Polizeifilme haben im amerikanischen Kino eine lange Tradition. Moralisch integre "Detectives" ermitteln regelmäßig gegen Kollegen, meist wegen Korruption. Der Klassiker dieses Subgenres ist "Serpico" (1973) mit Al Pacino. Hierzulande ist das Misstrauen gegenüber den Behörden deutlich weniger ausgeprägt, und vermutlich hat der 1970 gestartete "Tatort" daran einen nicht unerheblichen Anteil: Schwarze Schafe in den eigenen Reihen sind höchst seltene Ausnahmen. Schon allein deshalb fällt der erste Kieler Krimi ohne Axel Milberg aus dem Rahmen.
Lars Kraume (Buch und Regie), mit allen wichtigen Fernseh- und Kinopreisen ausgezeichnet, hat auch dessen Abschiedsfall ("Borowski und das Haupt der Medusa", 2025) inszeniert und vom NDR 180 Minuten bekommen, um die neue Ära einzuleiten. Mila Şahin (Almila Bagriacik) ist nun die zentrale Figur; neue Partnerin ist Anna Nowak (Lilith Stangenberg), eine enge Freundin aus der gemeinsamen Ausbildungszeit. Teil eins ("Unter Freunden") konfrontiert die Kommissarinnen mit einem diffizilen Fall, der die Kollegin erst mal auf den Holzweg führt: Nach dem Fund einer weiblichen Leiche in der Förde deuten alle Indizien auf einen Femizid, zumal die Frau in der eigenen Toilette ertränkt worden und ihr Lebensgefährte in dieser Hinsicht mehrfach vorbestraft ist.
Nowak ist derart von seiner Schuld überzeugt, dass der kundige Teil des Publikums umgehend ahnt: Sie hat derlei Gewalt am eigenen Leib erfahren. Şahin vermutet einen anderen Hintergrund und liegt damit richtig: Zu Beginn des Films hat Francesca, das spätere Mordopfer, heimlich brisantes Material über ihren Arbeitgeber gesammelt. Diesen Teil seiner Geschichte vertieft Kraume allerdings erst im zweiten Teil. Zunächst wird den Polizistinnen mehrfach bedeutet, dass Ermittlungen gegen die Firma Prometheus nicht in frage kommen: Das Unternehmen stellt Spezialobjektive für die Raumfahrt her, steht für Innovation made in Germany und gilt als Leuchtturmprojekt des Wirtschaftsstandorts Kiel.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Die beiden Frauen vertiefen sich zwar trotzdem in die beschlagnahmten Unterlagen, stoßen aber bald an ihre Grenzen und wenden sich hilfesuchend an einen Kollegen aus der Abteilung Wirtschaftskriminalität. Aus einem kleinen Flirt zwischen Nowak und Jan Kuper (Sven Schelker) entwickelt sich eine von Drogen und Alkohol geprägte Beziehung, die der jungen Kommissarin jedoch nur als Vorwand dient: Sie hält Kuper für korrupt und sucht nach Beweisen.
Der erste Film will seinen Reiz offenkundig aus dem Kontrast beziehen: hier Şahin, die sich für den Posten der Dienststellenleitung beworben hat, dort die deshalb zutiefst enttäuschte Kollegin; schließlich hat sie sich nach Kiel versetzen lassen, um mit der Freundin ein Duo zu bilden. Prompt wirft sie Şahin vor, sie sei von Ehrgeiz zerfressen, und unterstellt ihr, sie zögere mit den Ermittlungen gegen Kuper, weil das ihre Aufstiegs-Chancen beeinträchtige. Das ändert sich, als Francescas Schwester (Romina Kuper) die unterm Teppich versteckten Unterlagen entdeckt.
Im Pressematerial sagt Lilith Stangenberg, sie habe Anna Nowak, die gern auch mal ihren Kaugummi irgendwo hinklebt oder die cowboygestiefelten Füße auf den Schreibtisch legt, "wie einen Kerl" spielen wollen, und das ist das Problem: Ihre bildliche und buchstäbliche Breitbeinigkeit wirkt komplett aufgesetzt. Teil zwei (ab Freitag in der ARD-Mediathek) ist nicht bloß darstellerisch interessanter.
Nun rückt Prometheus stärker in den Mittelpunkt; und somit auch ein Mann, der im Hintergrund die Fäden zieht. Der wichtigere Unterschied sind jedoch zwei Personalien. Şahin arbeitet jetzt eng mit Psychotherapeutin Elli Krieger zusammen. Deren Einschätzung entscheidet über die Beförderung der Kommissarin. Ein entsprechendes Gespräch bildet exakt zur Hälfte das Herzstück von "Unter Freunden". In der Fortsetzung bezieht Şahin die Polizeipsychologin in die Ermittlungen ein. Die Besetzung mit Karoline Schuch, die in jungen Jahren die Tochter von Freddy Schenk im "Tatort" aus Köln gespielt hat, ist auch deshalb interessant, weil sie selbst ein Psychologiestudium absolviert hat.
Die zweite Personalie sorgt für beruflichen wie emotionalen Zündstoff: Şahins neuer Chef ist ein typischer Bürokrat, der die patriarchalen Strukturen bei der Polizei repräsentiert. Yorck Dippe verkörpert diesen Kriminalrat als Protoypen eines "Mansplainers", eines Mannes also, der sich dazu berufen fühlt, Frauen die Welt zu erklären, was prompt zu einer lautstarken Auseinandersetzung mit Şahin führt. Seine große Stunde schlägt im zweiten Teil, den Kraume über weite Strecken als fesselnden Thriller inszeniert hat.




