Leben an der innerdeutschen Grenze: "Eine verschärfte DDR"

Frank Pfannkuche an der ehemaligen Grenze
epd-bild/Helga Kristina Kothe
Frank Pfannkuche am Platz der Deutschen Einheit in der Gedenkstätte Point Alpha an der früheren innerdeutschen Grenze zwischen Hessen und Thüringen.
65 Jahre Mauerbau
Leben an der innerdeutschen Grenze: "Eine verschärfte DDR"
Fast vier Jahrzehnte lang bestimmte das Grenzregime im DDR-Sperrgebiet den Alltag der Menschen an der innerdeutschen Grenze. Frank Pfannkuche erlebte dort, wie Überwachung und staatliche Willkür das Leben bestimmten.

Durch den schmalen, vergitterten Fensterschlitz des Gefangenentransports blickt Frank Pfannkuche noch einmal auf seinen Heimatort. Die Zugstrecke führt am thüringischen Dorndorf vorbei. Er weiß nicht, ob er sein Dorf jemals wiedersehen wird. Der heute 63-Jährige erinnert sich noch genau an jenen Tag im Jahr 1987. Wenige Wochen zuvor war sein Fluchtversuch über Ungarn gescheitert. Jetzt führte ihn der Zug-Transport in den Strafvollzug der DDR in Karl-Marx-Stadt.

Pfannkuche wuchs im thüringischen Teil der Rhön direkt an der innerdeutschen Grenze auf. Nach ihrer Abriegelung 1952 wurde Dorndorf Teil des Sperrgebiets, einer fünf Kilometer breiten Zone zur Sicherung der Grenze zur Bundesrepublik. Für die Menschen bedeutete das mehr Überwachung und erhebliche Einschränkungen im Alltag, wie der Historiker Christian Stöber, Leiter des Grenzmuseums Schifflersgrund im thüringischen Asbach-Sickenberg, erklärt. "Zugespitzt formuliert, war das Sperrgebiet eine verschärfte DDR in der DDR." Besuche waren nur mit Genehmigung oder Passierschein möglich, Veranstaltungen und Versammlungen waren verboten.

Das Grenzregime hat das Leben von Frank Pfannkuche geprägt. "Man war hinter Gittern eingesperrt, man konnte sich nicht frei bewegen", sagt er im epd-Gespräch kurz vor dem 65. Jahrestag des Berliner Mauerbaus am 13. August. Mit dem Bau der Mauer 1961 wurde die letzte Möglichkeit für DDR-Bürger geschlossen, in die Bundesrepublik zu gelangen.

Ein Leben in Sichtweite der Grenze

Schon früh hätten ihm seine Eltern eingeschärft, mit eigenen Meinungen vorsichtig zu sein, erinnert sich Pfannekuche: "Was im Haus gesprochen wird, bleibt im Haus." Die Sperrzone trennte ihn auch von Verwandten im wenige Kilometer entfernten nordhessischen Philippsthal. Zwar konnte er ihr Haus vom Nachbarort Vacha aus sehen, doch er konnte sie nicht treffen. Erst nach dem Ende der Sperrgebietsregelungen in Dorndorf im Jahr 1972 waren Besuche der Verwandten aus dem Westen wieder möglich.

Misstrauen der Staatssicherheit

Auch seinen Bildungsweg habe das DDR-Regime beschnitten: Ihm sei das Abitur verwehrt worden, während eine Handvoll Mitschüler an die Erweiterte Oberschule aufgenommen worden seien - "aus SED-treuen Familien", wie Pfannkuche überzeugt ist. Er führt diese Entscheidung auf die christliche Prägung und Parteilosigkeit seiner Familie sowie deren Kontakte in den Westen zurück.

