Sonntags im "Zweiten" beginnen die Romanzen nach Rosamunde Pilcher gern mit einem Zusammenstoß: Ein Mann und eine Frau streiten sich um einen Parkplatz; kurz drauf stellt sich raus, dass er ihr zukünftiger Chef ist. Krimireihen bedienen sich mitunter eines ähnlichen Einstiegs, wenn sich beispielsweise die forsche junge Frau am Tatort als neue Ermittlerin entpuppt.
"Frankfurt Mord" hat diese Idee clever variiert, was nach dem Thrillerauftakt mit Leichenfund am Mainufer für einige heitere Momente sorgen wird. Weil eine Kollegin wegen einer Sportverletzung nur noch Schreibtischarbeit verrichten kann, bekommt die Abteilung Verstärkung, und siehe da: Es handelt sich um just jungen Mann, der sich am Morgen nach einer feuchtfröhlichen Nacht von der völlig verkaterten Kommissarin verabschiedet hat.
Jakob (Johannes Hegemann) ist zwanzig Jahre jünger als Sarah Frankfurter (Marie-Lou Sellem) und außerdem ziemlich angetan von seiner Vorgesetzten. Ihr hingegen ist das alles äußerst peinlich. Als sich aufgrund eines fotografischen Fauxpas’ nicht länger verheimlichen lässt, dass sich die beiden kennen, erklärt sie den frisch aus der Ausbildung gekommenen Mitarbeiter kurzerhand zu ihrem Neffen. Fortan wird die Notlüge zum "Running Gag" des Films, zumal die sportverletzte forsche Kollegin Milli (Leona Grundig) ihrerseits großes Interesse an dem charmanten Jakob hat.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Jenseits dieser Ebene, die den Krimi zwischenzeitlich einige Male zur romantischen Komödie werden lässt, geht es in "Ein neues Leben" um ein gleichermaßen diffiziles wie komplexes Thema. Der Titel bezieht sich auf die komplizierte deutsche Rechtsprechung zu künstlicher Befruchtung, wie sich schließlich zeigt: Bei der toten Frau aus dem Main handelt es sich um die Juristin und Kinderbuchverlegerin Nicole Geissner, die sich öffentlich für eine Lockerung des Embryonenschutzgesetzes eingesetzt hat; Eizellenspenden und Leihmutterschaft sind hierzulande im Unterschied zu anderen europäischen Ländern verboten.
Die größte Herausforderung für das Drehbuchteam Elena Lyubarskaya, Tanja Bubbel sowie Krimiroutinier Nils Willbrandt dürfte darin bestanden haben, die unumgänglichen entsprechenden Informationen so geschickt zu formulieren, dass die Dialoge nicht wie in anderen Themenkrimis nach Proseminar klingen; das ist ziemlich gut gelungen. Auch dieser Film kommt zwar nicht ohne die üblichen Reviergespräche aus, aber da die Materie für das Kripotrio ebenso unbekannt ist wie für den Großteil des Publikums, fällt das nicht weiter ins Gewicht.
Der Rest folgt allerdings dem handelsüblichen Krimischema: Weil es zwei Jahre zuvor beim Ehepaar Geissner einen Vorfall vermeintlicher häuslicher Gewalt gegeben hat, gerät automatisch erst mal der Gatte in Verdacht. Nils Geissner (Franz Hartwig) hat nicht nur kein Alibi, sondern auch Grund zur Eifersucht: Nicole hatte eine Affäre mit einem Kollegen. Außerdem war sie schwanger, was wie ein kleines Wunder wirkt, denn das Paar hat lange vergeblich versucht, Nachwuchs zu zeugen. Damit ist der Film bei seinem eigentlichen Thema und einem weiteren Verdächtigen: Nicole hat regelmäßig Hass-Mails von einem Mann (Peter Schneider) erhalten, der künstliche Befruchtungen aller Art für eine Versündigung hält.
Religion ist auch auf einer dritten Ebene wichtig: Sarah Frankfurter ist Jüdin. Für ihren eigenen Alltag hat das keine große Bewandnis, für ihre Tochter allerdings schon: Rakhel (Victoria Nikolaevskaja) ist Rabbinerin in einer liberalen jüdischen Gemeinde und hätte die Mutter gern bei ihrem ersten Neujahrsgottesdienst dabei. Sarah hat allerdings gar keine Lust auf ihre familiäre Mischpoke und deren Mitgefühl: Ihr Mann hat sich vor zwölf Monaten nach 25 Ehejahren zu seiner Homosexualität bekannt; in dieser Hinsicht erlaubt sich der Filmen einen wenige Sekunden kurzen kleinen Besetzungscoup.
Regie führte Franziska Margarete Hoenisch, deren Inszenierung im besten Sinne solide ist. Der einzige besondere Akzent ist musikalischer Art, als das Stück "Tanz der Ritter" aus dem Prokofjew-Ballett "Romeo und Julia" auf ironische Weise eine Einstellung aus der Vogelperspektive untermalt. Der Film lebt neben dem tatsächlich lange Zeit völlig offenen Fall vor allem vom sehenswerten Ensemble; Marie-Lou Sellem, die eine ganz ähnliche Rolle als jüdische Ermittlerin bereits in dem ARD-Krimi "Blutspur Antwerpen" (2025) verkörpert hat, darf angesichts der Avancen Jakobs einige Male sehr indigniert dreinblicken. Ob das Paar eine Zukunft hat und weitere Fälle lösen darf, entscheidet das ZDF nach der Ausstrahlung des Pilotfilms.




