Too Two

Die breiteste Debatte des Jahres ist die, die Mesut Özil angestoßen hat. Vieles daran kann auf die Nerven gehen, vor allem in den klassischen Medien. Die #metwo-Debatte im Internet aber zeigt auch, was viele unterschiedliche Meinungen vor allem bedeuten: Meinungsvielfalt.

Einerseits nervt das Medienthema Mesut Özil längst. Es haben eben so gut wie alle Menschen in Deutschland eine Meinung über Fußball (und dass es beim letzten großen Turnier sehr viel weniger Spiele mit deutscher Beteiligung gab als ungefähr alle erwartet haben, hat daran nichts geändert). Fast alle in Deutschland haben auch eine Meinung über Deutschland, Migration und Integration – auch wenn vielleicht nicht alle sie immer äußern (und ziemlich viele sie in sozialen Medien ganz anders äußern als sie es im persönlichen Gespräch tun würden). Über diese soziale Medien (die meiner persönlichen Meinung nach oft ein "sogenannt" verdienen), über die Türkei und ihren Präsidenten und nicht zuletzt über Religionen wie den Islam gibt es auch nicht wenige Meinungen. Viele Politiker und andere Zeitgenossen, die Medienpräsenz anstreben, äußern spätestens dann zu allem Meinungen, wenn jemand fragt. Durch Verknüpfen entsteht unerschöpfliches Potenzial – dem man beim Browsen und Blättern in sämtlichen Ressorts aller Medien begegnet.

"Es ist schon alles gesagt worden, und zwar von allen. Von Gerhard Schröder, Heiko Maas, Wolfgang Schäuble und dem SPD-Mann aus Bebra, der Özil einen 'Ziegenficker' nannte ...", glossierte Peter Körte in der "FAS". Gelegenheit sich zu erinnern, wie noch mal dieses unsägliche Unwort aufkam: Das ist Jan Böhmermanns Verdienst. Das "Schmähgedicht" des Entertainers gegen Erdogan war ganz anders, aufklärerisch gemeint – und hat eindrücklich bewiesen, dass aufklärerisch gemeint ein Gegenteil von aufklärerisch ist. Immerhin gut, dass die Talkshows gerade Sommerpause machen und nicht auch noch darum wetteifern, Mario Basler und Lothar Matthäus auf Toni Hofreiter und Katja Kipping prallen zu lassen ...

Namen, die man selten liest

Andererseits: Viele Zeitgenossen haben gut begründete Meinungen zu Deutschland, Migration und Integration. Und die Zeit, in der nur klassische Medien Öffentlichkeit schaffen, ist lange vorbei. In den sozialen Medien entwickelte sich, in Anlehnung ans erfolgreiche und verdienstvolle #metoo zum Thema sexuelle Belästigung, unter dem Hashtag #metwo aus solchen Meinungsäußerungen schnell eine Debatte über Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund.

Das wirkt in redaktionelle Onlinemedien und in klassischen Medien zurück. "Weil es ein Name war, wie man ihn selten über Leitartikeln in deutschen Zeitungen liest", der über einem zum Thema Özil in der "Süddeutschen" stand, fragte Stefan Niggemeier etwa (uebermedien.de) mal bei Gökalp Babayiğit nach. Der ist blattmachender Redakteur und schreibt daher selten selber, wollte sich zu diesem Thema aber äußern. Genau das sollte ja normal sein, wie Babayiğit dann auch betont: dass Deutschtürken das machen, was sie gut können, und nicht allein über deutschtürkische Themen schreiben.

So oft etwa die ARD-"Tagesthemen" Kritik verdienen: dass oft Pinar Atalay sie moderiert, ohne ihren Migrationshintergrund auch nur zu erwähnen, ist viel wert. Özils wegen haben sich nun viele Journalisten mit Migrationshintergrund geäußert, Niggemeier nennt weitere Beispiele, und türkischstämmige deutsche Sportler. Natürlich hat die Özil/ #metwo-Debatte die hässlichen Begleiterscheinungen aller Debatten der Gegenwart. Es gibt Häme, mal ganz lustig, mal komplett daneben, und Hass bis weit jenseits akzeptabler Grenzen. Es wird verkürzt, entdifferenziert und geht auch darum, der gegnerischen Seite Begriffe zu entreißen oder provokant entgegenzuschleudern.

