Handel mit Ghana: Der Fußball, die Geschäfte, der Müll

Wirtschaftstag Ghana

Foto: Lilith Becker

Ganz links: IHK-Geschäftsführer Jürgen Ratzinger, in der Mitte mit roter Krawatte: Vize-Handelsminister John Gyetuah, ganz rechts: Lutz Krumnikl, Geschäftsführer von Schmidt Kommunalfahrzeuge

Handel mit Ghana: Der Fußball, die Geschäfte, der Müll
Auf einem "Wirtschaftstag Ghana" sollen deutsche Unternehmen den ghanaischen Markt kennenlernen - und das kurz vor dem Vorrunden-Endspiel Ghana gegen Deutschland, in dem es um den Einzug ins Achtelfinale geht. Wie sich gemeinsame Geschäfte und Fußball miteinander vertragen: ein Besuch vor Ort.

Afrika entblößt eine Brust. Kniehohe, breitblättrige Pflanzen umspielen ihre nackten Füße. Ihr Blick ist ein bisschen wild. Rechts neben ihr steht Europa: Ihre Augen blicken würdevoll und besonnen nach vorne. Als Zeichen ihres zivilisatorischen Fortschritts trägt sie Schuhe. Diese beiden Statuen säumen zusammen mit drei weiteren steinernen Damen den Eingangsbereich der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Frankfurt. Sie repräsentieren die verschiedenen Kontinente und den globalen Charakter einer traditionellen deutschen Kammer.

Geschäfte in Westafrika

Glücklicher Zufall oder Absicht? Am Tag vor der Fußballbegegnung Ghana gegen Deutschland passiert der ghanaische Botschafter in Deutschland gemeinsam mit dem stellvertretenden ghanaischen Handels- und Industrieminister die steinernen Damen. Sie fahren hinauf in den zweiten Stock. Dort warten deutsche Hersteller, Händler und Investoren auf die Männer aus Ghana. Sie sind zum "Wirtschaftstag Ghana" gekommen, den die IHK einberufen hat. Sie wollen wissen, ob es sich lohnt, mit dem westafrikanischen Land Geschäfte zu machen.

Die Redner des "Wirtschaftstags Ghana" nutzen die anstehende Partie an diesem Mittwochabend gern für kleine Lacher. "Die Deutschen wissen nicht viel über Ghana. Aber morgen wird Ghana in jedem deutschen Wohnzimmer sein", sagt IHK-Geschäftsführer Jürgen Ratzinger. "Ich fürchte mich ein bisschen vor der Schlagkraft der deutschen Fußballmannschaft", gesteht Vize-Handelsminister John Gyetuah. "Aber Ghana ist gesegnet mit gastfreundlichen Menschen und gutem Wetter." Und mit Kaffee, Kakao, Edelhölzern, Gold, zahlreichen Obstsorten und den jüngsten Erdölfunden.

Steuerfreiheit für deutsche Unternehmen

Seit 1961 investiert der deutsche Staat Geld in die Entwicklung Ghanas. Fast ebenso lange handeln Deutschland und Ghana miteinander Waren. 1993 haben sie zum ersten Mal in einem Freundschaftsspiel gegeneinander Fußball gespielt. Deutschland gewann mit 6:1. Und 2010? Da führt Ghana die Gruppentabelle an, vor Deutschland. Die ghanaische Fußballmannschaft nennt sich "Black Stars", entsprechend dem schwarzen Stern auf der rot, gelb, grünen Flagge.

Ghana ist seit längerer Zeit politisch stabil, gilt in Europa als afrikanisches Modellland, und die Regierung bemüht sich um wirtschaftspolitische Reformen.  Einen "total tax holiday", eine temporäre Steuerbefreiung, verspricht Minister John Gyetuah denjenigen, die in Ghana investieren. Lutz Krumnikl wünscht sich aber noch etwas anderes. Der Geschäftsführer von Schmidt Kommunalfahrzeuge aus dem südhessischen Groß-Rohrheim verkauft bereits Müllfahrzeuge nach Ghana und war auch schon selbst dort. "Nachhaltiges Müllmanagement ist eine zentrale Aufgabe für den Staat", sagt er in die Richtung des Ministers.

Der Müllflut Herr werden

"Ghana ist ein schönes Land. Aber der Müll ist nicht dort, wo er sein sollte." Lutz Krumnikls Augen fixieren über die Lesebrille hinweg den Handelsminister, seine Hände umschlingen das Rednerpult, er hat den Müll an Ghanas Stränden liegen sehen. "Sie müssen die Anzahl der Mülleimer vergrößern. Sie müssen dem Müll ein Zuhause geben." Müll sei der Feind Ghanas, er werde größer, wenn die Leute reicher werden, sagt Lutz Krumnikl. Und das wünschen sich die Ghanaer doch, reicher zu werden, hallt es unterschwellig durch den Raum. Und Krumnikl will dabei helfen, den ghanaischen Wohlstand zu mehren und der Müllflut Herr zu werden. Die barfüßige Afrika und die beschuhte Europa vor dem IHK-Gebäude, Statuen von 1843, würden jetzt nicken, wenn sie könnten.

Stattdessen ist es der ghanaische Handelsminister, der sich nach Krumnikls Ansprache zu Wort meldet: "Das Müllmanagement in Ghana ist dezentral. Wir haben viele private Anbieter. Der Wettbewerb funktioniert", sagt er. "Alle wollen gerne Staatsgarantien für ihre Investitionen", fährt John Gyetuah lächelnd fort. Er trägt einen grauen Anzug, eine knallrote Krawatte und feine Lederschuhe. Er repräsentiert ein selbstbewusstes Ghana, genauso wie Stephen Antwi, der Präsident der "Ghanaian German Econoomic Association", die so etwas wie eine deutsche Außenhandelskammer für Ghana ist.

D-Day: das Entscheidungsspiel

"Bleiben sie in der Zeit", ermahnt der deutsche Vorsitzende den Ghanaer Stephen Antwi, der sich auf den Weg zum Rednerpult macht. Afrika trifft Deutschland. Dynamik trifft Disziplin. Der Deutsche wedelt mit der Uhr, der Afrikaner tänzelt zum Pult - und redet so lange er will. "Haben Sie keine Angst vor Afrika. Seien sie keine Stubenhocker. Kommen Sie nach Ghana und machen sie ihre Geschäft besser heute als morgen", fordert Stephen Antwi die anwesenden Unternehmer und Bankiers auf.

"Investieren Sie in Ghana - besser noch vor dem D-Day; sie wissen nicht, was kommt." Antwi sagt das mit einem Lachen, schwingt sich von einem Bein auf das andere, während er mit den Händen gestikuliert, seinen Oberkörper Richtung Publikum beugt. Der D-Day. Der Entscheidungstag. Für Antwi und die anderen ist das zunächst einmal das kommende Fußballspiel. Und nicht, ob sich der Handelsminister und Lutz Krumnikl heute noch darüber einigen können, wie die ghanaische Müllwirtschaft organisiert wird.


Lilith Becker hat die Evangelische Journalistenschule besucht und arbeitet als freie Journalistin in Frankfurt am Main. Zurzeit absolviert sie ein Praktikum in der Redaktion evangelisch.de.

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