Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wollte ich ausprobieren, ob mir digitale Wahlhilfen dabei helfen können, meine eigenen politischen Positionen besser einzuordnen. Dafür habe ich zwei Wahl-O-Maten getestet: den klassischen Wahl-O-Mat und den Sozial-O-Mat der Diakonie Mitteldeutschland. Beide vergleichen die eigenen Antworten mit den Positionen der Parteien.
Der Wahl-O-Mat macht gleich zu Beginn deutlich, dass er keine Wahlempfehlung ist, sondern ein Informationsangebot. Alle zur Wahl stehenden 15 Parteien haben die 38 Fragen, die der Wahl-O-Mat als "Thesen" formuliert, beantwortet. Optisch ist das Ganze ziemlich schlicht: schwarzer Hintergrund, weiße Schrift. Mein erster Gedanke war tatsächlich "ziemlich öde und langweilig."
Julian Keller hat nach seinem Fachabitur im September 2026 ein Freiwlliges Soziales Jahr (FSJ) im Medienhaus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau GmbH, begonnen.
Er plant, nach seinem FSJ Politikwissenschaften zu studieren und anschließend in den Journalismus oder in die Forschung zu gehen.
Politik spielt für ihn eine große Rolle, vor allem zur heutigen Zeit, da für ihn das politische Verständnis und Interesse schon lange nicht mehr so wichtig waren wie jetzt.
Mir fällt auf, dass die Fragen ganz unterschiedliche politische Bereiche betreffen. Sollen Geschäfte sonntags öffnen dürfen? Soll Sachsen-Anhalt die Ansiedlung von Rüstungsunternehmen unterstützen? Braucht es mehr Windkraft? Soll es ein Verbotsverfahren gegen extremistische Parteien geben? Sollen Jugendliche ab 16 Jahren bei Landtagswahlen wählen dürfen?
Wahl-O-Mat zeigt nicht nur, was man denkt
Bei manchen Fragen wusste ich sofort, was ich anklicken möchte. Den Ausbau erneuerbarer Energien finde ich wichtig. Projekte gegen Rechtsextremismus sollten weiter gefördert werden. Auch beim Wahlrecht ab 16 musste ich nicht lange überlegen. Ich glaube, dass viele Jugendliche schon früh politische Meinungen entwickeln und sich Gedanken über gesellschaftliche Fragen machen. Es gab auch viele Fragen, bei denen ich mir nicht sicher war. Zum Beispiel: Soll die Polizei Software zur automatisierten Analyse großer Datenmengen einsetzen dürfen? Dazu hatte ich mir noch nie wirklich Gedanken gemacht. Also habe ich die These übersprungen.
Bei anderen Thesen fehlten mir Informationen über die konkrete Situation in Sachsen-Anhalt. Braucht das Land beispielsweise neue Autobahnen? Ich sehe die Nachteile für Natur und Klima, weiß aber nicht, wie gut einzelne Regionen angebunden sind und wo neue Verkehrswege tatsächlich gebraucht werden. Deshalb konnte ich auch hier nicht eindeutig zustimmen oder ablehnen. Der Wahl-O-Mat zeigt mir nicht nur, was ich denke. Er zeigt mir auch ziemlich deutlich, worüber ich bisher wenig nachgedacht habe. Und manchmal habe ich erst durch eine Frage gemerkt, dass meine politische Haltung bei manchen Thesen plötzlich gar nicht mehr so eindeutig war, wie ich gedacht habe. Das war für mich überraschend, denn ich habe zu vielem eine politische Meinung, aber wenn man dann plötzlich zu einer These keine eindeutige Meinung hat, weckt das natürlich Interesse bei mir.
Social-O-Mat ist einfacher zu bedienen
Der Sozial-O-Mat der Diakonie Mitteldeutschland ist bunt gestaltet und für mich angenehmer zu bedienen und wirkt auch einladender. Statt 38 bunt gemischter Fragen gibt es 20 Fragen in fünf klar erkennbaren Themenbereichen: Arbeit und Gesellschaft, Familie und Bildung, Gesundheit und Pflege, Zuwanderung und Integration sowie Wohnen und Klima. Viele soziale Fragen konnte ich sehr eindeutig beantworten: Menschen mit Behinderung sollten möglichst selbst entscheiden können, wo sie leben und arbeiten. Kinder sollten unabhängig von Behinderung oder Sprachkenntnissen die gleichen Chancen haben. Wichtig waren mir auch die Gesundheitsversorgung auf dem Land und die Unterstützung pflegender Angehöriger.
