwemmungen in der Region seit fast 100 Jahren. Etwa 1.700 Menschen kamen ums Leben, rund 20 Millionen waren vom Hochwasser betroffen. Auch wenn die akute Gefahr vorbei ist, leiden immer noch Millionen Menschen an den Folgen der Flut.

"Mindestens sieben Millionen Menschen sind in den von der Flut betroffenen Gebieten noch ohne eine Notunterkunft", sagt UN-Sprecherin Stacey Winston in Islamabad. Das Hochwasser hat über 1,9 Millionen Häuser beschädigt oder zerstört. Um die 14 Millionen Menschen, so schätzt Winston, sind weiter auf unmittelbare Hilfe angewiesen. Die Vereinten Nationen teilen immer noch Lebensmittelrationen für 2,5 Millionen Menschen aus.

Bislang 99 Cholera-Fälle

Die Flut hat nach Schätzungen der Weltbank einen Schaden von knapp zehn Milliarden Dollar angerichtet. Straßen, Schulen, Brücken, Elektrizitäts- und Wasserversorgung müssen vielfach wieder hergestellt werden. Weil das Wasser viele Felder überschwemmt hat, fallen dort große Teile der Herbsternte aus.

Weil Pakistans Wirtschaft stark von der Landwirtschaft abhängig ist, leidet das ganze Land. "Der geschätzte Verlust durch die Flut ist fast doppelt so hoch wie der durch das Erdbeben in Pakistan 2005", sagt Rune Stroem, der pakistanische Landeschef der Asiatischen Entwicklungsbank. Die UN haben einen Spendenaufruf über zwei Milliarden Dollar für Katastrophenhilfe ausgegeben. Bislang sind etwa 35 Prozent der Summe zur Verfügung gestellt worden.

Trotz vieler Hilfsaktionen und Unterstützung drohen den Flutopfern ansteckende Krankheiten. Die Weltgesundheitsorganisation meldete 99 Cholera-Fälle in den vom Hochwasser betroffenen Regionen. Die Durchfallerkrankung wird durch verseuchtes Wasser verursacht und ist hochansteckend. Auch blutbrechende Fieberinfekte wie Dengue und Krim-Kongo-Fieber sind auf dem Vormarsch. Für eine Entwarnung ist es also noch zu früh.

epd

Die Diakonie Katastrophenhilfe hat ein Spendenkonto für die Überschwemmungsopfer unter dem Stichwort "Fluthilfe Pakistan" eingerichtet (Konto 50 27 07, Postbank Stuttgart, BLZ 600 100 70).