Bei den Bayreuther Festspielen hat der Publizist Michel Friedman Festspielleiterin Katharina Wagner eine große Aufgabe mit auf den Weg gegeben. "An diesem Wochenende beginnt es, das neue Bayreuth", sagte er am Sonntag bei der Gedenkveranstaltung "Verstummte Stimmen".
"Es beginnt eine neue Ordnung des Aufarbeitens, des Ausgrabens und des Redens, in aller Klarheit und öffentlich", sagte der 70-Jährige. Im voll besetzten Festspielhaus fand am Morgen nach der Eröffnung der diesjährigen Festspiele ein Gedenkkonzert für vertriebene und ermordete jüdische Künstlerinnen und Künstler statt.
Dem Konzert vorausgegangen waren im Juni zunächst eine Absage der geplanten Gedenkveranstaltung, ein großer öffentlicher Aufschrei sowie eine Entschuldigung und Wiedereinladung durch Festspielchefin Katharina Wagner. "Es gibt Auseinandersetzung und Streit, dann reicht man sich die Hand und macht weiter als Mensch und Freund", sagte Friedman in seiner Gedenkrede unter dem Titel "Über Bayreuth, über Deutschland. Versuch einer Gesellschaftsanalyse".
Verurteilung jahrzehntelangen Schweigens
Im Fokus der Rede standen Wagners Antisemitismus, die nationalsozialistischen Verstrickungen der Familie Wagner und das jahrzehntelange Schweigen darüber. Als nach dem Zweiten Weltkrieg 1951 die Festspiele wieder eröffnet wurden, baten Wolfgang und Wieland Wagner darum, von politischen Gesprächen abzusehen, erläuterte Friedman. Man könne jedoch keine Verantwortung für die Gegenwart übernehmen, wenn man die Vergangenheit nicht kenne, sagte er: "Nicht diejenigen, die an etwas erinnern, sind das Problem, sondern diejenigen, die sich nicht erinnern wollen."
Der frühere stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland besuchte vor dem Konzert zusammen mit Katharina Wagner die Ausstellung "Verstummte Stimmen" im Park neben dem Festspielhaus und nahm an einem Totengedenken teil. Er sei zum ersten Mal bei den Festspielen, sagte er dort. "Ich wäre auch nicht gekommen, wenn ich nicht eingeladen worden wäre."
Friedman bezeichnete den Grünen Hügel als "Nazigeschichte" und Richard Wagner als "furchtbaren Antisemiten". Dennoch dürfe man Kunst nicht einfach boykottieren. "Natürlich kann man die Festspiele besuchen, auch ohne schlechtes Gewissen, aber eben mit Wissen." Katharina Wagner, Urenkelin von Richard Wagner, wünsche keinen reibungslosen Verlauf. "Sie wollen, dass wir neben der Musik über Politik und Geschichte sprechen", sagte er zu Wagner.
Friedman: Haben den Anfängen nicht gewehrt
Friedman setzte sich in seiner Rede, die immer wieder von lautem Applaus begleitet wurde, auch mit aktueller Gesellschaftspolitik auseinander. "Wir haben den Anfängen nicht gewehrt, sondern sind mittendrin", sagte er mit Blick auf den grassierenden Antisemitismus in Deutschland.
Er forderte die Menschen dazu auf, sich gegen die Übernahme der Demokratie durch Rechtsextreme zur Wehr zu setzen. "Hoffentlich werden uns Menschen in 20 Jahren nicht fragen: Warum habt ihr die Demokratie so einfach denen übergeben, die sie zerstören?" Er rief dazu auf, die Bedrohung von rechts ernst zu nehmen. "Wir sind nicht hilflos. Es geht, wenn wir wollen", sagte Friedman.
Im 150. Jahr ihres Bestehens wollten die Festspiele laut eigenen Angaben "an jene jüdischen Künstlerinnen und Künstler erinnern, deren Wirken auf dem Grünen Hügel durch Judenhass, Verfolgung und Ermordung ein Ende fand". Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung durch Kammermusik von Gustav Mahler und Pavel Haas sowie durch Richard Wagners Siegfried-Idyll, dirigiert von Semyon Bychkov.



