TV-Tipp: "Polizeiruf 110: Sie haben Namen"

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1. November, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Polizeiruf 110: Sie haben Namen"
Fall Nummer 31 für das Kripo-Team aus Rostock beginnt nach einem erschütternden Prolog und der kurzen Einführung gleich mehrerer Handlungsstränge an einem nächtlichen See: Nebel kräuselt sich über den Wellen, als eine Anglerin einen grausigen Fang aus dem Wasser zieht.

Der Abscheu ist ihr ins Gesicht geschrieben. Katrin König macht selten einen Hehl daraus, wenn ihr was gegen den Strich geht, aber in diesem Fall ist sie von dem Grauen, zu dem Männer fähig sind, besonders abgestoßen. Fall Nummer 31 für das Kripo-Team aus Rostock beginnt nach einem erschütternden Prolog und der kurzen Einführung gleich mehrerer Handlungsstränge an einem nächtlichen See. Nebel kräuselt sich über den Wellen, als eine Anglerin einen grausigen Fang aus dem Wasser zieht. Bei der Leichenschau wird im Detail und inklusive entsprechender Aufnahmen beschrieben, was dem weiblichen Mordopfer zugestoßen ist.

Später stellt sich raus, dass gleich mehrere Männer am Sterben der jungen Frau beteiligt waren: aus reiner Freude daran, einen Menschen zu Tode zu quälen. Schon diese Ebene des Films ist nur schwer auszuhalten, aber für die weiteren Themen gilt das nicht minder. Florian Oeller setzt mit "Sie haben Namen" fort, was vor einem Jahr in "Tu es!" nur ein Nebenstrang war: Melly Böwe (Lina Beckmann) ist als Teenager vergewaltigt worden; ihre Tochter ist das Ergebnis dieses Verbrechens. Der Täter von einst, Jan Jürgens (Thorsten Merten), ist heute in Schwerin als Staatsanwalt für Organisierte Kriminalität und Geldwäsche zuständig.

Dass die Kommissarin ihrem damaligen Peiniger nun dauernd über den Weg läuft, hängt mit dem aktuellen Mordfall zusammen. Die Tote aus dem See hat für Heiko Mischke (Sönke Möring) gearbeitet. Der Bordellbetreiber ist eine schillernde Unterweltgröße und durch obszöne Verbrechen reich geworden, wie es Jürgens formuliert, aber auch unantastbar: Mischke ist der deutsche Kopf eines internationalen Netzwerks, will aber aussteigen und als Kronzeuge aussagen. Deshalb ist die Staatsanwaltschaft offenbar bereit, beide Augen zuzudrücken. Für ein Kapitalverbrechen würde das zwar nicht gelten, doch Böwe und König (Anneke Kim Sarnau) können dem Gangster nichts nachweisen.

Hauptfigur ist neben den Kommissarinnen allerdings nicht Mischke, sondern seine rechte Hand Natasha. Die gebürtige Ukrainerin Anastasiia Mazhara ist mit ihrer facettenreichen Verkörperung dieser Frau, die gleichermaßen Opfer wie Täterin ist, die Entdeckung des Films. Regisseurin Franziska Schlotterer hat auf die üblichen Krimizutaten verzichtet; die Inszenierung kommt gänzlich ohne Spannungsverstärker aus und konzentriert sich voll und ganz auf das ausnahmslos ausgezeichnete Ensemble. Das gilt auch für Liliom Lewald, der in diesem Genre bevorzugt als Gangster besetzt wird, aber Mischkes Mann fürs Grobe hinter der eiskalten Fassade mit spürbarer Melancholie verkörpert: Petko will Natasha aus den Fängen des sadistischen Menschenschinders befreien.

Oeller spiegelt dieses Motiv in Kommissar Pöschel (Andreas Guenther), auch er ist in eine von Mischkes Sexarbeiterinnen verliebt. Der Titel bezieht sich auf diese aus Osteuropa stammenden jungen Frauen; die Tote aus dem See war nicht die erste weibliche Leiche, die ohne jeden Hinweis auf Herkunft oder Identität gefunden worden ist. "Sie haben Namen" gibt den Sexsklavinnen, die sich von ihren Kunden bei Bedarf auch ohne Murren schlagen lassen müssen, Gesicht und Stimme.

König und Böwe behandeln sie mit Respekt, ebenso wie der Film. Schlotterer hat zuletzt anlässlich des Internationalen Frauentags einen "Polizeiruf" aus Magdeburg zum Thema Abtreibung gedreht ("Your Body My Choice", 2026) und bei dem Krimi aus Rostock gemeinsam mit Kameramann Hanno Lentz tunlichst darauf geachtet, dass in den Bordellszenen nicht mal ein Hauch von Puffromantik aufkommt und die Bilder keinen Voyeurismus befriedigen.
Trotzdem ist die Ausstrahlung um 20.15 Uhr gewagt. Bei einem Privatsender hätte die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen womöglich eine spätere Sendezeit gefordert; ARD und ZDF regeln Jugendschutzfragen intern. Das Problem sind weniger die deftigen Dialoge, auch wenn gerade die Mitglieder des Kripo-Teams angesichts der widerwärtigen Untaten kein Blatt vor den Mund nehmen. Gerade der Kollege Thiesler (Josef Heynert), nach einer Schussverletzung verbittert und zynisch, wirft mit Verbalinjurien nur so um sich.

Entscheidender für eine strengere Altersfreigabe wäre vor allem die ausweglose Situation der Frauen, die Abgründigkeit der begangenen Taten sowie die Ruchlosigkeit der Täter, denen ein Menschenleben nichts bedeutet. Am schlimmsten ist dabei gar nicht mal Mischke, sondern die Juristen, die dafür sorgen, dass er seinen Kopf immer wieder aus der Schlinge ziehen kann. Christian Erdmann als Mischkes Anwalt mit eigener Agenda und Thorsten Merten spielen das unangenehm gut.