Was auch immer der Grund sein mag: Die zweite der beiden neuen "Kanzlei Liebling Kreuzberg"-Episoden ist in nahezu jeder Hinsicht besser als die erste. Gerade darstellerisch liegt eine kleine Welt zwischen den beiden Filmen. In "Ein Meisterstück" haben nahezu alle Mitwirkenden ihre Darbietungen viel zu oft mit einem überflüssigen kleinen Extra versehen. "Auf Augenhöhe" kommt dagegen weitgehend ohne schauspielerischen Firlefanz aus, dabei war der Regisseur (Christoph Schnee) der selbe; die Filme sind zudem zur gleichen Zeit gedreht worden. Auch die zentrale Herausforderung hat mehr Relevanz.
Wirtschaftsmandate fallen eigentlich in die Zuständigkeit von Talia Jahnke (Gabriela Maria Schmeide), aber die erfahrene Anwältin ist diesmal unpässlich: Ein Hexenschuss sowie der sanfte Druck ihres Lebensgefährten (Christian Kuchenbuch) zwingen sie aufs Lager.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Partnerin Lisa Liebling (Luise von Finckh) möchte sich ganz im Sinne des großväterlichen Kanzleigründers vor allem um die Sozialfälle kümmern, muss sich diesmal aber zumindest dem ersten Anschein nach auf die Gegenseite schlagen: Ein Elektriker aus Aachen hat das Haus seiner Großmutter geerbt und will die Altmieter loswerden. Das klingt nach einem typischen Fall von Gentrifizierung, lässt sich jedoch sachlich begründen: Das Dach ist undicht und muss dringend repariert werden. Deshalb will Bernd Schulze (Tom Keune), ein aufgeräumter Rheinländer, das Erdgeschoss "kurz und schmerzlos" entmieten, anschließend sanieren und dann für deutlich höhere Einnahme an zwei potente Gewerbebetriebe vermieten.
Angesichts der halbjährigen Kündigungsfrist schlägt Lisa vor, die beiden jetzigen Pächter mit einer Abfindung zum umgehenden Auszug zu bewegen, was sich allerdings als typischer Fall von "Rechnung ohne den Wirt" entpuppt: Friseur Nadim Demir (Vedat Erincin) betreibt seinen Laden seit dreißig Jahren, hat schon Lisas Opa die Haare geschnitten und ist nicht nur empört, sondern auch zutiefst betrübt, dass ihn ausgerechnet die Enkelin von Robert Liebling vor die Tür setzen will. Die Nachbarschaft solidarisiert sich, skandiert "Kiez statt Kohle", und Lisa taucht zur Verblüffung Talias, die prompt den guten Ruf der Kanzlei in Gefahr sieht, live im Mittagsmagazin auf.
Autorin von "Auf Augenhöhe" ist Léonie-Claire Breinersdorfer, die gemeinsam mit ihrem vielfach ausgezeichneten Vater Fred unter anderem das Drehbuch zum Georg-Elser-Film "Elser – Er hätte die Welt verändert" (2015) geschrieben und wie ihre Eltern Jura studiert hat. Ihre erste Arbeit für "Kanzlei Liebling Kreuzberg" ist trotzdem kein juristisches Proseminar, aber gerade im zweiten Fall, den Lisa ihrem Kollegen Cem (Emre Aksızoğlu) überlässt, sind die Details sehr interessant.
Es geht wieder mal um das sogenannte Containern: Eine Aktivistin (Meriel Hinsching), die weggeworfene Lebensmittel an Bedürftige verteilt, ist von einem Supermarktbesitzer (Boris Aljinović) wegen schweren Diebstahls angezeigt worden. Wie sich schließlich ’rausstellt, ist die Sachlage jedoch deutlich komplizierter; die junge Frau wird gar der persönlichen Bereicherung bezichtigt.
Selbstredend löst sich wie immer freitags im "Ersten" alles in Wohlgefallen auf - allerdings in beiden Fällen am Ende ein bisschen flott und zu reibungslos.
Andererseits ist die Botschaft natürlich sympathisch: Wenn man in Ruhe miteinander redet, stellt sich ’raus, dass die jeweiligen Parteien gar nicht so weit voneinander entfernt sind. Schulze zum Beispiel hat das Herz auf dem rechten Fleck, braucht aber eben auch Geld für die Renovierung. Lisa und Cem finden jeweils einen Ausweg, mit dem alle Beteiligten gut leben können.
"Auf Augenhöhe" ist darstellerisch deutlich fokussierter als Schnees erster Beitrag für die Reihe; einzig Nhung Hong verkörpert Lisas Freundin Mai nach wie vor etwas übereifrig. Die Freundschaftsszenen der beiden jungen Frauen sind trotzdem erfrischend, selbst wenn ihre Beziehung erneut auf die Probe gestellt wird: Mai betrachtet Lisas Engagement für Schulze als Verrat.
Dank der diversen Ortstermine am Mietshaus ist der Film auch optisch abwechslungsreicher als "Ein Meisterstück" mit seinen vielen Kanzleigesprächen. Außerdem ergänzt das Drehbuch den anwaltlichen Austausch um eine reizvolle emotionale Ebene: Als Cem und Lisa spätabends überprüfen, ob die Supermarktcontainer in irgendeiner Form gesichert sind, kommt es zu einem Kuss, der der jungen Juristin fortan nicht mehr aus dem Kopf geht. Zumindest in einer Hinsicht ist sie sich jedoch mit Talia einig: Privat- und Berufsleben sollten nicht miteinander vermischt werden.




