Rechtsradikal? Das war gestern!

Felix Benneckenstein spricht vor Schülern.
epd-bild/Felix Benneckenstein/WarmUp-MV
Felix Benneckenstein gehörte neun Jahre lang zur rechtsextremen Szene, verdiente sein Geld mit rechter Musik. Heute berät der 39-Jährige Menschen, die aus der Szene aussteigen wollen.
Ex-Rechtsextremer berichtet
Rechtsradikal? Das war gestern!
Felix Benneckenstein gehörte neun Jahre lang zur rechtsextremen Szene, verdiente sein Geld mit rechter Musik. Heute berät der 39-Jährige Menschen, die aus der Szene aussteigen wollen.

Ein Bauwagen als Anlaufstelle für Jugendliche war für den 15-jährigen Felix Benneckenstein der Einstieg: "Der war von den Republikanern", erinnert er sich. Über dieses Mini-Jugendzentrum der rechten Partei geriet der gebürtige Starnberger in die rechtsextreme Szene. Neun Jahre lang gehörte er ihr an, wie er sagt.

Heute ist er davon weit entfernt: Seit zehn Jahren berät er selbst Aussteiger, ist Mitgründer des Vereins "Aussteigerhilfe Bayern". Um die 100 Menschen half der 39-Jährige nach eigenen Angaben schon, sich von der NS-Ideologie zu verabschieden. In seiner Jugend sei viel schiefgelaufen, erzählt er. Die Schule verließ er ohne Abschluss, mehrmals fiel er wegen kleinkrimineller Delikte auf. Aus persönlicher Unzufriedenheit habe er der Gesellschaft gegenüber eine feindselige Haltung entwickelt, so beschreibt er es heute.

Die Rechtsextremen hätten ihm das Gefühl gegeben, wieder irgendwo zu Hause zu sein. Mit Aussagen wie: "Der deutschen Jugend wird alles genommen" habe er sich identifizieren können. Ein tiefes Misstrauen gegenüber allen staatlichen Institutionen durchziehe die Szene. Holocaustleugnung ist laut Felix Benneckenstein eher die Regel denn die Ausnahme.

Rechtsextreme Musikszene

Sein Geld verdiente er in jener Zeit als rechtsextremer Musiker namens "Flex". Nicht zuletzt die Musik hält junge Leute in der Szene. Nach Kenntnis der Bundesregierung fanden von Anfang Juli bis Ende Dezember 2025 bundesweit 120 rechtsextremistische Musikevents statt. Doch irgendwann habe er gemerkt, dass es ihm psychisch nicht mehr gut ging.

Die Schwarz-Weiss-Rote Flagge steht oft im Kontext von rechtsextremistischer Ideologie.

"Im letzten Jahr in der Szene war ich fast nicht mehr nüchtern." Vor 15 Jahren kam Felix Benneckenstein dann in Kontakt mit dem Ausstiegsprogramm "Exit"-Deutschland". Der Weg zurück war alles andere als leicht, wie er sagt. Am schwersten sei der Abschied von alten Kameraden gewesen: "Mit einem hab' ich mich menschlich noch sehr verbunden gefühlt."

Unsichere Finanzierung

Die 2000 in Berlin gegründete Organisation "Exit" hat nach eigenen Angaben mehr als 1.000 Ausstiegswillige beraten, mit wenigen Ausnahmen erfolgreich. "Mehrheitlich wollen sie militant-rechtsextremistische Gruppen verlassen", sagt "Exit"-Leiter Bernd Wagner. "Exit" finanziert sich laut Wagner fast ausschließlich aus Spenden. Die geringe politische Unterstützung frustriere ihn sehr.

Dem Bundesinnenministerium liegen keine Zahlen vor, wie viele Aussteigerprojekte es deutschlandweit gibt. Grundsätzlich seien die Bundesländer für Deradikalisierung und Ausstiegsarbeit zuständig, erklärte eine Sprecherin. Wie es mit den Angeboten der Ausstiegs- und Distanzierungsberatung generell weitergeht, hängt auch mit der Neuausrichtung des Bundesprogramms "Demokratie Leben!" zusammen. Bisher wurden in jedem Bundesland entsprechende Angebote durch das Programm gefördert.

Verlässliche Förderstrukturen sind notwendig

Ab 2027 soll eine neue Förderrichtlinie greifen, deren Anpassung laut Bundesregierung noch nicht abgeschlossen ist. Stefan Tepper vom Landespräventionsrat Niedersachsen betont gegenüber epd: Längerfristig ausgerichtete, verlässliche Förderstrukturen seien notwendig. Denn Ausstiegsberatungsprozesse könnten einen Zeitraum von mehreren Jahren umspannen.

Das wissen auch die Mitarbeitenden der kleineren Initiative "Rote Linie" des St. Elisabeth-Vereins im hessischen Marburg. Dort wird Distanzierungsarbeit als Einzelfallhilfe angeboten. Finanziert wird dies laut Co-Leiter Torsten Niebling hauptsächlich über "Demokratie leben!", als Projekt. Das bedeute letztlich, von der Hand in den Mund zu leben: "Ich kann mich an kaum ein Jahr erinnern, in dem wir am 1. Januar wussten, wie es weitergeht."

Mobbing und fehlende Unterstützung

Das Team der "Roten Linie" arbeitet mit jungen Menschen, denen wegen rechtsextremistischer Äußerungen oder Handlungen Strafen drohen. Ziel sei es, sie vor dem Einstieg in verhärtete extremistische Gruppen zu bewahren. Über Eltern, Lehrer, Jugendarbeiter oder die Jugendgerichtshilfe kommen Niebling und seine Kollegen mit den Teenies im Alter zwischen 14 und 18 in Kontakt: "Wobei wir schon Anfragen bekamen, die Elfjährige betrafen."

Häufig kämen die jungen Leute über Social Media mit rechtsextremen Positionen in Kontakt. Auffällig ist laut Torsten Niebling, dass viele der begleiteten Jugendlichen von Mobbing berichten. "Und zwar nicht nur von Mobbing an sich, sondern auch davon, dass niemand sie unterstützt hat." In rechtsextremen Szenen erhoffen sich die Teenager die Erfüllung eines großen Wunsches: Nicht länger "Opfer" zu sein.

Sucht und Leidenschaft für Waffen

In München hilft Daniela Marckmann, Leiterin der 2009 gegründeten Bayerischen Informationsstelle gegen Extremismus (BIGE), Rechtsextremisten und Reichsbürgern beim Ausstieg. Es gehe beim Prozess der Abspaltung von der Szene keineswegs nur darum, sich mit der extremistischen Ideologie auseinanderzusetzen, sagt Marckmann. Nicht selten müssten auch Krisensituationen bewältigt werden: Berater seien mit psychischen Problemen, Sucht oder einer Leidenschaft für Waffen konfrontiert.

Felix Benneckenstein wollte sich vor seinem endgültigen Ausstieg aus der rechtsextremen Szene von dem "Kameraden", mit dem er sich noch verbunden fühlte, persönlich verabschieden. Sein "Exit"-Berater riet ab, das könne gefährlich werden. Benneckenstein hörte nicht auf ihn, nahm Abschied und beschreibt den Moment so: "Da waren meine Zweifel weg: Ich will da weg."