Zum Beispiel: Lässt sich im Özil-Zusammenhang von "Rassismus" reden? In Özils Original-Dokumenten – drei langen und lesenswerten, differenzierten englischsprachigen Texten, die in Form von Fotos auf Twitter erschienen – taucht der Begriff "Racism" weniger als konkreter Vorwurf, sondern als subjektiver Eindruck auf, auch prominent am Ende:

"I will no longer be playing for Germany at international level whilst I have this feeling of racism and disrespect."

Einiges, was Özil entgegenschlug und -schlägt und er selbst zitiert, ist zweifellos rassistisch. Der Begriff "Diskriminierung" träfe es insgesamt besser, sagte etwa der Kulturwissenschaftler Özkan Ezli im "SZ"-Interview, das selbst wieder umstritten war. Selbstverständlich muss Rassismus, wo er justiziabel ist, strafrechtlich verfolgt werden. Ähnlich selbstverständlich ist nicht alles justiziabel, was auch scharfe Kritik verdient, und wird sich nie über alles Einigkeit erzielen lassen. Darum kann es auch nicht gehen, sondern um Sensibilisierung für subjektive Eindrücke.

Rassismus? "Neuer deutscher Traum"?

Wer etwa auch von "Rassismus" postete (auf Facebook): Deniz Naki, der einmal mit einer deutschen Junioren-Nationalmannschaft Europameister wurde (wie Özil). Er ist deutsch-türkischer Doppelstaatsbürger (anders als Özil, der nur Deutscher ist), aber nicht türkischstämmig, sondern kurdischstämmig – und der Rassismus, den er meint, ist solcher, den Kurden in der Türkei erfahren würden. Naki spielte zuletzt, bevor die türkische Fußballföderation ihn lebenslänglich sperrte, in Diyarbakir. Das ist ein Brennpunkt des Bürgerkriegs, den das Erdogan-Regime gegen die Kurden führt. Im Namen der Kurden wird Terror verübt; beides seit vielen Jahren. Das ist ein kompliziertes Thema. Kann das ein Grund sein, es auszublenden?

Noch ein völlig anderes Beispiel für ein schwieriges Thema in der breiten, unmittelbar und mittelbar von Özil angestoßenen Debatte: Die "Überzeugung, dass Juden in Europa keine Zukunft mehr haben", äußerte kürzlich nicht im Özil-, aber im #metwo-Zusammenhang Richard C. Schneider, der aus dem ARD-Fernsehen bekannte, in Tel Aviv lebende Reporter. Da würde man gerne mehr wissen, vor allem: wie sich das verhindern ließe. Das werde er, schreibt Schneider in seinem Blog, in einem Buch erklären, das 2020 erscheinen soll. Marketing ist also auch dabei – was bei Özil ja auch keine kleine Rolle spielt und legitim ist. Es ist sogar einer der zentralen Aspekte in sozialen Medien.

Das Ideal wäre eine offene Diskussion über all dies, in der alle Ansichten, die nicht gegen das deutsche Grundgesetz verstoßen, Aufmerksamkeit erfahren und respektiert werden. Über fast alles kann diskutiert werden: über strukturellen oder Alltags-Rassismus, der in der deutschen Gesellschaft vielen nicht bewusst ist, weil sie nicht davon betroffen sind, aber von ebenfalls vielen empfunden wird, weil sie es sind. Und über "einen neuen deutschen Traum, ähnlich wie den 'American Dream'", wie Ali Can, der Haupt-Initiator des Hashtags #metwo, ihn (im ZDF-"Morgenmagazin") formulierte. Und sogar darüber, ob die Bezeichnung Bio-Deutscher (wobei auch über diese Bezeichnung diskutiert wird) als "Kartoffel" Rassismus ist. So putzig wie in den schönen Vierteln der Metropolen erscheint, in denen viele Macher klassischer, aber auch sozialer Medien leben, stellt diese Frage sich nicht überall dar.

Es gibt ja auch – was in sog. sozialen Medien oft vergessen scheint – die Möglichkeit, andere Meinungen zur Kenntnis zu nehmen und fortan zu wissen, dass es sie gibt, ohne sie vollständig oder überhaupt zu teilen. Und sogar ohne eine eigene Meinung dazu zu äußern. Viele unterschiedliche Meinungen sind nicht schlimm, sondern Meinungsvielfalt – also das, was der auch dank der Unterstützung deutscher Fußballnationalspieler knapp wiedergewahlte türkische Staatschef in seinem Land weitestgehend unterdrückt. Was ein berechtigter Grund für Kritik an Mesut Özil bleibt, so sehr andere seiner Argumente überzeugen mögen.