Die Fischerei ist ein raues Gewerbe, deshalb geht’s auch nach Feierabend zur Sache: Schnaps und Schläge bilden den fragwürdigen Höhepunkt einer Betriebsfeier. Der letzte Hieb, der den Chef trifft, als alle anderen gegangen sind, ist allerdings heftig. Der Täter wickelt den Mann in ein Netz und wirft ihn ins Wasser, wo er jämmerlich ersäuft. Der Auftakt zu "Dunkle Tiefen", Episode Nummer 28 aus der 2009 gestarteten ZDF-Reihe "Stralsund", ist in jeder Hinsicht ziemlich düster, und daran wird sich in den folgenden knapp neunzig Minuten nichts ändern, zumal die Ästhetik perfekt der Geschichte entspricht:
Die zentralen Figuren sind psychisch zum Teil erheblich angeschlagen, auch Jule Zabek (Sophie Pfennigstorf), die beim letzten Mal ("Jetzt komm ich!", 2026) nur mit viel Glück einen Sturz von der Rügenbrücke überlebt hat.
Mehr und mehr zur Hauptfigur wird jedoch eine Frau, die in dem Fischereibetrieb zur Kapitänin ausgebildet wird. Bei ihrer Besetzung von "Glücksgriff" zu sprechen, verbietet sich, weil Hannah Schiller schon oft bewiesen hat, wie gut sie gerade in abgründigen Rollen ist; der Titel passt daher nicht nur zur Handlung, sondern auch zu Ella Brodersen.
Ihr Chef hätte die schwer vom Schicksal gebeutelte junge Auszubildende schon längst zur Prüfung anmelden sollen, fürchtet aber völlig zu Recht, dass Ella anschließend ihren eigenen Weg gehen wird: Sie träumt davon, nach Norwegen auszuwandern. Nun ist Hark Reimers tot, der Weg wäre also frei, aber sein Bruder Martin (Christian Näthe) lässt sie ebenfalls nicht ziehen: Die Fischerei ist ein aussterbendes Gewerbe, es fehlt an Nachwuchskräften; von den einst über tausend Betrieben entlang der Ostseeküste sind kaum noch welche übrig. Ella hätte zwar ein Mordmotiv, doch Videobilder vom Kutter beweisen, dass sie zur Tatzeit auf hoher See war.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Die Ermittlungen bilden naturgemäß das erzählerische Zentrum des Films, aber mindestens ebenso wichtig ist die psychische Ebene. Das gilt vor allem für Ella: Als sie elf war, ist ihre Mutter spurlos verschwunden. Der Vater, ebenfalls Fischer, hat den Verlust nicht verkraftet und sich zu Tode gesoffen, wie es Kommissar Hidde (Alexander Held) schnörkellos formuliert; tatsächlich ist der alte Brodersen offenbar stark alkoholisiert in der Badewanne ertrunken. Ellas Zwillingsbruder Max hat die letzten Jahre in der Psychiatrie verbracht und ist kürzlich entlassen worden. Wie Schiller wird Claude Albert Heinrich gern besetzt, wenn ein junger Mensch in dramatische Ereignisse verwickelt ist.
Das Drehbuch (Mia Maariel Meyer, Lars Henning, Paul Bachmann) verhehlt nicht lange, dass er Reimers auf dem Gewissen hat; aber auch Max will nicht, dass seine Schwester nach Norwegen auswandert. Die große handwerkliche Sorgfalt (Regie: Neelesha Barthel) zeigt sich nicht zuletzt bei der Bildgestaltung; Kamerafrau Alina Albrecht hat auch bei den beiden zumindest optisch gleichfalls beeindruckenden "Wäldern"-Filme (im November im "Ersten") für eine ähnlich düstere Atmosphäre gesorgt. Sehenswert ist "Dunkle Tiefen" dennoch vor allem darstellerisch. Gerade die gemeinsamen Szenen von Sophie Pfennigstorf und Hannah Schiller sind beeindruckend, zumal die junge Schauspielerin ihre Rolle auch physisch perfekt umsetzt.
Mit ihrer geduckten Haltung wirkt Ella wie ein Fluchttier; ihr Gang wiederum verrät, dass die junge Frau schon viel Zeit auf Schiffen verbracht hat. Eine auf interessante Weise undurchsichtige Figur ist der seit einem Arbeitsunfall auf See einäugige Hausmeister des Fischereibetriebs: Winfried (Thomas Büchel) betrachtet sich als Beschützer der beiden Kinder, seit Reimers die Firma ihres Vaters in den Ruin getrieben hat. Als sich am Schluss alle Beteiligten auf dem heruntergekommenen Anwesen der Brodersens einfinden, wandelt sich das Krimidrama endgültig zur Tragödie.
Eine Schlüsselszene des Films ist eine Auseinandersetzung zwischen Zabek und ihrem Chef, als sie Hidde unwissentlich zutiefst verletzt. Wenn man sich nicht zuhört, kommentiert Kollege Nowak (Jakub Gierszal) den Vorfall mit einem angeblich polnischen Sprichwort, "dann fallen die Gedanken zu Boden wie Erbsen." Im Frühjahr ist Alexander Held verstorben, "Dunkle Tiefen" war seine vorletzte Arbeit, aber es hätte ohnehin keine Fortsetzung für Hidde gegeben: Der amtsmüde Hauptkommissar hat gekündigt, um das nächste Kapitel seines Lebens aufzuschlagen, am liebsten gemeinsam mit seiner Ex-Frau (Lena Stolze). Im nächsten Film wird Jule Zabek einen neuen Partner (Torben Liebrecht) bekommen, mit dem die ebenso selbstbewusste wie eigenwillige Kommissarin prompt Probleme kriegt.




