TV-Tipp: "Polizeiruf 110: Ablass"

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15. März, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Polizeiruf 110: Ablass"
Der Film mit dem zunächst irritierenden Titel "Ablass" beginnt rasant: Ein Sportwagen rast in irrwitzigem Tempo durchs nächtliche München. In einer Tempo-30-Zone kommt es zur tödlichen Kollision mit einem Radfahrer.

Die meisten Menschen werden mit dem juristischen Begriff "Strafklageverbrauch" erst mal nicht viel anfangen können. Etwas geläufiger ist das Verbot der Doppelbestrafung, zumal dieser Rechtsgrundsatz immer mal wieder zum Krimithema wird: Ist ein Urteil ergangen, das rechtlich nicht anfechtbar ist, darf eine Person kein zweites Mal wegen einer konkreten Tat angeklagt werden. "Ne bis in idem" lautet der entsprechende Grundsatz aus dem Römischen Recht: "nicht zweimal in der selben Sache".

Die entsprechenden Drehbücher beginnen gern mit einem Freispruch. Dann werden neue Indizien entdeckt, aber die Ermittlungen dürfen aufgrund des Strafklageverbrauchs nicht neu aufgerollt werden. Das gilt erst recht, wenn jemand bereits wegen dieser Tat verurteilt worden ist. Vor diesem Hintergrund hat sich Christian Bach (Buch und Regie) eine Geschichte ausgedacht, die dem Themenkomplex einen völlig neuen Aspekt abgewinnt. Sein Film mit dem zunächst irritierenden Titel "Ablass" beginnt rasant: Ein Sportwagen rast in irrwitzigem Tempo durchs nächtliche München. In einer Tempo-30-Zone kommt es zur tödlichen Kollision mit einem Radfahrer.

Später wird sich rausstellen, dass das Auto mit 120 Stundenkilometern unterwegs war. Die Person am Steuer bremst und fährt dann scheinbar ungerührt weiter. Hätte sie die Notrufzentrale informiert, wäre der Mann noch zu retten gewesen; als er eine halbe Stunde gefunden wird, kommt jede Hilfe zu spät.

Kurz drauf führt Bach einen völlig anderen zweiten Handlungsstrang ein: Aus einem Staubecken des Isarkanals wird eine weibliche Leiche geborgen. Der Körper ist vor zwei Jahren versenkt worden. Die Identität des Opfers ist rasch ermittelt. Es handelt sich jedoch nicht um einen "Cold Case, der gerade wieder heiß wird", wie Kommissarin Cris Blohm (Johanna Wokalek) zunächst vermutet.

Der Fall ist keineswegs ungelöst, sondern sogar längst abgeschlossen, denn es gab damals eine Verurteilung: Laut dem Geständnis eines Flüchtlings aus Burkina Faso ist die Frau beim gemeinsamen Drogenkonsum kollabiert. Aus Angst vor Abschiebung hat er sie in Einzelteilen im Hausmüll entsorgt. Damit war die Sache für die Ermittlungsbehörden erledigt, schließlich landet der Müll in einer Verbrennungsanlage.

Aufgrund des Leichenfunds ist klar, dass der Mann zumindest in dieser Hinsicht gelogen hat. Auch dafür gibt es eine Erklärung: Die Leiche weist Spuren einer Vergewaltigung auf, das Strafmaß wäre deutlich höher ausgefallen; so wurde er wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Ein Detail macht Blohm allerdings stutzig: Es gab keinerlei Indizien, Beweise oder Aussagen, die den Afrikaner belastet hätten. Und wenn ihn, wie sich einwenden ließe, sein Gewissen geplagt haben sollte: Hätte er dann nicht die ganze Wahrheit gestanden?

Natürlich ahnt das fachkundige Publikum, dass der Leichenfund und die Fahrerflucht in irgendeiner Form zusammenhängen müssen, aber wie Bach die beiden Ebenen miteinander verknüpft, ist in hohem Maß verblüffend. Dabei hilft ihm ein Schauspieler, den er vor vielen Jahren mit einem mutmaßlich vorzüglichen Drehbuch überzeugen konnte, die Hauptrolle in seinem Debütfilm zu übernehmen: In "Hirngespinster" verkörperte Tobias Moretti einen gefeierten Architekten, den eine psychische Erkrankung komplett aus der Bahn wirft. In "Ablass" spielt er bloß eine Nebenfigur, bei der jedoch alle Fäden zusammenlaufen. Der Österreicher hat als Star-Anwalt nur wenige Szenen, doch die haben es in sich; erst recht, als der joviale Jurist zum Gegenspieler von Blohm und ihrem Kollegen Eden (Stefan Zinner) avanciert.

Zunächst jedoch greift Bach, der zuletzt fürs ZDF den ebenfalls sehenswerten Psychothriller "In fremden Händen" (2026) gedreht hat, den zweiten Fall auf. Die Besitzerin (Victoria Mayer) hat ihren von einer Streife entdeckten Wagen zwei Tage nach dem Unfall als gestohlen gemeldet. Fingerabdrücke führen die Polizei zu einem wegen Autodiebstahls vorbestraften arbeitslosen Kfz-Mechaniker (Shenja Lacher), der die Tat umstandslos zugibt. Sein Geständnis erspart ihm die Untersuchungshaft, was sich wiederum als äußerst verhängnisvoll erweist.

Bach und sein Kameramann Namche Okon haben diese Geschichte in denkbar triste Bilder umgesetzt. Szenenbild und Kostüm kommen derart konsequent ohne fröhliche Farben aus, dass der Film stellenweise fast schwarzweiß wirkt. Das passt zur Botschaft des Films: Wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der das Recht der Reichen gilt? Als Blohm den Strafverteidiger mit dieser Frage konfrontiert, stellt der Jurist nüchtern fest: "Gerechtigkeit ist kein Naturgesetz."