Das Thema ist wichtig, keine Frage, aber langsam stellt sich auch ein gewisser Ermüdungseffekt ein: In letzter Zeit hat sich nahezu jede Krimireihe mit Femiziden befasst. Das Wort gibt es seit dem frühen 19. Jahrhundert, aber vor fünfzig Jahren erhielt es eine feministische und somit auch politische Bedeutung: als Bezeichnung für Morde, die Männer aus Frauenhass begehen. Es dauert allerdings eine Weile, bis dieser elfte "Irland-Krimi" zur Sache kommt.
Zunächst hat die Polizei von Galway keinerlei Anhaltspunkte, als die Leiche von Orla Hayes gefunden wird. Ein Spaziergänger hatte die fast zu Tode geprügelte Frau kurz zuvor am Flussufer entdeckt. Als die Rettungskräfte eintrafen, war sie jedoch verschwunden. Anscheinend hat sie sich mit letzter Kraft nach Hause geschleppt; vor ihrer Haustür ist sie gestorben.
In unmittelbarer Nähe des Flusses befindet sich ein Club, doch die Aussagen der vielen Gäste führen allesamt nicht weiter, deshalb konzentrieren sich die Ermittlungen von Superintendent Kelly (Declan Conlan) alsbald auf Orlas Ex-Freund. Patrick Farrell (Emmet Byrne) passt perfekt ins Täterprofil: Der Mann hat eine Vorstrafe wegen Körperverletzung, fährt leicht aus der Haut und hat offenbar nicht verwunden, dass Orla die Beziehung beendet hat; sein Alibi ist ebenfalls fragwürdig. Ein weiterer Todesfall scheint Kellys Vermutung zu bestätigen. Für ihn ist der Fall klar und somit abgeschlossen; einzig Cathrin Blake hat erhebliche Zweifel an Farrells Schuld.
Damit der Superintendent die von Désirée Nosbusch wie stets sehr glaubwürdig verkörperte Psychologin in die Ermittlungen einbeziehen kann, hat Autor Markus Busch ihre Mitwirkung in seinem ersten "Irland-Krimi" mit einer plausiblen Idee eingefädelt: Cathrin ist schon lange trocken, engagiert sich aber nach wie vor als "Sponsorin" bei den Anonymen Alkoholikern. "Sponsorship" hat in diesem Fall zwar nichts mit Geld zu tun, ist aber dennoch so etwas wie eine Bürgschaft.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Bill Wilson und Robert Holbrook Smith, die beiden von den Mitgliedern bloß Bill W. und Dr. Bob genannten Gründer der Selbsthilfeorganisation, hatten erkannt, dass man dem Teufelskreis allein nicht entfliehen kann und daher einen Bürgen braucht, dem das gelungen ist. Diese Rolle hat Cathrin bei Orla (Fionnuala Gygax) übernommen, weshalb ihr der Tod der jungen Frau natürlich besonders nahegeht.
Mit einem zweiten Handlungsstrang ergänzt Busch die Handlung um eine weitere Facette, die Kellys These zumindest aus Publikumssicht zu bestätigen scheint, als Cathrin die neue Freundin ihres Sohnes Paul (Rafael Gareisen) kennenlernt: Auch der Ex von Fiona (Áine Keaveney) hat die Trennung nicht verkraftet und hört nicht auf, ihr nachzustellen. Als der Stalker wieder mal vor der Tür steht, platzt Paul der Kragen. Es kommt zu einer wüsten Schlägerei am Strand; am Ende landet Paul im Krankenhaus. Einen konkreten Bezug zur Mördersuche hat der Vorfall zwar nicht, aber er fügt dem Thema Frauenhass einen weiteren Aspekt hinzu. Das gilt auch für die Rolle von Angus (Jo Dow): Orlas finsterer Onkel hat das Mädchen einst missbraucht und geht Cathrin an die Gurgel, weil er glaubt, dass sie ihm den Mord anhängen will. Dass sich der Überfall in ihrem eigenen Haus ereignet, macht die ohnehin sehr realistisch gefilmte Würgeszene noch unangenehmer.
Davon abgesehen hat Regisseur Matthias Tiefenbacher das Drehbuch vergleichsweise zurückhaltend umgesetzt. Sein sechster "Irland-Krimi" konzentriert sich auf die psychologische Ebene der Geschichte. Klug integrierte Rückblenden sorgen für viel Empathie, wenn sich Cathrin zum Beispiel an Orlas ersten Besuch bei den Anonymen Alkoholikern erinnert. Damals hat sich die junge Frau vorgenommen, "die Bestie" zu besiegen. Das ist ihr in der Tat gelungen. Der Film beginnt mit ihrer letzten Teilnahme, als sie eine Münze für drei Monate ohne Alkohol erhält. Von jetzt an, sagt sie, werde sie optimistisch in die Zukunft blicken; da lässt sich bereits erahnen, dass sie diese Zukunft nicht erleben wird.
Am nächsten Morgen, die beiden Frauen sind verabredet, wartet Cathrin vergeblich; stattdessen überbringt Kelly ihr die Todesnachricht. Später zeigt Tiefenbacher, wie Orla vor ihrer Haustür zusammenbricht; ihr letzter Blick gilt dem Sternenhimmel. Ein kleiner, aber nicht unerheblicher Wermutstropfen ist wie bei vielen Auslandskrimis der ARD-Tochter Degeto die nicht rundum gelungene Synchronisation, weshalb die Leistungen von einigen der mit Ausnahme von Nosbusch und Gareisen ausschließlich einheimischen Mitwirkenden nicht seriös beurteilt werden können.