Laut Historiker Stöber konnten all diese Faktoren Misstrauen bei der Staatssicherheit wecken. Westkontakte seien vom DDR-Regime als mögliches Zeichen für Fluchtabsichten gewertet worden. Zugleich habe die SED die Kirchen als Konkurrenz zu ihrem alleinigen Machtanspruch betrachtet und deren Mitglieder überwachen lassen. Viele hätten Nachteile wie verweigerte Bildungswege oder eingeschränkte Aufstiegschancen erlitten, manche nicht: "Das Wesen der Diktatur ist die Willkür."

Fluchtversuch misslang

Mit den Jahren wuchs bei Frank Pfannkuche der Wunsch, die DDR zu verlassen: "Nicht sagen zu können, was man denkt, war die Keimzelle meines Fluchtgedankens", sagt er rückblickend. Besonders die Besuche von Angehörigen aus dem Westen machten Pfannkuche nachdenklich.

 

Im August 1987 fasste er den Entschluss zu fliehen. Ohne seine Familie einzuweihen, reiste er mit dem Zug nach Ungarn. Ihm sei klar gewesen, dass er sie wohl jahrelang nicht wiedersehen würde: "Ich habe mich innerlich von meiner Familie verabschiedet." Von der ungarischen Grenzstadt Sopron nahe Österreich machte er sich zu Fuß auf den Weg. Doch sein Vorhaben endete an einem Bodenbeobachtungsposten, so erzählt er es: "Hundert Meter vor der Grenze ging plötzlich eine große Klappe auf. Die Grenzpolizisten standen mit zwei großen Hunden vor mir."

Pfannkuches Fluchtversuch fiel in eine Phase des Umbruchs in Osteuropa, in der laut Christian Stöber für viele Menschen in der DDR die Hoffnung auf ein besseres Leben schwand. Während sich andere Staaten im Zuge von Glasnost und Perestroika öffneten, hielt die DDR-Führung an ihrem Kurs fest. Die Flucht sei manchen als Ausweg erschienen. Die politischen Reformen und Lockerungen in einigen Staaten des Ostblocks, insbesondere in Ungarn, seien Ende der 80er Jahre für neue Fluchtrouten genutzt worden.

Rückkehr ins Heimatdorf am Tag nach dem Mauerfall

Nach zwei Wochen Haft in Ungarn wurde Pfannkuche an die DDR überstellt und in Untersuchungshaft der Staatssicherheit genommen. Ein Gericht verurteilte ihn wegen unerlaubten Grenzübertritts zu 14 Monaten Haft und einem lebenslangen Grenzkreisverbot. Er verbüßte die Strafe im Kaßberg-Gefängnis in Karl-Marx-Stadt, in dem viele politische Gefangene wie er für den Häftlingsfreikauf inhaftiert waren. "Wir wollten nur noch das Land verlassen. Mit der DDR hatten wir abgeschlossen", beschreibt er die Stimmung.

Im Dezember 1987 wurde Pfannkuche im Zuge der Amnestie zum 38. Jahrestag der DDR vorzeitig aus der Haft entlassen und durfte im Februar 1988 in die Bundesrepublik ausreisen. Den Fall der Berliner Mauer im November 1989 erlebte er in seinem damaligen Wohnort Philippsthal in Nordhessen: "Ich war überrascht, dass es so schnell ging." Am Tag darauf kehrte er nach Dorndorf zurück, wo er seit 1996 wieder lebt.

Stasi-Spitzel

Nach der Wiedervereinigung erfuhr er aus seinen Stasi-Unterlagen, wer aus seinem Umfeld Informationen weitergegeben hatte - Familie, Freunde, Nachbarn und Kollegen. Sein Fall zeigt, wie tief die Staatssicherheit durch ein weitverzweigtes Netz Inoffizieller Mitarbeiter (IM) in persönliche Beziehungen hineinwirkte. Ende 1989 führte das Ministerium für Staatssicherheit laut Bundesarchiv rund 189.000 IM in der DDR und im Ausland. Die Namen der Spitzel habe seine Mutter nie erfahren, sagt Pfannkuche: "Sie hätte das nicht verkraftet."