Bis ins 18. Jahrhundert hatten Frauen in jüdischen Gemeinden drei Möglichkeiten, ihre Religion auszuüben: Das Kerzenanzünden an Schabbat, das traditionelle Brotverbrennen und der Gang in die Mikwe. Jeden Monat nach Ende der Menstruation sowie vor der Hochzeit und nach einer Geburt besuchten Frauen das rituelle Reinigungsbad, streng getrennt von den Männern, die zu anderen Zeiten und durch einen anderen Eingang die Mikwe betraten. "Die Mikwe zeigt das traditionelle, binäre Geschlechterbild", erklärt Michaela Regus den Teilnehmenden der Führung im historischen Ritualbad neun Meter unter dem Jüdischen Museum Franken.
Ihr sei bis heute keine Mikwe bekannt, die auf die Bedürfnisse von LGBTIQ+ eingehe. Der Weg zur Öffnung für nicht heterosexuelle Menschen sei lang, dies verbinde die Religionen. Und immer wieder müsse es einzelne Menschen geben, die sich mutig für ein neues Geschlechterbild und Selbstverständnis der Religionen einsetzen, sagt die Buchwissenschaftlerin und freie Mitarbeiterin des Jüdischen Museums Franken, die offen von ihrem Lesbischsein spricht.
3000 Jahre alte Begriffe sind heute schwer zu deuten
Doch zunächst geht es an die sprachlichen Grundlagen des jüdischen Glaubens, die Tora. Die fünf Bücher Mose, die genau 304.805 hebräische Buchstaben umfassen, wurden vor vielen hundert Jahren "zu hundert Prozent von Männern zusammengetragen und verfasst, die ihrer Zeit verhaftet waren", sagt Regus.
Heute sei es schwer, 3000 Jahre alte Begriffe zu deuten. Wie etwa die Formulierungen in der Genesis, dass Gott den Menschen als Mann und Frau nach seinem Bild erschuf. Die Frau aus der Rippe des Mannes, als seine "Gehilfin". "Heute würden wir da sicher etwas anderes hinschreiben.
Aber könnte die Tatsache, dass Gott Mann und Frau schuf nicht auch Androgynität, also eine Verbindung von Männlichem und Weiblichem, bedeuten?", gibt Regus zu bedenken. Als die Tora geschrieben wurde, habe es keine Worte gegeben für Menschen, die sich non-binär verstehen.
Religiöse Vorschrift begründet Mord
Das Buch Levitikus im Alten Testament verbietet es, dass jemand "bei einem Mann liegt wie bei einer Frau". Im Mittelalter sei diese religiöse Vorschrift von Christen als Begründung für die Ermordung von Schwulen benutzt worden, "auch in Nürnberg wurden Männer getötet". Ebenso wie es auch Hexenverbrennungen gab, weil eine Frau angeblich lesbisch war. "In jüdischen Gemeinden fand nichts Vergleichbares statt", erklärt Regus.
In der Tora: Beispiele für queere Menschen
In den kleinen jüdischen Gemeinden in der Diaspora "funktionierte Verfolgung durch persönlichen Druck". Der Rabbiner habe alles unterdrückt, was abnorm hätte sein können. Schwulen, Lesben oder Frauen, die keine Kinder wollten, sei es fast unmöglich gewesen, den Vorgaben zu entsprechen.
Sprache als Machtinstrument ist bis heute wirksam. Obwohl sich in der Tora laut Michaela Regus durchaus Beispiele für queere Menschen finden lassen - etwa in der als homoerotische Liebe lesbaren Beziehung zwischen David und Jonathan im Buch Samuel oder in der engen Verbundenheit zwischen Rut und ihrer Schwiegermutter Noomi - sei den Menschen im Mittelalter Homosexualität verboten worden. Und noch in den 90er Jahren bekam es der New Yorker Rabbiner Steven Greenberg mit Hass und heftigen Protesten zu tun, als er sich outete und als erster orthodoxer Rabbiner Schwule offen traute.
Würde des Menschen unabhängig von Sexualität
Für Greenberg bedeutet die Aussage in der Tora, dass Gott den Menschen "zu seinem Bild schuf", dass die Würde eines Menschen nicht davon abhängt, ob seine sexuelle Orientierung einer traditionellen Norm entspricht. Ebenso argumentierte Regina Jonas, die 1935 in Berlin die erste ordinierte Rabbinerin weltweit war. Sie war davon überzeugt, dass in den jüdischen Schriften nichts dagegen spreche, dass Frauen Rabbinerinnen werden. Mann und Frau seien gleichermaßen nach dem Bild Gottes geschaffen, Frauen seien durch ihre Fähigkeit zur Empathie sogar noch mehr für das Amt der religiösen Lehrerin geeignet. "Sie durfte aber nie von der Kanzel predigen und wurde nur 'Fräulein Rabbinerin' genannt", sagt Regus. Regina Jonas wurde 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet.
Der jüdische Arzt Magnus Hirschfeld schuf den Begriff der "Transsexualität"
Erst 1972 wurde wieder eine Rabbinerin ordiniert - Sally Priesand in den USA. "Interessant ist auch das Kunstwerk 'A Recontextualized Ketubah'", erzählt Michaela Regus. 1994 heiratete die US-amerikanische Rabbinerin Malka Drucker die Fotografin Gay Block. In dem Kunstwerk ist ihr Hochzeitsfoto zusammen mit einer jüdischen Ketubba, den traditionellen Hochzeitsvorschriften für heterosexuelle Paare, zu sehen. "Sie wollten damit ausdrücken, dass sie beides leben wollen - die traditionelle Ehe ebenso wie das Lesbischsein."
Es war der jüdische Arzt Magnus Hirschfeld, der den Begriff der "Transsexualität" schuf. Er kämpfte im Berlin der Weimarer Republik für die Abschaffung des Paragrafen 175, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte. Hirschfeld, selber schwul und in einer Dreierbeziehung lebend, prägte den Ausdruck, dass Liebe nicht frei wählbar sei. Die sexuelle Orientierung sei Teil der Identität und nicht willentlich veränderbar. Folglich dürfe niemand wegen seiner geschlechtlichen Identität verfolgt werden.
Bis heute wird diese Botschaft vielerorts noch nicht gehört. Das ist in jüdischen Gemeinden nicht anders. "Ihre Haltung zur Homosexualität kann man nicht über einen Kamm scheren. Chassidische, orthodoxe Gemeinden sind aber sicher ausschließender als liberale", sagt Regus. In York in England feierte eine jüdische Gemeinde für Esther Thorpe, lesbisch und non-binär, eine genderneutrale Bnei-Mizwa. "Vieles ist möglich, wo Menschen offen sind." Damit diese Offenheit immer mehr werde, geht Regus zum CSD. Sie war in Berlin auf der Straße, als der Attentäter in die Menge raste. In Nürnberg findet der CSD dieses Jahr am 8. August statt.



