Medienkolumne

Medienjournalist Christian Bartels wirft jede Woche einen ausgeruhten Blick auf die deutsche Medienlandschaft.

Den halben Tag lang "Morning Briefings" lesen

Den halben Tag lang "Morning Briefings" lesen
... auch das ist möglich im Internet. Tägliche, gern frühmorgens verschickte E-Mail-Newsletter sind eine onlinejournalistische Form auf der Höhe der Zeit.

Zu den immer mal wieder totgesagten Formen im Internet gehört die E-Mail. Doch richtig tot ist wenig im Netz, und E-Mails sind ziemlich lebendig. Bei Versuchen, Onlinejournalismus zu "monetarisieren", also Geld damit einzunehmen, spielen E-Mail-Newsletter eine größere Rolle. Zwei relative Pioniere des Newsletterns in Deutschland unternehmen entsprechende Versuche.

Der Berliner "Tagesspiegel" gibt im "Checkpoint" seit fünf Jahren Überblick über ungefähr alles, was in Berlin los und häufig ja von überregionalem Interesse ist. Der Tonfall des meist vor 7.00 Uhr abgeschickten, von Chefredakteur Lorenz Maroldt und seinem Team verfassten Newsletters und Rubriken wie "noch hingehen" oder der "BER Count Up - Tage seit Nichteröffnung" (Spoiler: 2602 sind es heute) sind recht legendär. Seit kurzem können Abonnenten zwischen der "kostenlosen Kurzfassung" oder dem "preisgekrönten Original" wählen, das zwar "weniger als wie ne trockene Schrippe am Tag (23 Cent)", aber eben Geld kostet.

Dabei setzt der "Tagesspiegel" auf so ziemlich alle Rezepte der Monetarisierung, die häufig auf Eventisierung hinauslaufen ("... viel mehr als nur ein Newsletter: Wir haben einen eigenen Comic, die Checkpoint-Laufgruppe und Live-Veranstaltungen – sogar mit Checkpoint-Band"). Da allerdings Werbung in E-Mail-Newslettern besser funktioniert als auf Internetseiten (und es im "Checkpoint" offenkundig ziemlich gut tut), bleibt die Reichweite wichtig. Insofern kommt die kostenlose "Kurzstrecke" oft auf gut 13.000 Zeichen Text. Da sind Werbung, Eigenwerbung und "Heute exklusiv für Checkpoint-Abonnenten"-Teaser enthalten. Doch Nutzer klicken sowieso nur auf einen Bruchteil der enthaltenen Links, das gehört seit je zum Konzept. Insofern ist spannend, ob die Pläne des "Tagesspiegels" aufgehen.

Gut zur Meinungsbildung

Der andere Pionier ist Gabor Steingart, umtriebiger und umstrittener Starjournalist einst beim "Spiegel" und später beim "Handelsblatt", bei dem er Anfang 2018 sehr überraschend verabschiedet wurde (Altpapier). Das Team hinter seinem "Morning Briefing" ist weniger profiliert, weil immer Steingart zu sehen ist, oft sein Kopf leicht karikiert, mal schwarzweiß. doch voller Pathos im "Mission"-Video, in dem dann auch Greta Thunberg und Donald Trump, Merkel und Putin auftauchen. Auch Steingarts Stimme ist oft zu hören – schon weil der schriftliche Newsletter überdies als Podcast angeboten wird. Die Stimme gehört mit zum Image des in Talkshows auch gern gastierenden Journalisten. Mittelfristig monetarisieren will er den welt- und wirtschaftspolitischen Newsletter mit einem "Pioneer Club" inklusive der üblichen Eventversprechen ("... machen wir Journalismus erlebbar") und dem Springer-Konzern als 36-prozentigem Aktionär.

Während sich über den Podcast mit Rubriken à la "Was hat Gabor überrascht" streiten ließe (vgl. "Wer soll das alles hören?"), lässt sich der Newsletter durchaus empfehlen – zumindest für alle, die auch anderen Meinungen begegnen wollen. Am Morgen nach dem Tag etwa, als Hans-Georg Maaßen mit seinem "Westfernsehen"-Tweet (vgl. uebermedien.de) fast überall Ärger bis Zorn erregt hatte, rief Steingart Maaßen ihn einfach an. Was der Ex-Verfassungsschutzchef über "Inzucht in den Redaktionsstuben" sagt (im Text-Newsletter in Auszügen, im Podcast ausführlicher), spricht für sich selbst, auch wenn Steingart eher freundlich ab- als bohrend nachfragt.

Am Tag davor hatte er im Newsletter so harte Zahlen zum allen Umfragen zum Trotz weiter alles andere als klimafreundlichen Lebensstil der Deutschen ("Ausweislich aller verfügbaren Statistiken sind wir die, vor denen uns unsere Kinder warnen") präsentiert, inklusive Infografiken über dramatisch steigende Nachfrage nach Geländewagen und Schiffskreuzfahrten, wie man auch das selten sieht. Passt das zusammen? Zumindest regt es die eigene Meinungsbildung mehr an als es die Nachrichtenportale tun, die meist das melden, was alle anderen auch melden.