Bei den Antwortmöglichkeiten fällt mir auf, dass ich mehr Möglichkeiten habe, die Thesen zu beantworten. Während beim Wahl-O-Mat die Antwortmöglichkeiten auf "trifft zu", "neutral" und "trifft nicht zu", beschränkt sind, kommen beim Sozial-O-Mat "trifft eher zu" und "trifft eher nicht zu" dazu. Ich finde, das macht es mir leichter, etwas anzuklicken, wenn ich nicht ganz sicher bin, aber eine Tendenz habe. Thesen bzw. Antworten, die ich als extrem wichtig empfinde, kann ich direkt, nach dem Beantworten doppelt gewichten. Beim Wahl-O-Maten gibt es diese Möglichkeit auch, allerdings erst nachdem man alle Fragen beantwortet hat. Leider sehe ich nicht wirklich, wie sich diese doppelte Gewichtung auf das Ergebnis auswirkt.
Wertende Einführungstexte
Beim Sozial-O-Mat stehen vor den einzelnen Themen Einführungstexte, die ich teilweise als ziemlich wertend empfunden habe. Auch wenn ich dem Inhalt nicht unbedingt widersprochen habe, hatte ich das Gefühl, schon vor der eigentlichen Frage beeinflusst zu werden. Gerade bei einem Angebot, mit dem ich meine eigene Haltung überprüfen möchte, finde ich das schwierig. Aber auch beim Sozial-O-Mat gab es Fragen, bei denen ich erst dachte, dass meine Meinung klar ist und ich dann doch nochmal darüber nachdachte. Zum Beispiel, ob Geflüchtete möglichst schnell in Wohnungen statt in Sammelunterkünften leben sollen.
Grundsätzlich finde ich, dass Sammelunterkünfte nur eine kurze Zwischenlösung sind. Gleichzeitig fragte ich mich, wie realistisch es angesichts des Wohnungsmangels ist, Menschen schnell eine Wohnung zur Verfügung zu stellen. Beide Wahl-O-Maten haben am Ende Prozentwerte für die Übereinstimmung mit den Parteien angezeigt. Dabei kamen bei mir nicht einmal dieselben politischen Richtungen in derselben Reihenfolge heraus. Das ist eigentlich logisch. Die beiden Angebote stellen unterschiedliche Fragen, setzen andere Schwerpunkte und bieten unterschiedliche Antwortmöglichkeiten.
Ergebnis regt zum Nachdenken an
Beim Wahl-O-Mat hat mich irritiert, dass selbst bei einer Partei, mit deren politischen Positionen ich mich insgesamt überhaupt nicht identifizieren kann, noch eine überraschend hohe prozentuale Übereinstimmung angezeigt wurde. Mein erster Gedanke war: "Wie kann das sein?" Damit wurde der Prozentwert plötzlich weniger interessant als die Frage, wie er zustande kommt. Beim Wahl-O-Mat kann man nach dem Ergebnis nachschauen, wie die Parteien auf die einzelnen Thesen geantwortet haben und wie sie ihre Position begründen. Man kann außerdem mehrere Parteien direkt miteinander vergleichen.
Für mich ist ein wichtiger Punkt bei Wahlhilfen, dass ein Ergebnis von beispielsweise 80 Prozent nicht automatisch bedeutet, dass eine Partei zu mir passt. Politische Positionen sind themenabhängig. Ich kann bei Fragen zu Klima, Sozialpolitik oder Bildung ähnliche Antworten wie eine Partei geben und bei anderen Themen völlig anderer Meinung sein. Umgekehrt kann es einzelne Übereinstimmungen mit einer Partei geben, deren grundsätzliche politische Haltung ich nicht teile.
Nachdem ich beide Wahl-O-Maten getestet habe, weiß ich nicht automatisch, wen ich wählen würde, sondern eher, welche Parteien infrage kommen. Dafür weiß ich etwas genauer, bei welchen Themen meine Haltung klar ist, wo ich abwäge und wo mir Wissen fehlt. Genau deshalb würde ich solche Wahlhilfen weiterempfehlen, allerdings nicht als Maschine, die am Ende die passende Partei ausspuckt.
Interessanter als der Balken mit der höchsten Prozentzahl sind für mich die Fragen auf dem Weg dorthin. Warum antworte ich so? Was ist mir wirklich wichtig? Wo bin ich mir unsicher? Und worüber sollte ich mich noch informieren? Die Wahlentscheidung nehmen Wahl-O-Mat und Sozial-O-Mat einem nicht ab. Aber sie können einen dazu bringen, die eigene politische Haltung genauer anzuschauen. Und bevor man sein Kreuz setzt, ist das vielleicht sogar hilfreicher als eine Prozentzahl.