Nicht selten erscheint Steingart authentisch hin- und hergerissen, mal kritisiert er Angela Merkel, weil sie in der EU gar keine deutschen Interessen mehr durchsetzen könne, kurz darauf leistet er Abbitte ("Glückwunsch Kanzlerin!"), weil er von der Ursula von der Leyen-Kandidatur bei der EU auch nichts geahnt hatte, und garniert das mit einem Zitat von Ringelnatz oder Erich Kästner. Aphorismen, die sich ja gut auf Stichwort suchen lassen, dekorieren fast jeden E-Mail-Newsletter, den ein Starjournalist oder Chefredakteur geschrieben (oder zumindest unterschrieben) hat.

Fünfzehnmal am Tag "Der Tag"

Wer diese beiden und dazu zwei, drei ressortspezifische Newsletter gründlich lesen würde, könnte allein damit ein bis zwei Stunden verbringen. Und natürlich gibt es noch sehr viel mehr Newsletter. Als "Deutschlands größten" (mit "börsentäglich mehr als 500.000 Abonnenten") bezeichnet sich das einst von Steingart ersonnene "Morning Briefing" des "Handelsblatts", das nach Steingarts Verabschiedung weiterlief. Den eingeführten Namen nutzen beide Angebote, während Spiegel Onlines "Die Lage" "Morning Briefing" bloß als Untertitel benutzt. "Morgenlage" heißt wiederum ein weiterer, weniger launig als der "Checkpoint" gehaltener Newsletter des "Tagesspiegels" (der mit eigenen wöchentlichen Newslettern für die zwölf Berliner Bezirke übrigens auch ein gelungenes Beispiel für das besonders schwierige Feld des Lokaljournalismus gibt). Der Morgen-Newsletter von Ströers t-online.de heißt "Tagesanbruch", der der "FAZ" Sprinter" und erscheint besonders frühmorgens. "Espresso" heißt das Äquivalent der "Süddeutschen Zeitung", das auch noch abends mit dem Untertitel "Der Tag im Überblick" erscheint.

"Der Tag" wiederum heißen (außer dem nicht per E-Mail abonnierbaren Podcast des Deutschlandfunks) auch Newsletter, die bei Spiegel Online zu neun, bei der "FAZ" nur zu fünf unterschiedlichen Uhrzeiten abonniert werden können. Insgesamt bietet die "FAZ" 20 E-Mail-Newsletter an und übertrumpft damit knapp den alten Rivalen "Süddeutsche" (19), liegt jedoch hinter Springers "Welt" und der Wochenzeitung "Die Zeit" (jeweils 25). Zurückhaltend ist "taz" mit nur zwei oder drei Newsletter. Dafür lässt sich den vor 19.00 Uhr eintreffenden "Die Themen der taz"-Newslettern amerken, dass BlattmacherInnen, die über genau diese (und andere) Themen tatsächlich gestritten haben, fundiert für die gerade fertiggestellte Zeitung werben.

Womit noch längst nicht alle Newsletter genannt sind. Vollständigkeit im Internet anzustreben, wäre ja absurd. Und selbstverständlich sind die meisten der aufgezählten Newsletter keine liebevoll geschriebenen (oder "kuratierten"), sondern enthalten bloß die Meldungen mit Überschrift, Foto und Vorspann, die in ähnlichen Reihenfolgen auf den Startseiten der Internetauftritte auch zu finden sind, bei Facebook, Twitter und Co eingespeist werden, als Push-Meldungen auf Smartphones landen und oft auch noch in der guten alten Form des RSS-Feeds zu haben sind. Inhalte möglichst passend auf möglichst vielen Kanälen so zu senden, dass sie möglichst viele unterschiedliche Nutzer erreichen, die man möglichst gut kennen sollte, ist ja der Kern des schwierigen Geschäfts, Onlinejournalismus zu monetarisieren.

Da bieten E-Mail-Newsletter den Vorteil, dass die Absender eine persönliche E-Mail-Adresse der Empfänger kennen. Aus Leser-Sicht sind Newsletter eine schöne Mischform aus Echtzeit-naher Schnelligkeit und relativer Ausgeruhtheit, die einerseits den Anspruch erfüllen will, Überblick über alles Wichtige, das seit dem vorigen Newsletter geschehen ist, zu geben, und andererseits damit umgehen muss, dass der Nachrichtenfluss niemals aufhört.

Das ist so ziemlich auf der Höhe der Gegenwart, würde ich sagen. Ob es dabei lange bleiben wird? "Sicher ist, dass nichts sicher ist. Selbst das nicht" (um es mit Joachim Ringelnatz zu sagen, bzw. mit einem der Aphorismen, die eigentlich immer passen und Newsletter oft garnieren). Wo mir dieses Zitat kürzlich begegnete, weiß ich nicht mehr – flüchtig sind E-Mail-Newsletter ja ebenfalls.

 

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